Foto: Screenshots von Instagram via i-D UK

Es muss endlich aufhören, dass weiße Frauen schwarze Versionen von sich erschaffen

Emma Hallberg ist eines von vielen Blackfishing-Beispielen – eine rassistische Methode, die schwarze Frauen sexualisiert.

von Emma Dabiri
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21 November 2018, 9:34am

Foto: Screenshots von Instagram via i-D UK

In der letzten Woche ging ein Twitter-Account viral (mittlerweile wieder offline), der weiße Social-Media-Influencer anprangerte. Die Frauen auf dem Account wurden dafür kritisiert, dass sie verschiedene Methoden nutzen, um ihre Gesichter und Körper gezielt zu modifizieren, damit sie "mixed-race" aussehen. Natürlich wurden diese Vorwürfe von ihnen abgestritten und die außerordentlich naheliegende und höchstplausible Erklärung "intensive Solariumbesuche" vorgeschoben. Kennen wir doch alle.

Verschiedene Medien haben dieses, naja, nennen wir es einfach mal Phänomen, als "blackfishing" bezeichnet. Ein anderer Begriff, der den Zusammenhang zu dieser rassistischen Praxis besser auf den Punkt bringt, ist "ni**erfishing" – klingt fast wie eine Sportart, aus einer Zeit, in der die Leute AMERICA IS GREAT geschrien haben und ein Picknick kein richtiges Picknick war, außer es schaukelte ein schwarzer Körper im seichten Südstaaten-Wind. Dem ist aber nicht so, es ist unser ganz eigenes Phänomen, geboren im Jahr 2018.

N**erfishing ist dieser süße, kleine Trick bei dem weiße Mädels sich online, auf Instagram und YouTube, neu erfinden und als "mixed-race" oder helle Black Women inszenieren. Von Körperbau, Lippen und anderen Gesichtszügen über Haartextur bis hin zu Frisuren wie Weaves und Braids – es gibt kaum visuelle Anhaltspunkte, die helfen, diese weißen von uns schwarzen Frauen zu unterscheiden.

Doch dieser Trend kam nicht erst in diesem Jahr auf, in der Popkultur schwirrte er schon lange herum. Von Ariana Grande zu Rita Ora: Scheinbar steigt der Absatz, wenn Sängerinnen andeuten, schwarz zu sein, ohne mit der belastenden Realität kämpfen zu müssen, die damit tatsächlich einhergehen würde.

Die kulturelle Aneignung hat sich nun auch auf den Körper ausgeweitet. Viele der heute gefeierten Schönheiten sind eigentlich weiße Frauen mit vergrößerten Rundungen und Gesichtern, an denen geschnibbelt und gespritzt wurde, um eine Nachbildung von Blackness zu produzieren. Dann pumpen sie ihre Ärsche und Lippen voll mit weiß Gott was für Zeug, um die Merkmale zu bekommen, für die ich, so wie viele andere schwarze Frauen auch, über Jahrzehnte hinweg gehänselt wurden.

Es gibt da eine Familie, deren Namen ich nicht nennen möchte, aber er beginnt mit einem K und endet mit einem N. Einige der Geschwister haben unterschiedliche Vornamen, aber sie teilen sich alle den gleichen Schönheitsdoktor – und mit Sicherheit dieselbe Leidenschaft, schwarze Kinder zu gebären, was nennenswert scheint, wo sie doch so erpicht darauf sind, Blackness zu reproduzieren. Diese TV-Persönlichkeiten haben Milliarden-Imperien mit "ihrem" Aussehen errichtet und verkaufen tonnenweise Make-up, normalerweise an andere weiße Frauen, die hoffen "ihren" Look nachzuahmen. Natürlich könnte man leicht behaupten, dass es "nur Bräune ist" oder "Imitation die höchste Form der Schmeichelei" sei. Tja, diese Leute hätten ihre Schnellschuss-Annahmen lieber für sich behalten sollen und einen Moment geschwiegen, um die Geschichte wirklich sacken zu lassen.

Einige dieser Gals sind ziemlich überzeugend, das muss ich ihnen lassen. Diese jungen, weißen Frauen treffen mit ihrer Transformation vom kaukasischen zum vermeintlichen "mixed-race"-Mädchen den Nagel auf den Kopf. Aber nur mithilfe von dickem Make-up, extremer Bräune und harter Bildbearbeitung. Mit ihrem frisch angepassten Teint, den vollen Lippen und den runden Hinterteilen machen sie sogar dem Kostüm der Rachel Dolezal Konkurrenz. Und genau das ist es auch, ein Kostüm. Aber Blackness ist kein netter Verein, in den man ein- und austreten kann, wie es beliebt. Wir können nicht schwarz sein, wenn es uns gerade passt. Wir können uns nicht einfach die Farbe vom Körper waschen, wenn wir mit dem sehr realen Rassismus konfrontiert werden, der unsere Leben täglich erschwert.

Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass Blackness viel mehr bedeutet als eine Hautfarbe, Haartextur oder Erfahrungen mit Rassismus. Schwarz zu sein, heißt auch, das Erbe einer reichen Kultur zu tragen, von der die westliche Welt ganz besonders fasziniert zu sein scheint. Seit Jahrhunderten wurden Frauen afrikanischer Abstammung darauf konditioniert, zu glauben, dass ihr Aussehen unangemessen und – im Vergleich zu dem weißer Frauen – minderwertig sei. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, unbeschreiblich hässlich zu sein. Ich dachte, mein Hintern und meine Oberschenkel seien fett, geradezu monströs. Ich schämte mich zutiefst für mein Haar und hatte permanente Zweifel wegen meiner Lippen und Hautfarbe. Obwohl ich für schwarze Maßstäbe recht hell bin, wurden Vergleiche zu Matsch gezogen. Ich wurde häufiger "black bitch" und "n***er" genannt, als dass ich es jemals zählen könnte.

Und als wäre das noch nicht genug, wurde das Ganze von der Annahme gekrönt, dass ich zu jeder Zeit bereit für Sex wäre ... da ich, als schwarze Frau, doch zügellos und freizügig sei. Das kam nicht nur von Männern. Die Anschuldigung von Zoe Kravitz, Lily Allen habe sie sexuell attackiert, hat einen Nerv bei mir getroffen. Sie erinnerte mich an meine unzähligen Zusammenstöße mit betrunkenen, weißen Frauen, die mich begrapschten oder versuchten, mir ihre Zunge in den Hals zu stecken. Ein Vorfall ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben: Eine ganz eifrige Angreiferin versuchte, eine Tür aufzubrechen, hinter der ich mich verschlossen habe, um ihren Avancen zu entfliehen.

In diesem komischen Konstrukt namens Schönheit wurde die Körperlichkeit schwarzer Frauen stets dazu genutzt, die Überlegenheit weißer Frauen zu begründen. Die Professorin Patricia Hill Collins schrieb: "Innerhalb des binären Denkens, das die Unterdrückung nur noch weiter untermauert hat, konnte die dünne, blonde, blauäugige, weiße Frau nur schön sein im Vergleich zu "dem anderen" – schwarze Frauen mit afrikanischen Merkmalen wie dunkle Haut, weite Nasen, volle Lippen und krausem Haar."

Seitdem dieses Zitat im Jahr 2000 niedergeschrieben wurde, hat sich der "dünn, weiß, blond"-Standard vom ersten Platz verabschieden müssen – ein neues Schönheitsideal wurde geboren und seine Erscheinungsformen sind ziemlich beunruhigend. An diesem Punkt in meinem Leben habe ich den damaligen Glauben, dass ich hässlich und unzureichend sei, fast vollständig abgelegt. Ich habe erkannt, dass die Eigenschaften, für die ich gemobbt wurde, schön sind.

Aber so geht es nicht nur mir, schwarze Frauen lösen sich von der Kolonialisierung. Unsere Körper sind schön und das wissen wir! Jetzt, da sich so viele von uns selbst wertschätzen, passiert ein Umbruch. Black Girl Magic ist echt und diese weißen Girls wollen auch was davon abhaben. Genau hier kommt das Wörtchen "mixed" ins Spiel. Unsere afrikanische Herkunft gibt uns mutmaßlich den hypersexuellen Swag, doch wenn er mit dem europäischen Erbe "vermischt" wird, passen diese Eigenschaften besser zu den eurozentrischen Schönheitsidealen.

Der Fortschritt von Beauty-Produkten heißt nun, dass sie so aussehen können wie wir. Während so viel Anstrengung investiert wurde, das Narrativ zu kreieren, schwarze Frauen seien hässlich und weißen Frauen unterlegen, gab es auch die lange Geschichte vom Neid. Ein Beweis für diese Eifersucht wurde sogar im Gesetz verankert, als Esteban Rodríguez Miró, der Gouverneur der damals spanischen Kolonie Louisiana, die sogenannten Tignon Laws in Kraft setzte.

Diese besagten, dass Frauen afrikanischer Abstammung ihr Haar mit einem Tignon, einer Art Turban, bedecken mussten. Weiße Frauen hatten die Befürchtung, die aufwendigen und pompösen Frisuren würde ihnen einen unfairen Vorteil verschaffen, wenn es darum ging, die Aufmerksamkeit der weißen, männlichen Verehrer auf sich zu ziehen. Das Gesetz hatte nur geringe Auswirkungen, weil die schwarzen Frauen ihre Tignons in kunstvollen Arten drapierten und weiterhin von der männlichen Bevölkerung angehimmelt wurden.


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Schwarze Frauen mit hellerer Haut existierten in der Diaspora schon so lange, wie es schwarze Communities in der Neuen Welt gibt. In Amerika sind beispielsweise mindestens 3/4 der schwarzen Bevölkerung "multiracial" (sie sind trotzdem schwarz, weil Race ein soziales Konstrukt ist, nicht wahr?). Die Existenz von versklavten Menschen, die "mixed-race" waren, diente weißen Frauen als unmittelbarer Beweis, dass ihre weißen Männer, Söhne und Verwandten mit schwarzen Frauen schliefen. "Mixed-race"-Sklaven waren ein visuelles Andenken an diesen Betrug.

Es gibt viele Überlieferungen von versklavten Frauen, deren Aussehen dem europäischen zu sehr ähnelte, sodass ihnen als Bestrafung eine Glatze verpasst wurde – häufig von weißen Frauen. Die Ehefrauen von Plantagenbesitzern verdächtigten diese Frauen schnell, dass sich ihr Aufgabenbereich wohl nicht ausschließlich auf den Haushalt beschränke. Ein besonders erschütternder Bericht auf den ich gestoßen bin, erzählt von einer "Mulatto"-Sklavin, deren Augen von einer eifersüchtigen Ehefrau herausgeschnitten wurden, die glaubte, ihr Mann sei sexuell an dem Mädchen interessiert. Diese Geschichten stammen nicht aus einer dunklen, lang vergangenen Zeit. Es sind Geschehnisse aus dem 19. Jahrhundert.

Im 20. Jahrhundert wandelten sich diese Geschichten zu Stereotypen über schwarze "mixed-race"-Frauen, die in die Popkultur überschwappten, in der wir nun das Privileg hatten, als "tragische Mulattos" repräsentiert zu werden. Denn laut des rassistischen Diskurses hätte der "Mulatto" kein Recht zu leben, wie der US Senator Charles Carroll im Jahr 1900 so schön sagte. Wir waren eine Abscheulichkeit, die die Rassenordnung zerstörte. Und als Konsequenz unserer Pathologie wurden wir als emotional unstabil angesehen – der Ruf als Verführerin blieb jedoch ungebrochen.

So ist es auch kein Zufall, dass diese Online-Betrügerinnen ihre Alter Egos als helle Black Women kreieren und Posts inszenieren, auf denen sie dir mit Schlafzimmerblick und Schmolllippen entgegen schmachten. Auf ihren Fotos, auf denen sie als ihr weißes Ich zu sehen sind, bleiben sie die lächelnden Mädels von nebenan. Sie betreten damit bekanntes Terrain und verstärken ein Narrativ, das während der Sklaverei entstanden ist und durch die Massenmedien im 20. und 21. Jahrhundert kultiviert wurde. Nichts davon ist Schmeichelei, es geht um Macht, Begierde und Besitz. Es ist eine unheilvolle Mahnung, dass die Leute, denen damals unsere Körper gehörten, noch immer dieselbe Macht haben. Es ist eine Erinnerung an die schwierige Vergangenheit und die tiefsitzenden Tabus, die weiterhin die Beziehung zwischen Schwarz und Weiß bestimmen.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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