Diese Fotografin zeigt, was Frausein wirklich bedeutet

Für "I Am My Own," hat Lena Mirisola die Schönheit nackter Frauenkörper eingefangen.

von André-Naquian Wheeler; Fotos von Lena Mirisola
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07 Juli 2017, 11:07am

In Lena Mirisolas Fotoprojekt I Am My Own, erleuchten Sonnenstrahlen die kleinen Härchen am Körper, seine Besonderheiten und somit die Identitäten ihrer weiblichen Motive. Auf Mirisolas Bildern gibt es so gut wie keine Schatten. Ihre Motive sehen dabei so aus, wie die meisten von uns sich dieses Jahr wohl auch fühlen: müde, und doch kampfbereit. Die Fotografien strahlen diese gewisse Stärke aus, die sich durch Augenfunkeln und klare Blicke bemerkbar macht. So unterschiedliche Frauen, die sich mit sich selbst, mit ihren Identitäten und in ihren Körpern wohlfühlen, zu sehen, erinnert uns wieder einmal daran, dass es OK ist, dass wir so sind, wie wir nun mal sind. i-D hat sich mit Mirisola über ihre einzigartigen Beziehungen, die sie zu ihren Models aufgebaut hat, und über ihre Hoffnungen für den Feminismus in zehn Jahren gesprochen.

Wie ist es zu dieser Fotoserie gekommen?
An der Uni sollten wir jedes Semester ein Projekt auf die Beine stellen. Es ist aber unrealistisch, ein Fotoprojekt innerhalb von drei Monaten abzuschließen – die meisten dauern mehrere Jahre –, und so waren meine Arbeiten vom zweiten Jahr bis zum letzten Semester im Grunde eine sich wandelnde Fortführung des gleichen Projekts. Über die Jahre hinweg habe ich mich in meinen Arbeiten mit "jungen, wilden und freien" Jugendlichen über stürmische Beziehungen bis hin zu ruhigeren Augenblicken beschäftigt. Für meine Diplomarbeit habe ich entschlossen, meinen Fokus auf Frauen zu legen – irgendwie habe ich mich durch das aktuelle politische Klima dazu angespornt gefühlt. Ich bin leidenschaftlicher geworden und bin stolz darauf, eine Frau zu sein. Ich wusste einfach, dass ich mich mit dieser Thematik näher auseinandersetzen wollte.

Was genau bedeutet der Titel der Serie "I Am My Own"?
In unserer Kultur "gehören" Frauen zu oft unterbewusst anderen: Väter wollen ihre Töchter davon abhalten, mit Jungs auszugehen, Partner verhalten sich besitzergreifend und tun so, als wäre es liebenswürdig und berechtigt. Selbst die Regierung will den Frauen vorschreiben, was sie mit ihrem eigenen Körper tun können und was nicht. Der Körper einer Frau gehört niemandem außer ihr selbst! Ich gehöre mir selbst. I.Am.My.Own.

Wie hast du die Models für dieses Projekt gefunden?
Sie sind eine Mischung aus Freunden und Fremden. Meistens schreibe ich einfach Leute auf Facebook oder Instagram an. Oder ich frage Freunde, ob sie nicht jemanden kennen, den sie mitbringen könnten, starte auf Twitter einen Aufruf oder spreche die Frauen auf der Straße an (zumindest an Tagen, an denen ich besonders mutig bin).

Deine Motive entblößen auf diesen Fotos sowohl ihre Körper als auch ihre Seelen. Welche Rolle spielt die Nacktheit in deinen Arbeiten?
Ich liebe den weiblichen Körper. Die Formen, die Art, wie das Licht die Haut küsst, unerwartete Sommersprossen und Muttermale ... einfach das Gesamtpaket. Es ist schwierig, eine Mauer aufzubauen, wenn man nackt ist und kein Make-up trägt. Man kann nichts verstecken und dadurch zeigt sich das Motiv meistens ehrlicher und verletzlicher. Bei dieser Serie geht es nicht um Mode. Es geht um die natürliche Schönheit, die in jeder Frau steckt.

Was bedeutet für dich persönlich "Weiblichkeit"?
Das Wort "Weiblichkeit" erfüllt mich mit Stolz. Die Art von Stolz, die sich im ganzen Körper ausbreitet. Weiblichkeit bedeutet Macht. Es bedeutet, andere Frauen zu unterstützen, sich gegenseitig zu ermächtigen und gemeinsam gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Auf deinen Bildern hast du sehr intime Momente festgehalten. Gibt es zu einigen davon eine besonders interessante Geschichte?
Mein Lieblingsfoto ist "Felicia in the Grass." Im März habe in Portland, Maine, während der Semesterferien eine Freundin besucht, die auch Fotografin ist. Sie weiß, dass ich am liebsten junge Leute fotografiere und hat deswegen zwei Mädels kontaktiert, Casie und Felicia, die mit mir für ein Shooting am Meer zusammenarbeiten wollten. Draußen waren es um die Minus sieben Grad. Der Schnee lag auf dem gesamten Weg zum Strand, wir haben die Autos also stehen gelassen und haben uns langsam einen Weg durch den Wald gebahnt, der mit Eis bedeckt war. Irgendwann kam die Sonne ein wenig zum Vorschein und hat die Dünen in ein tolles Licht getaucht. Ich habe mir also Felicia geschnappt, sie hat sich auf den Sand gelegt und ich habe fotografiert.

Was erhoffst du dir für Frauen in 10 Jahren?
Ich hoffe, dass die Regierung bis dahin nicht mehr bestimmen darf, was wir mit unserem Körper tun und lassen sollen. Dass mehr Frauen in Führungspositionen sein werden. Dass mehr Frauen sich selbstständig machen. Dass Weiblichkeit für alle, die sich als weiblich identifizieren, inklusiver wird, und dass den Leuten bewusst wird, wie stark sich Sexismus in unserer Gesellschaft durch fast alle Bereiche zieht und Stellung beziehen! Ich wünsche mir fürs Jahr 2027 ein klares "Nein" zum Patriarchat.

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