Foto (links): Chris Lensz, Foto (rechts): Sharna Osborne

Designerin Sinéad O'Dwyer kritisiert, dass alle Modelkörper gleich aussehen

"Eine Muse ist nicht einfach nur ein Model, das ich für den Tag gebucht habe, weil sie einen schönen Hintern hat. Eine Muse ist Teil der Geschichte."

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18 Januar 2019, 3:05pm

Foto (links): Chris Lensz, Foto (rechts): Sharna Osborne

Die Arbeiten von Sinéad O'Dwyers scheinen in guter Gesellschaft zu sein. Im Sommer 2017 glänzte eine ihrer rosafarbenen Silikonbüsten an der Pop-Ikone Bjork; ein Jahr später zog Model und Drag Queen Aquaria in einem ihrer Looks die Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt in erster Linie an der Herangehensweise der jungen Designerin, die die Grenzen zwischen Skulptur, Kleidungsstück und Performance auflöst.


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Sinéad untersucht den Körper mit dem gründlichen Auge eines Arztes oder Geliebten. Ihr Blick fällt dabei auf die Menschen, die von der Modeindustrie gerne übersehen werden: diejenigen mit asymmetrischen, kurvigen und Plus-Size-Körpern (in anderen Worten: normale Menschen eben). Indem sie eine vielfältige Gruppe von Individuen mit einbezieht, wird ihre Arbeit demokratisch – aber auf eine Art und Weise, die den Mainstream durchdringt.

Wir haben mit der jungen Designerin über Musen, "Sizeism" und die größten Herausforderungen für aufstrebende Künstler gesprochen.

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Welche Rolle spielt der weibliche Körper in deiner Arbeit?
Viele Designer reden darüber, dass der Körper sie motiviert, ohne ihn wirklich anzuschauen. Das fühlt sich nicht authentisch an, so als ob sie nur ein einziger Körpertyp interessieren würde. Ich wollte Kleidung designen, bei der der Körper wortwörtlich präsent ist, ohne ihn zu verändern. Meine Freundin Jade und ich haben uns lange über Sizeism, die Diskriminierung eines bestimmten Körpertyps, in der Mode unterhalten. Sie hat einen wunderschönen Körper mit so viel Form – genau danach habe ich gesucht.

Du arbeitest generell viel mit Musen.
Ja, ich will echte Beziehungen zu den Menschen aufbauen, mit denen ich arbeite. Meine Kleidungsstücke erzählen die Geschichten von individuellen Körpern. Wenn du den Menschen dahinter nicht gut genug kennst, fängst du an, zu generalisieren. So läuft man Gefahr, den Körper eines anderen zu benutzen. Eine Muse ist nicht einfach nur ein Model, das ich für den Tag gebucht habe, weil sie einen schönen Hintern hat. Eine Muse ist Teil der Geschichte. Deswegen habe ich auch ein Zine gemacht, in dem Interviews von jedem zu lesen sind, mit dem ich bis jetzt zusammengearbeitet habe. In Jades Fall wollte ich einen Dialog zwischen ihr und dem Objekt ihres Körpers ermöglichen. Je mehr du mit einer Person sprichst, desto mehr verstehst du, wie komplex ihr Körper ist – und desto einfacher fällt es, eben nicht in ein Stereotyp abzurutschen.

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Du hast einen sehr technischer Prozess gewählt. Erzähl uns mehr darüber.
Der Prozess ist das Spannendste! Ich experimentiere sehr gerne mit industriellen Techniken. So sehr, dass ich mich manchmal frage, ob es überhaupt funktionieren wird. Du weißt nie, was du am Ende bekommst, weil es so lange dauert. Ich beginne mit einem Abdruck des Körpers aus Gipsverband und gieße dann heißen Ton dazu. So entsteht eine Tonversion, die ich im nächsten Schritt weiter perfektioniere. Sobald ich zufrieden damit bin, überlege ich mir, wie die Form am besten zusammengesetzt wird und benutze dazu Fieberglas. Ich versuche es so dünn wie möglich zu machen und mit Stoff zu versetzen, um diese spannende Textur zu erzeugen. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wie der Prozess mit der Vorstellung über den Körper zusammenhängt. Inwiefern die Beziehung zwischen meiner Technik und der Zerbrechlichkeit des eigentlichen Körpers der Art und Weise entspricht, wie wir oder die Gesellschaft unseren Körper behandelt. Es ist ein paradoxer Prozess, der sich aus Härte und Zerbrechlichkeit zusammensetzt.

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Du hast gerade erst dein Studium am Royal College of Art in der Tasche und bereits viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Was sind deiner Meinung nach die größten Herausforderungen für aufstrebende Designer?
Geld. Ich meine das ernst, genau daran scheitert es. Wenn du keinen Investor hast oder einen krassen Freelance-Job, bei dem du auf magische Weise viel Geld verdienst und der nicht so viel Zeit in Anspruch nimmt, ist es nicht gerade leicht nebenbei noch im Studio zu sein. Ich werde hoffentlich noch herausfinden, wie ich für Dinge bezahlt werde, die relevanter für das erscheinen, auf das ich mich konzentrieren möchte.

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Als wir das letzte Mal gesprochen haben, warst du gerade dabei, neue Arbeiten zu entwickeln. Was ist letzten Endes daraus geworden?
Meine Kollektion war erst der Anfang und nicht unbedingt etwas, das sich leicht mit nach Hause nehmen lässt. Jetzt möchte ich aus diesen Ideen etwas kreieren, das sich einfacher tragen lässt. Nicht im Sinne von kommerzieller, sondern weniger schwer. Ich werde niemandem einen Bodysuit verkaufen, der mehr als 20 Kilo schwer ist. Ich versuche, meine Arbeitsethos langsam weiterzuentwickeln. Vielleicht produziere ich bald eine Auflage von zehn Pieces. Mein Fokus liegt auf einer soften Lingerie-Ästhetik. Wenn du ein Stück trägst und ich es danach trage, steckt die Idee dahinter, dass sich dein Körper auf meinem abzeichnen wird.

1granary.com/void

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Credits


Porträt: Chris Lensz
Fotografie: Sharna Osborne
Styling: Danielle Emerson
Creative Direction: Jasmine Raznahan

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.