Foto: Still aus Black Mirror

Wie eine Episode von "Black Mirror" plötzlich Realität wurde

Als ihr bester Freund stirbt, ließ sich Eugenia Kuyda von der Serie inspirieren und rettet ihn mithilfe von Künstlicher Intelligenz.

von Bobby Hellard
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20 November 2018, 3:38pm

Foto: Still aus Black Mirror

Am 28. November 2015 wurde der 34-jährige Roman Mazurenko von einem Jeep in Moskau erfasst. Er wurde schnellstmöglich ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht, erlag jedoch seinen Verletzungen. Seine beste Freundin Eugenia Kuyda kam erst kurz nachdem er starb an – und verpasste damit die Möglichkeit, noch ein letztes Mal mit ihm zu reden.

Die nächsten drei Monate verbrachte sie damit, Textnachrichten zu sammeln, die Mazurenkos Freunde auf ihren Handys fanden, um sie ihrer Software-Firma Luka weiterzugeben. Dank ein wenig digitaler Hexerei aka Algorithmen und Künstlicher Intelligenz entwickelten die Technik-Freaks von Luka eine App, die Kuyda ihren letzten Wunsch erfüllte: noch einmal mit Mazurenko sprechen zu können. Das Ganze klingt wie eine unheimliche Sci-Fi-Geschichte, die uns ziemlich bekannt vorkommt ...

Zwei Jahre zuvor hatte Charlie Brookers alptraumhafte TV-Serie Black Mirror das fiktionale Pendant zur Story geliefert. Bekannt geworden durch ihre viel zu realistischen Zukunftsdystopien, handelt die Episode Be Right Back vom Tod in der digitalisierten Welt. Darin geht es um eine Frau namens Martha, dessen Social Media süchtiger Boyfriend Ash bei einem Autounfall ums Leben kommt. Als sie auf einen Service stößt, der mithilfe von Ash' Social-Media-Posts und Textnachrichten ein digitales Avatar von ihm auferstehen lassen kann, nimmt eine bizarre Geschichte ihren Lauf.

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Auch wenn Martha im ersten Moment skeptisch wirkt, nimmt sie den Service an. Zuerst chattet sie nur mit dem digitalen Ash, bis sie sich wenig später eine Roboter-Version ihres verstorbenen Freundes bestellt. Doch je mehr sich Ash entwickelt, desto klarer wird, dass er lediglich eine Sammlung von Daten ist – ein Echo von Gedanken, die er online gepostet hatte und nicht aus dem Kontext gerissen werden können. Eine Art digitaler Zombie wurde geboren.

Das Erschreckende an der ganzen Sache: Alles fühlt sich so furchtbar real an, weil die nötige Technologie dafür tatsächlich existiert. Künstliche Intelligenz und Maschinen, die Algorithmen lesen und in Informationen übersetzen, sind weit verbreitet. Es sind die gleichen Technologien, die auch für fahrerlose Autos und Voice Assistants wie Alexa und Siri verantwortlich sind.

Eugenia Kuyda wusste das. Ihre Firma Luka ist auf AI-gesteuerte Softwares wie Chatbots spezialisiert. Doch als sie sich die Folge von Black Mirror angesehen hatte, hinterließ sie gemischte Gefühle bei ihr.

"Das ist definitiv die Zukunft, aber wie viel bringt uns das wirklich? Heißt loslassen, dass du dazu gezwungen bist, alles zu fühlen? Wo ist die Grenze? Wo stehen wir?" - Eugenia Kuyda

Vor zwei Jahren hat Kuyda ihre eigene Tech Company aufgebaut. Als sie selbst durch die endlos vielen Textnachrichten ging, die Mazurenko über die Jahre hinweg verschickt hatte, fühlte sie, dass dort etwas versteckt lag. Sie dachte, sie könne einen Bot erschaffen, der seine Sprachmuster nachahmt.

"Auf seiner Facebook-Seite gab es wirklich nur ein paar Links", so Kuyda weiter. "Also habe ich mich durch unseren Messenger-Chat gescrollt, um die Erinnerungen aufrecht zu erhalten. Nur so konnte ich ihm nahe sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihm noch so viel zu sagen habe."

Mehr als 8.000 Sätze aus Texten zwischen ihm und seinen Freunden und seiner Familie wurden für die App analysiert. Die meisten von ihnen fanden die Ähnlichkeit zu dem verstorbenen Mazurenko unheimlich und hatten das Gefühl Kuyda hätte etwas Einzigartiges erschaffen. Der Bot wurde zum digitalen Ohr für all die Menschen, die Mazurenko noch etwas Wichtiges zu sagen hatten.


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Diese Idee, einem Chatbot etwas anzuvertrauen, inspirierte auch Lukas neue App Replika. Hier kannst du dir dank Künstlicher Intelligenz quasi deinen eigenen Doppelgänger erschaffen. Je mehr du chattest, desto mehr lernt der Bot, zu sein wie du. Was so viel bedeutet wie: Wenn du stirbst, hast du einen eigenen Avatar, der für dich einspringt.

Black Mirrors Brooker hat bereits erkannt, wie wichtig Daten sind, noch bevor Mark Zuckerberg deine für Marketingzwecke verkauft hat. Er hatte eine Erscheinung digitalisierter Erinnerungen Mitte der 90er als sein damaliger Mitbewohner in einem Autounfall verstarb.

"Als du noch limitierten Speicherplatz auf deinem Handy hattest, musstest du manches löschen", sagt Brooker. "Also bin ich durch die Liste gegangen und da war die Nummer von diesem Typen. Ich dachte, ich sollte sie löschen, aber irgendwie konnte ich es nicht. Das wäre respektlos gewesen und hätte sich falsch angefühlt. Sie war ein Andenken, deswegen sollte ich sie behalten und eine andere Nummer löschen. Vieles aus Be Right Back stammt aus dieser Situation: Die Vorstellung eines Souvenirs, das nicht real ist, dich aber immer noch schmerzhaft an jemanden erinnert."

Heute nennen wir diese "schmerzhaften Souvenirs" Daten – und wir hinterlassen einen Haufen von ihnen im Internet. Wir teilen unendlich viele Bilder und Stories auf Instagram und setzen mehrmals täglich einen Tweet ab. Kuydas textbasierter Chatbot hat Black Mirror ein Stück mehr in die Realität gebracht. Mittlerweile haben Millionen von User die App heruntergeladen. "Es handelt sich zwar immer noch um den Schatten eines Menschen, aber das hätte vor einem Jahr noch nicht funktioniert. Was wird also in den nächsten Jahren alles möglich sein?", fragt sich Kuyda. Nicht nur sie, wir auch ...

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

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