Still aus Madeline's Madeline

© Oscilloscope Laboratories

12 Filme von Regisseurinnen, die ihr nicht verpassen solltet

Die Oscars haben bei den Nominierungen Frauen mal wieder gekonnt ignoriert – aber deswegen müssen wir das ja nicht.

von Molly Gillis
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04 Februar 2019, 3:53pm

Still aus Madeline's Madeline

© Oscilloscope Laboratories

Von 455 Regisseuren, die seit der Gründung der Academy Awards als Best Director nominiert wurden, waren fünf weiblich. Fünf. In fast 90 Jahren. Und nur eine von ihnen hat den Preis tatsächlich eingesackt – Kathryn Bigelow für The Hurt Locker (2010). Auch die Oscar-Nominierungen 2019 fallen in das Muster, nämlich mit exakt null Regisseurinnen.

Wie auch immer du über die Academy Awards denkst, diese absurden Nominierungen beweisen einmal mehr, wie die Mainstream-Kultur Frauen wahrnimmt. Was im Falle der Regisseurinnen in diesem Jahr bedeutet: überhaupt nicht. Doch die Arbeiten sind da, die Filme existieren und sind offensichtlich großartig. Ich bin Filmemacherin, nur Minuten nachdem ich die Liste der Nominierten gelesen habe, fallen mir direkt 12 Filme von Frauen ein, die mich 2018 komplett umgehauen haben. Und alle haben sie eine bessere Bewertung auf Rotten Tomatoes als Bohemian Rapsody, Anwärter auf ganze fünf Oscars.

Hier sind also meine Gewinnerinnen – die besten Regisseurinnen 2019.

The Rider
Chloe Zhao ist die Göttin, die bei The Rider Regie geführt hat. Der von einer echten Geschichte inspirierte Film folgt einem jungen Rodeo-Reiter, der nach einem Schädel-Hirn-Trauma gezwungen ist, seine Leidenschaft aufzugeben. Virtuos verwischt Zhao die Grenzen zwischen Dokumentation und Erzählung, die Mitwirkenden sind größtenteils keine professionellen Schauspieler. Die Regisseurin bricht uns das Herz und beeindruckt mit ihren Landschaftsaufnahmen – sei gefasst auf epische Kamerafahrten, mit Wildpferden und Sonnenuntergängen über der Prärie. Ach, geschrieben hat sie das Ganze übrigens auch selbst. Zhao hat mit diesem Film ein denkwürdiges Kunstwerk erschaffen, was anscheinend auch den Leuten von Marvel aufgefallen ist. Die haben sie nämlich direkt für ihren nächsten Streifen angeheuert.

Private Life
Verantwortlich für die Regie und das Drehbuch ist Tamara Jenkins, bei der es nicht überraschen würde, wenn sie die Bezeichnung Dramedy erfunden hätte. Private Life ist die Geschichte eines alternden New Yorker Pärchens, das verzweifelt versucht, ein Kind zu zeugen. Eine unerschütterliche Kathryn Hahn und ein ängstlicher Paul Giamatti in den Hauptrollen bringen dich dazu, den Schmerz wegzulachen – eine besondere Stärke von Tamara Jenkins. Der Film wurde beim Sundance Festival sowie dem New York Film Festival gezeigt und ist still und heimlich auf Netflix veröffentlicht worden. Dabei hat dieser tolle Film viel größere Aufmerksamkeit verdient!

Madeline’s Madeline
Josephine Decker hat nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Madeline’s Madeline ist ein experimenteller Film über eine junge, talentierte Schauspielerin, die am Theaterkurs einer manipulativen Lehrerin teilnimmt und dissoziative Episoden erlebt. Diese kurze Zusammenfassung wird der wilden, furchtlosen und verstörenden Erzählung allerdings nur teilweise gerecht – Madeline’s Madeline verwischt die Grenzen zwischen Fantasie, Realität und Selbstdarstellung. Ein Film, der aufwühlt und dich hinterher nicht mehr loslässt.

Glücklich wie Lazzaro
Die italienische Filmemacherin Alice Rohrwacher hat in diesem modernen Märchen einen wunderschönen magischen Realismus kreiert. Glücklich wie Lazzaro folgt einem jungen Mann, der eine Entführung für seinen Boss, einen spießbürgerlichen Großgrundbesitzer, inszeniert. Doch dann schläft er ein und wacht erst Jahrzehnte später wieder auf, irgendwo auf dem Land in Italien. Atemberaubende Gutshöfe und Klassenkonflikte des 20. Jahrhunderts festgehalten auf 16mm-Film – ein wichtiges Detail für die wahren Kino-Geeks unter uns. Der Film wurde für die Goldene Palme in Cannes nominiert, gewonnen hat er letztendlich einen Preis für das Drehbuch. Rohrwacher ist ein wahres Genie.

Dead Pigs
Cathy Yan hat Regie geführt bei dieser düsteren Komödie über tote Schweine, die in einem Fluss in Shanghai herumschwimmen. Das mag eine ziemlich verrückte Beschreibung sein, aber etwas anderes wird diesem exzentrischen Film nicht gerecht. Er erzählt aus dem Leben von fünf Figuren, die mit der chinesischen Modernisierung und Gentrifizierung konfrontiert werden. Der Streifen ist stilvoll, farbenfroh und energiegeladen – Cathy Yans Arbeit spielt in einer ganz eigenen Liga. Dead Pigs feierte seine Premiere beim Sundance, bisher gab es noch keinen Kinostart. Das sollte sich aber ändern! Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, denn Yan soll nun auch beim nächsten Harley-Quinn-Film Regie führen.

Leave No Trace
Debra Granik ist eine sehr geduldige Regisseurin. Nach Winter's Bone mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle ließ Granik sich acht Jahre Zeit, bis sie mit ihrem nächsten Film Leave No Trace auf die Leinwände zurückkehrte. Sie hat ihre Karriere in der Welt des Dokumentarfilms begonnen – deswegen beobachtet sie ihre Subjekte auch so genau, dass ihre Werke vor Authentizität nur so strotzen. Leave No Trace ist die komplizierte Geschichte eines Veteranen, der an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet und mit seiner Tochter in verschiedenen öffentlichen Parks in Nordamerika lebt. Ein schöner, gefühlvoller Film über das Leben der Arbeiterklasse im ländlichen Amerika – wie alle Werke von Granik.

Little Woods
Nia Dacosta liefert ein starkes Debüt, das seine Premiere beim 2018 Tribeca Film Festival feierte. Dieser launenhafte Drama-Thriller erzählt die Geschichte zweier ungleicher Schwester, die unwiderstehliche Tessa Thompson und Lily James, die sich den Hintern aufreißt, um die Hypothek der kürzlich verstorbenen Mutter abzuzahlen. Aber lasst euch überraschen, wenn dieser intensive, düstere Film im Frühling in die Kinos kommt. Jordan Peele hat übrigens Nia Dacosta engagiert, um bei seinem neuesten Projekt, einem Horrorfilm namens Candyman, Regie zu führen. Bleibt gespannt!

The Miseducation of Cameron Post
Desiree Akhavan ist unglaublich witzig und smart – was The Miseducation of Cameron Post anschaulich beweist. Auch wenn es Akhavans erster Film ist, in dem sie nicht selbst mitspielt. Zwar kann Miseducation mit früheren Werken der iranischen, queeren Filmemacherin nicht mithalten, die Regisseurin leistet aber – wie immer – solide Arbeit. Sie adaptierte den gleichnamigen Roman, in dessen Zentrum die Geschichte eines Therapiezentrums steht, das versucht, queere Teens hetero zu machen. Homofeindlichkeit ist natürlich alles andere als lustig, Akhavan verpasst dem Film dennoch eine gewisse Ironie. Außerdem hat Ashley Connor, Director of Photography der Extraklasse, diesen Film gedreht, genauso wie auch Madeline's Madeline.

The Kindergarten Teacher
Sara Colangelo steckt hinter dieser amerikanischen Version des 2014 veröffentlichten, gleichnamigen Films aus Israel. In der Hauptrolle: eine rätselhafte Maggie Gyllenhaal als Kindergärtnerin, die besessen ist von einem ganz besonders talentierten Schüler, einem begabten, fünf Jahre alten Dichter. Colangelo schafft es während des kompletten Films, eine unbehagliche Spannung aufzubauen – wie etwa als eine zerzauste Gyllenhaal auf der Staten Island Ferry steht und im Hintergrund die Streicher pulsieren. Irgendwie sexy und gefährlich. Poetisch.

Can You Ever Forgive Me?
Marielle Heller hätte für dieses Meisterwerk eine Oscar-Nominierung verdient, dennoch wurde der Film ignoriert. Die Geschichte basiert auf dem Leben der Schriftstellerin Lee Israel, gespielt von Melissa McCarthy. Die heruntergekommene Autorin, beginnt historische Briefe bekannter Schriftsteller zu fälschen, um sie für schnelles Geld zu verkaufen. Der Film hat Herz, Humor und Heller schafft es, das wohl unerotischste Verbrechen, Fälschung, in etwas Verruchtes und Spannendes zu verwandeln.

Night Comes On
Jordana Spiro hat sich mit ihrem Erstlingswerk hinausgewagt ins wilde Filmgeschäft. Und das ist gut so! Night Comes On stammt nicht allein aus ihrer Feder, sondern wurde gemeinsam mit Angelica Nwandu, Gründerin von The Shade Room (für die Insta-Fans da draußen), verfasst. In dem Film geht es um Angel, die gerade aus dem Jugendgefängnis entlassen wurde und nun aufbricht, um ihren Vater zu konfrontieren. Der ist nämlich ohne Strafe mit dem Mord an ihrer Mutter davongekommen. Die Geschichte klingt erst einmal schlimm – und das ist sie auch –, doch verleiht ihm Spiro durch ihre Regiefähigkeiten Leichtigkeit und Mitgefühl. Und dann ist da noch Dominique Fishback in der Hauptrolle, die eine einmalige Lebhaftigkeit und Zärtlichkeit mitbringt. Noch wundervoller wird der Film durch Aufnahmen von langen, ruhigen Busfahrten quer durch Pennsylvania und verträumte Detail-Shots. Falls das noch nicht genug Gründe sind Night Comes On zu schauen, gönnt euch Spiros Kurzfilm Skin als Beweis .

High Life
Schnallt euch an, hier kommt High Life, von Regisseurin Claire Denis, der Königin der Königinnen. Bis dieser Film endlich in die Kinos kommt, kannst du dich schon mal vorbereiten, indem du dir ihren Vorgänger Beau Travail reinziehst. High Life wurde beim Toronto International Film Festival und New York Film Festival gespielt und ist e.p.i.s.c.h. – außerdem spielt Andre3000 mit! Sie ist Französin. Sie ist ein echter Badass. Sie ist schon jetzt eine Legende.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

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