Fotos: Stills aus 'Mid90s'

Jonah Hill über die toxische Vorstellung von Männlichkeit

Wir haben uns mit dem Regisseur über seinen Film 'Mid90s' unterhalten – und dabei sehr viel gelernt.

von Joseph Walsh
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03 April 2019, 10:15am

Fotos: Stills aus 'Mid90s'

Jonah Hill ist in der Leitung, der Tag könnte nicht besser beginnen. Das Ganze wird nur von dieser News getoppt: Vampire Weekend haben gerade ihr Jerry-Seinfeld-Video für Sunflower veröffentlicht, bei dem Hill Regie geführt hat. Doppel-Jackpot. "Ich habe Jerry eine Nachricht geschrieben und meinte, 'Du bist ein krasser Vampire Weekend Fan, oder? Willst du in ihrem neuen Video mitspielen oder zum Abendessen vorbeikommen?' Jerry meinte nur, 'Ich bin dabei. Aber ich würde nie mit dir essen gehen. Sag mir einfach, wann ich wo sein soll.'"

Jonah Hill mangelt es nicht an berühmten Freunden, das steht außer Frage. Seitdem er 2017 den sexsüchtigen Seth in Greg Mottolas Coming-of-Age Komödie Superbad spielte, arbeitet er mit den Besten im Geschäft. Doch die einst etwas, nunja, dümmlichen Rollen tauschte Jonah schnell mit dramatischeren Rollen aus, die ihm zwei Oscar-Nominierungen einbrachten – für Bennett Millers Moneyball und für Martin Scorseses Wolf of Wall Street. Jonah wurde zu einer Kultfigur, wandelte sich langsam zu einer Stilikone und tauchte plötzlich in Palace-Werbungen auf. Mittlerweile gibt es sogar ganze Instagram-Accounts (bestes Beispiel: @jonahfits), die sich ganz seinen teils kontrovers diskutierten Looks widmen. Fun Fact: In New York wird der 30. Juni sogar als mehr oder weniger offizieller Jonah Hill Tag zelebriert.

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Doch trotzdem hat er noch immer ein Problem: Viele Leute setzen seine Rollen auf der Leinwand mit dem realen Jonah gleich. Sie ziehen keine Unterschiede. Erst kürzlich leitete Jimmy Kimmel in seiner Talk Show ein Interview für Mid90s mit folgenden Worten ein: "Du riechst gut, was mich überrascht." Trotz seiner Sonnenbrille lässt sich leicht erkennen, dass Jonah nicht gerade beeindruckt ist. Ist er es leid, ständig in eine Schublade gesteckt zu werden? "Wenn ich jemanden einen grandiosen Dunk beim Basketball machen sehe, nehme ich an, dass die Person das gut kann. Und will sehen, wie diese Person das immer wieder macht", so Jonah. "Wenn diese Person sich dann zu mir umdreht und sagt, sie wolle jetzt plötzlich Golf spielen, denkst du dir natürlich im ersten Moment 'Hey! Warum versenkst du nicht einfach den Basketball? Das machst du doch verdammt gut'. Ich verstehe das schon." Jonah ist diplomatisch, aber das macht es nicht unbedingt leichter. Als sein guter Freund und renommierter Regisseur Spike Jonze zu ihm sagte, er müsse einen wirklich guten Film machen, um wieder neutral wahrgenommen zu werden, wurde Jonah plötzlich hellhörig. Irgendwie hatte er recht ...

Und so hat Jonah nur auf den richtigen Moment gewartet, um sein Debüt als Regisseur zu geben. Jonah ist seit über einem Jahrzehnt in der Industrie, hat tonnenweise Erfahrungen angehäuft und von den Coen Brüdern, Quentin Tarantino, Gus Van Sant und Cary Joji Fukunag gelernt. Eine ganz stattliche List an Mentoren. Doch mit Mid90s hat Jonah einen Film kreiert, der aus seinem eigenen Leben heraus entstand – wie er selbst mitten in der Skate-Kultur von L.A. aufwuchs.

Im Film folgen wir der Geschichte von Stevie (Sunny Suljic), ein Kind, das mit einer mit Problemen überladenen Mutter (Katherine Waterston) und einem Arschloch von Bruder (Lucas Hedges) zu kämpfen hat. Stevie findet einen Weg, seinem häuslichen Leben zu entkommen, als er von einer Gruppe älterer Skater aufgenommen wird. Es ist erfrischend anders, auch wenn viele Kritiker den Film mit Harmony Korines Kids verglichen. Zugegeben, es gibt gerade eine ganze Welle an Skate-Filmen wie Minding the Gap von Bing Liu und Crystal Moselles Skate Kitchen, doch Mid90s hat etwas an sich, das sich eben in keine bereits vorhandene Schublade stecken lässt.

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Jonah weiß, dass die Skate-Kultur über die Jahre hinweg von Hollywood ausgebeutet wurde. "Wenn die Dinge immer so schlecht gemacht werden, muss es dieses Mal besser werden", so der Regisseur weiter. "Mein Job war und ist es in erster Linie, einen Film zu machen, den ich in einem Raum voller Skater zeigen kann. Ich wollte, dass sie sich respektiert fühlen." Wenn man sich die Reaktionen der Skate-Community anschaut, hat Jonah definitiv alles richtig gemacht. Er hat sogar Mikey Alfred von Illegal Civilisation als Co-Produzent mit an Bord geholt. Und Spike Jonzes Videograf Aaron Meza um Hilfe gebeten, was die richtigen Graffitis aus der Zeit anging.

Aber es ging Jonah nicht nur darum, die Skate-Szene authentisch darzustellen. "Ich wollte auch die fehlerhafte Vorstellung von Männlichkeit beleuchten, mit der ich aufgewachsen bin", erklärt der amerikanische Regisseur. "In meiner Generation – und in der davor – resultierten viele Fehler aus der Tatsache, keine Emotionen ausdrücken zu können." In einer Szene macht Stevie mit einem Mädchen rum. Es ist seine erste sexuelle Erfahrung. Trotzdem wird in der Szene bereits deutlich, wie dieser private Moment sofort von der toxischen Vorstellung von Maskulinität dieser Zeit besudelt wird. "Seine erste sexuelle Erfahrung wird nicht von dem Mädchen definiert, mit der sie passiert, sondern davon wie seine Freunde ihn danach sehen", so Jonah. "Diese Erfahrung jagt ihm Angst ein. Trotzdem verstehst du auch sofort, welchen Respekt sie ihm unter seinen älteren Freunden verschafft."

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Jonah wollte zeigen, dass diese jungen Männer nicht in der Lage sind, ihre Gefühle auf eine gesunde Art und Weise auszudrücken – stattdessen zeigen sie sich in Aggressionen. Mid90s ist voll solcher emotionalen Momente, die die schlimmsten Erinnerungen an das eigene Erwachsenwerden zurückbringen. Es war nicht unbedingt spaßig für Jonah, die eigene Jugend auszugraben, als er das Drehbuch schrieb. "Es war schmerzvoll, sich daran zurückzuerinnern, wieder so jung zu sein ... die ganze Zeit verurteilt zu werden."

Es war vielleicht schwierig, aber Mid90s beweist, dass es all diesen Schmerz wert war – und davor hat Jonah keine Angst. Es scheint fast so, als würde sein Superbad-Image langsam verblassen. Doch wie war es, zum ersten Mal als Regisseur am Set aufzutauchen? "Als ich mein Auto aus Sunnys Garage herausfuhr, dachte ich mir nur 'Das ist er. Der Moment, auf den ich mein ganzes Leben lang gewartet habe'".

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.