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Warum der Fall Cyntoia Brown für weltweites Entsetzen sorgt

Dominique Sisley

Von Rihanna bis Kim Kardashian West: Immer mehr Prominente posten in den sozialen Netzwerken über das Unrecht, das der jungen Amerikanerin widerfahren ist. Was muss als Nächstes passieren, damit #FreeCyntoiaBrown endlich Erfolg hat?

Foto: Screenshot vonInstagram

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Wenn du in letzter Zeit in den sozialen Netzwerken unterwegs warst, wirst du mit Sicherheit über den Fall Cyntoia Brown gestolpert sein. Der Name der 29-Jährigen, die wegen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe absitzen muss, erschien nicht nur auf den Instagram-Accounts von Rihanna, Kim K und Cara Delevingne – sie gehören zu den Tausenden, die Cyntoias Geschichte geteilt haben.


Aus dem VICE-Netzwerk: Der Mordprozess um die 15-jährige Bresha Meadows


Die damals 16-Jährige wurde 2006 vom Gericht des Mordes an dem 43-jährigen Immobilienmakler Johnny Mitchell Allen mit dessen eigener Waffe für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe im staatlichen Frauengefängnis von Tennessee verurteilt. Laut Anklage habe die "gefährliche" Cyntoia Brown den Mord begangen, um an Johnny Mitchell Allens Geld und seinen Truck zu kommen. Das Urteil schließt eine vorzeitige Entlassung vor dem 69. Lebensjahr aus. Doch das ist nur ein Bruchteil der bewegenden Geschichte.

Nachdem Cyntoia als Kind sexuell missbraucht wurde, wurde sie als Minderjährige zur Prostitution gezwungen. In der besagten Nacht von Allens Tod wurde sie von ihrem Zuhälter, bekannt als "Kutthroat", dazu verdonnert, sich auf den Straßen herumzutreiben, um mehr Geld für ihn zu besorgen. "Er sagte, dass ich nachlasse", erklärte Cyntoia vor dem Richter . "Dass ich mich zu einer Versagerin entwickle und mehr Geld verdienen solle."

Kim Kardashian möchte ihre Anwälte einschalten, um herauszufinden, wie das Ganze "gelöst werden" kann.

Der ehemalige Scharfschütze und 27 Jahre ältere Johnny Mitchell Allen war einer ihrer Freier und nahm die damals Minderjährige mit zu sich nach Hause, um ihr seine Waffensammlung zu zeigen, bevor er sie aggressiv zwischen die Beine fasste. "Mir lief ein Schauer über den Rücken", erinnerte sich die 29-Jährigen während der Gerichtsverhandlung an den Abend. Sie habe aus Notwehr gehandelt, nachdem sie ihn dabei gesehen habe, wie er "eine Waffe holen wollte". Auch wenn sie zum Tatzeitpunkt noch minderjährig war, entschied das Gericht, dass sie nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird.

Cyntoias Geschichte wurde in den letzten 11 Jahren immer wieder von den Medien aufgegriffen; 2011 wurde sogar die Dokumentation Me Facing Life, Cyntoia’s Story darüber veröffentlicht. All diese Dinge haben zwar dabei geholfen, ein Bewusstsein für ihren Fall zu schaffen, aber veränderten nichts an ihrer Situation.

Dank Kim Kardashians Tweet landete die Geschichte von Cyntoia Brown erneut in den Medien. "Das System hat versagt", schrieb der Reality-TV-Star seinen 57 Millionen Follower auf Twitter und postete daneben ein Foto der damals Minderjährigen. Rihanna zog nach: "Haben wir irgendwann die Definition von Gerechtigkeit verändert? Es läuft etwas schrecklich schief, wenn das System solche Vergewaltiger schont, aber das Opfer lebenslang weggesperrt wird."

Beide Posts wurden von Hunderttausenden Follower gelikt und geteilt. Der Hashtag #FreeCyntoiaBrown flutete das Internet und Medien richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Fall und die große Ungerechtigkeit. Kim hat sogar geschrieben, dass sie ihre Anwälte einschalten würde, um herauszufinden, wie das Ganze "gelöst werden" kann.

Das neue Interesse an ihrem Fall blieb auch Cyntoia nicht verborgen. "Wir sind sehr dankbar, dass uns so viele Prominente unterstützen", sagt ihr Anwalt zur New York Times. "Sie freut sich, dass sich so viele Menschen für sie interessieren."

Wir müssen jetzt aktiv werden und dafür sorgen, dass ihr Fall nicht nur zu einer Schlagzeile wird, die in den Unweiten des medialen Nichts verschwindet.

In ihrer Zeit im Gefängnis hat die mittlerweile 29-Jährige einen Studienabschluss gemacht und war Mentor für andere weibliche Insassen. Sie wird als "Vorbild-Gefangene" beschrieben, die Mitinsassen motiviert, ihr ganzen Potenzial auszuschöpfen.

Natürlich ist die ganze Publicity eine gute Sache, besonders wenn man weiß, wie leicht so ein Fall in den Nachrichten untergehen kann. Deswegen gibt es seit letzter Woche eine Petition an den US-Präsidenten, die die Begnadigung für die Amerikanerin fordert. Bereits über 400.000 Menschen haben unterzeichnet. Aber reicht eine Online-Petition wirklich aus? Und was passiert, wenn ein neuer Missstand unsere Aufmerksamkeit absorbiert?

Diese Art von modernem Hashtag-Aktivismus teilt die Gemüter. Wenn es gut läuft, werden Millionen Spendengelder gesammelt (#icebucketchallenge) und es entstehen globale, kosmopolitische Bewegungen (#BlackLivesMatter). Dieser Aktivismus kann Urteile aufheben, wie zum Beispiel im Fall Meriam Ibrahim, deren Todesstrafe nach einer internationalen Protestwelle aufgehoben wurde, und der aus Making A Murderer bekannte Brendan Dassey, welcher aus der Haft entlassen wurde, nachdem seine Geschichte in den sozialen Netzwerken geteilt wurde. Doch dieser Aktivismus hat auch seine negativen Seiten. Er legt unsere immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne offen. Wer erinnert sich noch an #Kony2012?

Aus diesem Grund ist es auch so leicht, zynisch zu werden. Wie lange wird es dauern, bis der Fall von Cyntoia wieder aus dem Radar unserer Aufmerksamkeit verschwindet? Wir müssen jetzt aktiv werden und dafür sorgen, dass ihr Fall nicht nur zu einer Schlagzeile wird, die in den Unweiten des medialen Nichts verschwindet.

Die Petition für Cyntoia Brown kannst du hier unterschreiben.