geht die aneignung des feminismus durch die mode zu weit?

Ob im Mode-Einzelhandel oder in der High Fashion: Feministische Botschaften findet man heutzutage so weit das Auge reicht. Aber ist diese Entwicklung auch gut? Das Kollektiv Babyface argumentiert das Für und Wider des Feminismus zum Anziehen.

von Babyface Girls
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21 März 2017, 1:35pm

Die Menschen haben schon immer sichtbare politische und gesellschaftliche Slogans auf ihrer Kleidung getragen. Die Geschichte von T-Shirts als Träger von Botschaften ist lang. Von den „Make Love Not War"-T-Shirts gegen den Vietnamkrieg bis zur britischen Abgeordneten Caroline Luca mit ihrem „No More Page Three"-T-Shirt, das sie 2013 im Parlament getragen hat: T-Shirts waren schon immer ein demokratisches Mittel für unzufriedene Bürger und Künstler, um ihrem Ärger Luft zu machen. In den 80ern hat die Designerin Katharine Hamnet das Patriarchat mit T-Shirts kritisiert. Ihre Designs mit Slogans wie „Choose Life" und „Stop war, Blair out" waren Kampfansagen. Sogar bei ihrem Treffen mit Premierministerin Margaret Thatcher im Jahr 1984 hat sie ihr Anti-Atom-T-Shirt mit „58 % don't want Pershing"-Aufdruck getragen. Eine Botschaft, die die Einstellung eines Großteils der britischen Öffentlichkeit widergespiegelt hat. Malcolm McLaren und Vivienne Westwood haben Slogan-T-Shirts in ihrem SEX Store auf der King's Road verkauft. Die Designs, die sich am besten verkauft haben, waren die mit einem Hakenkreuz, einem umgedrehten christlichen Kreuz und dem Slogan „Destroy".

In den 90ern hat sich im Underground die Riot-Grrl-Bewegung entwickelt und Alanis Morissette veröffenlichte You Outta Know. Aber erst mit den Spice Girls ist die Girl Power so richtig in Fahrt gekommen. Du weißt das vielleicht nicht mehr, aber die Spice Girls haben Girl Power mit Mopeds, Spiegeln, Schokolade, Deo, Pepsi, Barbies, Chips und Polaroids verkauft. Aber mal abgesehen von dem ganzen Product-Placement, haben sie Girl Power erst so richtig globalisiert. Was auch immer ihr Ziel letzten Endes gewesen ist, spielt keine Rolle, denn die Botschaft wurde von jungen Frauen auf der Welt mit Begeisterung aufgenommen. Endlich hatten wir auch unseren Britpop, unser Boyzone: wir hatten berühmte Frauen, die über uns bekannte Dinge gesungen haben. Für einen Moment lag Frauen die Welt zu Füßen.

Der Trend verschwand mit der Ladette Culture zwar ein bisschen, doch heute ist Feminismus wieder ein Gegenstand der öffentlichen Debatte. Die Mode zieht natürlich mit. Große Häuser wie Dior mit ihren „We should be all feminists"-T-Shirts bis zu Modeeinzelhändler wie Topshop mit dem „FEMINISM"-Pullover. Junge Frauen, die heute 25 sind, werden die erste Generation sein, die zum ersten Mal mit einer marktgerechten Interpretation von Feminismus aufgewachsen sind. Auch wenn die Geschichtsbücher das Jahr 2016 als Ausgangspunkt für die vierte Welle des Feminismus später einordnen werden: Das ist nichts wirklich Neues. Vom Femvertising über Miley Cyrus' Cameltoe und Emma Watsons HeForShe-Kampagne: Mehrheitlich weiße, Hollywood-taugliche Frauen haben für eine domestizierte Neuinterpretation des Wortes „Feminismus" gesorgt — mal wieder. Aber zu welchem Preis? Dass sie mehr Werbeverträge von den großen Firmen erhalten?

Aus dem Wort „Feminismus", das einst mit verbrannten BHs, Hungerstreiks und Opfern verbunden war, wurde plötzlich ein Marketingtool, das Taylor Swift und ihre Supermodel-Girlgang nutzen können. Der Begriff wurde, kurz gesagt, weichgespült und zu einem Trend gemacht.

Zurück zum vorher genannten T-Shirt von Dior mit dem Print „We should all be feminists", einem Satz aus dem gleichnamigen Werk der bekannten nigerianischen Feministin Chimamanda Ngozi Adichie. Das T-Shirt kostet 550 Euro. Dior hat schnell versichert, dass ein Teil der Einnahmen an Rihannas Charityorganisation, die Clara Lionel Foundation, gespendet wird. Wir haben uns mit i-D Contributor Bertie Brandes, Mitbegründerin von The Mushpit und selbstständige Journalistin, über das T-Shirt unterhalten: „Wenn die Mode die Kommerzialisierung von gerade entstehenden Trends ist — was sie ist —, dann ist das ein perfektes Beispiel für ein perfektes Produkt: sportlich beim Preis und bei der politischen Botschaft", erklärt sie. „Dieses T-Shirt ist ein so offensichtliches, wenn auch unbeabsichtigtes, Symbol dafür, wie der Kapitalismus als Ideologie sich wirklich alles aneignet, um relevant zu erscheinen." Wie sehr müssen wir uns über den Preis aufregen? „Das T-Shirt ist nicht negativ aufgrund des Preises. Der Fakt, dass es überhaupt verkauft wird, reicht."

Der Preis wird noch weniger relevant, wenn man sich anschaut, was mit dem T-Shirt nach der Fashionshow passiert ist. Rihanna hat ein Foto von sich im T-Shirt auf Instagram gepostet. Der Post hat alleine 1,7 Millionen Likes erhalten. Die heutige Realität, die wir akzeptieren sollten, ist doch die: die Wahrscheinlich, dass junge Frauen in ihren Zwanzigern Rihannas Post gesehen haben, liegt höher, als dass sie Adichies Text gelesen haben. Dass Rihanna das T-Shirt getragen hat, bedeutet viel, unabhängig davon, ob man den Slogan glaubt oder nicht. Die Worte werden in einen neuen Kontext überführt. Rihanna ist Multimillionärin; eine schwarze, freie und selbstständige Künstlerin, die umwerfend in einem feministischen Slogan-T-Shirt aussieht und das die Welt auch wissen lässt. Die Verbindung Rihanna und Feminismus dürfte die Einstellungen der Generation Z so sehr beeinflussen, wie es Hamnetts Designs in den 80ern für die damalige Generation getan haben. Zwar können solche Lippenbekenntnisse eher für mehr Apathie unter Frauen sorgen, anstatt für Solidarität und somit die Selbstbestimmung untergraben, aber es ist wichtig, dass Rihanna das T-Shirt getragen hat. Es ist eine größere Pille, die das Establishment verdauen muss. Autorin Adichie hat während der Vorstellung ihres neuesten Buches im New Yorker Strand Bookstore darüber gesprochen, warum sie das Dior-T-Shirt gutheißt. In einem Raum voller Studentinnen hat sie erklärt: „Wenn das Ziel des Feminismus letztlich seine eigene Abschaffung ist, dann muss er zu einer Massenbewegung werden, um dieses Ziel zu erreichen." Sie wiederholte die Forderung, dass es dafür mehr Unterstützter braucht und sie wies noch mal darauf hin, dass „Feminismus keine exklusive, intime Party ist, für die man die richtigen Bücher gelesen haben muss."

Ohne den Kontext des Zitats sind Fotos des T-Shirts an einem weißen Model auf dem Dior-Catwalk aber apolitisch, unwichtig und — am schlimmsten — apathisch.

Brauchen wir nicht stattdessen mehr Prints aus T-Shirts, die die aktuellen feministischen Themen direkt ansprechen? Wie Genitalverstümmelung, Intersektionalität, Vergewaltigung, Zwangsehen, Abtreibungen und die Pay Gap? Vielleicht würde es dann mehr zu feiern geben.

Ione Gamble, Chefredakteurin vom Polyester Magazine, hat eine geteilte Meinung über die Aneignung des Feminismus durch die Mode. „Die Verbreitung des Wortes Feminismus ist nicht unbedingt nur schlecht. Das Problem ist, dass sich die Debatte nicht weiterentwickelt hat. Sie hat das Magazin 2014 gegründet. „Zu der Zeit war die Spring-/Summer-Fashionshow 2012 des Labels Meadham Kirchhoff bereits längst Geschichte und Chanel hatte den feministischen Protest auf den Catwalk geholt. Wir haben die Kommerzialisierung des Feminismus bereits damals diskutiert. Auch wenn Designer wahrscheinlich selbst für die Gleichstellung sind, denken sie oft nicht weiter, als auf Veränderungen nur mit einer Message zu setzen. Eine Message bringt aber nichts, wenn man trotz allem ausschließlich auf die skinny white girls und ethisch fragwürdige Herstellungsprozesse setzt."

Die junge Kreative hofft, dass „das Dior-T-Shirt, wenn es schon nicht die Debatte voranbringt, doch wenigstens etwas bei den Menschen verändert, die etwas bewegen können. Die jüngeren Generationen versuchen, mit Visuellem für echte politische Botschaften und Veränderungen zu sorgen."

In den Händen von Rihanna und Adichie — Künstlerinnen, die zu Ikonen geworden sind — werden diese T-Shirts mit schwarzem Schriftzug auf weißem Untergrund so wirkmächtig wie eine Überschrift in einer angesehenen Zeitung. Durch Plattformen wie Instagram finden diese Fotos heute so eine Verbreitung wie Catwalk-Aufnahmen. Die Verbreitung des Wortes „Feminismus" und die Übersättigung davon bedeuten unweigerlich, dass das Wort an Gewicht verlieren wird. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch einen Wert hat, wenn es schon Kleinkinder im Sandkasten aussprechen können.

bbyfce.com

Credits


Text: Claire Burman und Nellie Eden
Foto: via Etsy

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