Fotos: Julia Falkner

So schön wäre die Welt, wenn es keine Gender-Grenzen gäbe ...

Julia Falkner und Lorena Hydeman haben in dokumentarischen Modefotografien Jungen in ihrem Zuhause besucht und ihnen die Freiheit gegeben, sich so zu zeigen, wie sie sich fühlen.

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Nov. 20 2018, 1:27pm

Fotos: Julia Falkner

Die Zeiten der binären Geschlechtertrennung sind vorbei. Musiker wie Frank Ocean, der im Paillettenrock auf einem Magazincover posiert, Aktivistinnen wie Model Munroe Bergdorf oder das neuste Playboy Bunny Ezra Miller setzen sich dafür ein, dass auch im Mainstream-Denken die traditionellen Gender-Grenzen zwischen Mann und Frau aufgebrochen werden. Schließlich wäre die Welt doch so viel schöner, freier und glücklicher, wenn jede Person so sein könnte, wie sie möchte, ohne von gesellschaftlichen Beschränkungen limitiert zu werden.

Das dachten sich auch die österreichische Fotografin Julia Falkner und die in Qatar aufgewachsene Stylistin Lorena Hydeman. Seitdem sie sich vor fünf Jahren in London getroffen haben, teilen sie nicht nur freundschaftliche, sondern auch berufliche Momente. Ein persönliches Herzensprojekt der beiden ist die Serie Blah Blah Blah Genitals, in der Jungs durch Mode und Make-up mit ihrer biologischen Maskulinität experimentieren und Gender-Normen hinterfragen.


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In den letzten eineinhalb Jahren fotografierten sie ihre Protagonisten in ihren Elternhäusern, die alle zwischen sechs und 16 Jahren alt sind. Hier gibt es keine "Boys will be boys"-Attitüde, stattdessen ein lebhaftes, einfühlsames und ehrliches Porträt der Jugend. Jeder der Jungs füllte zusätzlich einen Fragebogen aus, um ihre Gedanken und Interessen festzuhalten.

Wir haben mit dem Duo über Generalisierung und die Evolution der Modefotografie hin zu einer inklusiven Kunstrichtung gesprochen.

Blah Blah Genitals

Es ist interessant, dass ihr sagt, Blah Blah Blah Genitals sei ein dokumentarisches Projekt, die Jungs dann aber gestylt habt.
Julia: Wir haben ihnen Kleidung und Schuhe gegeben, um damit zu spielen und ihre Haare und das Make-up nach ihren Wünschen verändert. Eigentlich waren es eher zusätzliche Mittel – so als gäbe man ihnen Farben und eine Leinwand, um sich selbst auszudrücken. Hätten wir ihnen die Kleidung und anderen Elemente nicht zur Verfügung gestellt, hätten die Jungs nicht die Möglichkeit gehabt, sich so zu inszenieren, wie sie sich selbst gern sehen würden. Sie hätten weiterhin so ausgesehen, wie sie sich täglich ihren Schulfreunden zeigen.
Lorena: Wir haben versucht, nicht zu sehr einzugreifen. Im Vorfeld haben wir mit den Müttern gesprochen, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was die Jungs interessieren könnte. Ich habe immer eine große Auswahl an Anzügen, Kleidern und High Heels mitgebracht. Vor dem Shooting haben wir uns zusammengesetzt, ich habe ihnen die Sachen gezeigt und sie haben gesagt, was ihnen gefällt. Es kam vor, dass ich einige Jungs vorher in das Stereotyp "Sportler" einsortiert habe und sie dann plötzlich meinten: "Ich würde gerne diese Stiefel mit Absatz tragen und sie nie wieder ausziehen." Es war wirklich überraschend, dass die Jungs bereit waren, viel weiter zu gehen, als wir angenommen haben.

Blah Blah Genitals

Gab es Unterschiede zwischen dem, was die Jungs wollten, und den Vorstellungen ihrer Eltern?
Julia: Alle Mütter waren eine große Unterstützung und haben uns erzählt, wie offen die Jungs sind. Ein paar Väter waren allerdings nicht so begeistert von dem Projekt ...

Wie habt ihr eure Protagonisten gefunden?
Julia: Alles fing mit einem Trip nach Barcelona an, auf dem wir uns mit unseren Couch-Surfing-Hosts anfreundeten. Sie erzählten, dass ihre Schwester einen 11-jährigen Sohn hätte, der sehr verträumt, verspielt und extravagant sei und es toll fände, wenn er diese Seite endlich ausleben könnte. Daraufhin meinten wir: 'Weißt du was, warum machen wir nicht ein Shooting? Ich habe eine Kamera und Lorena genug Kleidung in ihrem Koffer.' In seiner Schule hätte er sich so nie zeigen können, ohne gemobbt zu werden.
Lorena: Ein paar Jungs kamen aus Model- oder Schauspielagenturen, hauptsächlich war es aber einfach Hören-Sagen. Ich hatte einen Job für eine Werbung, bei der eine Kinderparty inszeniert wurde – da waren viele Jungs. Dann habe ich mit ihren Müttern über das Projekt gesprochen und sie haben ihren Freunden und deren Geschwister Bescheid gegeben ... Besonders interessant war es, mit Geschwistern zu arbeiten, weil sie in derselben Umgebung aufgewachsen sind und man so sehen konnte, welche Charaktereigenschaften angeboren und welche angeeignet waren.

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Hat euch die Serie gezeigt, was angeboren und was konditioniert ist?
Julia: Je jünger die Jungs, desto weniger identifizieren sie sich mit bestimmten Regeln, die bestimmen, was männlich oder weiblich ist. Sie haben noch keine vorgefasste Meinung und sind noch sehr offen: Sie wollten unbedingt Nagellack und Make-up tragen. Doch je älter sie werden, desto mehr beeinflusst sie ihr Umfeld.
Lorena: Schon die 16-Jährigen, die wir für das Projekt interviewt haben, zeigten eine hohe emotionale Intelligenz – sie waren sich darüber bewusst, welchen Druck die Gesellschaft auf sie ausübt. Heute gibt es immerhin mehr Männer, zu denen sie aufschauen können: Männliche Make-up Artists, Sänger und Schauspieler, die offen homosexuell leben. Es gibt so viel mehr Menschen, mit denen sie sich heute identifizieren können.

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Identifizieren sich einige der Jungs als schwul?
Lorena: Wir haben nicht gefragt. Wir wollten nicht, dass sie sich kategorisieren und erst recht nicht, dass sie irgendwelchen Druck verspüren. Da gab es einen Jungen, der sich direkt eine Perücke geschnappt hat und Make-up auftragen wollte – er hat sich als Drag inszeniert und möchte später unbedingt RuPaul's Drag Race gewinnen. Das ist wundervoll und sagt auch gar nichts aus über seine Sexualität.

Wie kamt ihr auf den Namen eurer Serie?
Lorena: Damit haben wir uns wirklich schwergetan ... Ich habe ein paar Recherche-Artikel überflogen und meinte irgendwann: "Blah blah blah genitals". Dann kam mir die Erleuchtung.
Julia: Es ist immer gut, einen gewissen akademischen Hintergrund zu haben, um ein Thema auf eine neue Art zu beleuchten. Bevor wir mit unserem Projekt begonnen haben, war es wichtig zu verstehen, was toxische Maskulinität bedeutet und woher sie überhaupt kommt. Trotzdem ist es ein großartiger Name, weil er impliziert, wie unwichtig unsere Genitalien für die Definition unseres Geschlechts sind.

Vogue Italia

Gab es bestimmte Fotografen, die euch gezeigt haben, wie man Gender-Fluidität in einer ansprechenden Weise inszenieren kann?
Julia: Das Duo aus Fotografin Kristin-Lee Moolman und dem Stylisten Ib Kamara auf jeden Fall. Sie fotografieren ausschließlich Menschen aus ihrer Nachbarschaft in Johannesburg. Es ist zwar dokumentarisch, aber sie nutzen trotzdem Mode als zusätzliches Ausdrucksmittel. Die westliche Fotografie von Afrika repräsentiert nicht, wie die Kultur tatsächlich ist. Moolman wollte eine Art der Fotografie entwickeln, die nicht zu politisch ist, aber eine Diskussion eröffnet. Mode und Kunst sind gute Ventile, um über Dinge zu sprechen, die in der breiten Öffentlichkeit ansonsten kein Gehör finden würden. Und es gibt noch die mexikanische Künstlerin Graciela Iturbide – ihre bekanntestes Bild ist Magnolia. Über zehn Jahre hat sie die Einwohner eines kleinen Dorfs fotografiert, in dem das dritte Geschlecht existiert und akzeptiert wird. Die Gesellschaft war komplett anders aufgebaut: Männer, die wie Frauen gekleidet waren, regierten die Stadt.

masculinity

Julia, betrachtest du dich selbst eigentlich als Modefotografin?
Julia: Auf der einen Seite ja, auf der anderen nein. Modefotografie bedeutet nicht mehr das, was es vor 20 Jahren tat. Sie ist diverser geworden, sogar große Marken haben ihre Komfortzone verlassen, engagieren nicht-professionelle Models und konzentrieren sich stärker auf das Storytelling. Mir gefiel zum Beispiel die Herbst/ Winter '18 Kampagne von Helmut Lang sehr gut, in der Senioren aus Wales gezeigt wurden, die ihre Lebensgeschichte erzählen. Langsam verschmelzen Mode- und Dokumentarfotografie.

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Denkt ihr, dass Marken wirklich an diese Werte glauben oder einfach auf einen Trend mit aufspringen?
Lorena: Es hängt wahrscheinlich von der Marke ab. Unternehmen werden immer von der Masse beeinflusst und möchten letztendlich Umsätze machen. Aber ich glaube, dass sich kleinere Brands wirklich darum bemühen, Gender-Fluidität in das Bewusstsein der Masse zu rücken. Das ist eine tolle Entwicklung. Je aufgeklärter die Menschen sind, desto mehr Akzeptanz schaffen sie auch – dann würde unsere Gesellschaft auch besser als eine Einheit funktionieren. Kunst und Fotografie werden immer ein Spiegel der aktuellen Geschehnisse sein. Doch natürlich leben wir auch in unserer kleinen, liberalen Mode-und-Kunst-Blase ...

Ihr habt den Jungs eine Frage gestellt, die ihr jetzt beantworten sollt: Welches männliche Vorbild bewundert ihr und warum?
Lorena: Das ist wirklich schwer. Julias und meine Vorgeschichte mit Männerbildern ist sehr verschieden, deswegen wollten wir auch dieses Projekt realisieren. Wir hatten die Hoffnung, dass die nächste Generation um einiges besser sein wird ... Ich weine nicht häufig, aber Julia hat es bei den Shootings regelmäßig die Tränen in die Augen getrieben. Die Antworten der Jungs haben mitten ins Herz getroffen.

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.