"The Cockettes in a Field of Lavender," 1970. Photo by Fayette Hauser. Courtesy of Museum of Arts and Design.

wie die hippies in san francisco und ibiza die mode radikal verändert haben

Der amerikanische Modedesigner Michael Cepress sammelt seit Jahrzehnten die selbstgemachten, modischen Artefakte der Hippiekultur. In New York stellt er seine Fünde aus. Wir zeigen euch Fotos aus dem Kultbuch „Native Funk & Flash: An Emerging Folk Art...

von Alice Newell-Hanson
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09 März 2017, 9:30am

"The Cockettes in a Field of Lavender," 1970. Photo by Fayette Hauser. Courtesy of Museum of Arts and Design.

In der Mode sind die 60er und 70er allgegenwärtig. Die Hochzeit der Hippie- und Flower-Power-Bewegung. Das Epizentrum war der Großraum San Francisco und inspirierte Scott McKenzie zu seinem berühmten Song. Die Do-It-Yourself-Ästhetik, die sich in so vielen Kollektionen wiederfindet, war damals für alle, die sich individuell kleiden wollten, die einzige Option. Vietnamkrieg, Gegenkultur, neue Subkulturen, alles hinterließ auch in der Mode der damaligen Zeit ihren Ursprung. Der Modedesigner Michael Cepress sammelt seit Jahrzehnten selbstgemachte Kleidungsstücke und macht sie nun im Rahmen einer neuen Ausstellung in New York der Öffentlichkeit zugänglich. 

„Das spiegelt den Geist der 60er wider", sagt Kurator Michael Cepress über das Zustandekommen der Ausstellung Counter-Couture: Handmade Fashion in an American Counterculture im New Yorker Museum of Arts and Design. Richard Koldewyn aka Scrumbly ist Gründungsmitglied der radikalen Drag-Theatergruppe The Cockettes aus San Francisco. Das waren frühere Hippiekünstler, die mit LSD experimentiert haben und selbstgemachte Outfits getragen haben. Als sich vor ein paar Jahren den Kurator und Hippiekünstler getroffen haben, hat er Scrumbly gefragt, ob er irgendwas aus seiner psychedelischen Heydays aufgehoben hat. Nachdem Scrumbly seinen Kleiderschrank gründlich durchforstet hatte, fand er tatsächlich, zur Überraschung vieler, tatsächlich noch original Kleidungsstücke aus der Zeit wie den Doily Suit. Ein dreiteiliger Look aus Schlaghose, Jacke und Oberteil, gefertigt mit an Haute Couture erinnernder Fähigkeit und viel Kreativität.

Scrumbly of The Cockettes, aus dem Buch Native Funk & Flash, 1974. Foto: Jerry Wainwright. Courtesy of Annie Wainwright and Museum of Arts and Design.

Diesen Anzug trägt Richard in dem bekannten Modebuch Native Funk & Flash, das für viele als Inspiration dient. Autorin Alexandra Jacopetti nennt das Buch, das 1974 zum ersten Mal erschienen ist, „zeitgenössische Folk Art" aus den Gegenkultur-Bewegungen aus der Bay Area in Kalifornien. Zu sehen sind darin Bilder von liebevoll mit Blumenmotiven bestickte Kleider, Tuniken mit Batikmuster, Perlenschmuck, Patchwork-Decken und bestickte Jeans. Nicolas Ghesquiere sorgte für eine Kontroverse, als er Teile seiner Balenciaga-Kollektion für die Saison Frühjahr/Sommer 2002 an einer Ornamentenjacke des Künstlers Kaisik Wong aus eben jenem Buch angelehnt hatte.

Doch nicht nur der französische Designer ließ sich von dem Buch inspirieren, sondern auch der amerikanische Designer Michael Cepress. Als 15-jähriger Schüler hatte er, der Junge aus Wisconsin, Funk & Flash in der Hand, was einen bleibenden Einfluss auf ihn ausüben sollte. „Da habe ich begriffen, dass Kleidung mehr als nur ein Mittel zum Zweck sein kann, sondern dass es ein Mittel ist, um seine Persönlichkeit auszudrücken", sagt der Designer aus Seattle und Dozent für Mode an der University of Washington. „Die letzten zehn bis zwanzig Jahren habe ich damit verbracht, die Leute ausfindig zu machen, die das vor mehr als 40 Jahren alles geschaffen haben. Ich habe mich durch ihre Dachböden gearbietet", erklärt er uns. „Die Geschichte umgibt uns. Jemand muss die Kleidung nur finden und sie wieder hevorkramen, das ist mein Job!".

100% Birgitta (Bjerke), Ibiza, 1969. Foto: Karl Ferris. Courtesy of Bellevue Arts Museum and Museum of Arts and Design.

Diese Kleidung ist nicht nur wunderschön, sondern auch politisch wichtig. „Das ist alles vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges passiert", erklärt er. „Auf gewisse Art und Weise denke ich, dass es bunte Antikriegsdemonstrationen waren. Sich hinzusetzen und Blumen auf Kleidungsstücke von Personen zu sticken, die einem wichtig sind — was gibt es Friedvolleres?"

Für den Designer und Kurator ist das neu entflammte Interesse an traditionellen Techniken wie Weben, Sticken und Selbstfärben auch als antikapitalistische Geste zu verstehen. „Ich glaube, dass damals besonders junge Menschen auf einmal das Gefühl hatten, dass sie der Kapitalismus im Stich ließ, dass dieses „Kauft immer mehr" an Bedeutung einbüßte. Das war eine Zeit, in der Selbstversorgung und Individualität als Zeichen des Widerstands gegen das System galten." Die Idee dahinter sei gewesen, so Cepress, das man das, was man hatte, buchstäblich nach außen zeigt."

"Hippie Royalty on the Rocks," Ibiza, 1969. Foto: Karl Ferris, mit Designs von 100% Birgitta. Courtesy of Museum of Arts and Design.

Das Revival findet 2017 in einer Zeit statt, in der viele Enkel dieser Künstler aus der Hippiezeit selbst erwachsen werden, eine ebenso turbulente Zeit. „Die Beziehung zwischen Großmüttern und Enkelinnen ist dabei besonders interessant", erklärt Cepress. „Mir geht es darum, die unterschiedlichen Generationen zusammenzubringen und auf die Älteren zu hören, die uns heute helfen können. Ich habe sooft das Gefühl, dass wir wieder in den 60ern leben. Viele Probleme, gegen die die Bürgerrechtsbewegung gekämpft hat, sind wieder aktuell, eigentlich waren sie auch nie weg."

Kaisik Wong. Foto: Jerry Wainwright, 1974. Courtesy of Annie Wainwright and Museum of Arts and Design.

Cockette Daniel, 1970. Foto: Fayette Hauser. Courtesy of Museum of Arts and Design.

Lee Brooks und Alejandro "Alex" Mate of Alex and Lee Jewelry, 1974. Courtesy of Annie Wainwright and Museum of Arts and Design.

Sweet Pam, Cockette House, 1971. Foto:  Fayette Hauser. Courtesy of Museum of Arts and Design.

Counter-Couture: Handmade Fashion in an American Counterculture kannst du dir noch bis zum 20. August im Museum of Arts and Design in New York anschauen.

madmuseum.org

Credits


Einleitung: Michael Sader
Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Courtesy of the Museum of Arts and Design
Native Funk & Flash: An Emerging Folk Art ist bei Scrimshaw Press erschienen.

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