„nocturnal animals“ zeigt die absurdität der kunstwelt

Von der minimalistisch eingerichteten Villa über eine Lavenderehe bis hin zu einer gefrusteten Galeristin, die im moralischen Dilemma steckt: Der neueste Tom-Ford-Film ist ein wunderschönes Sittengemälde der zeitgenössischen Kunstwelt.

von Philippa Snow
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24 November 2016, 2:25pm

Arbeite bloß nie in der Kunstwelt. Date, heirate oder lass dich nie von einem Autor scheiden. Beides führt nur zu Herzschmerz und verursacht Probleme—entweder jetzt oder später. Das ist ein Naturgesetz. Susan aus Nocturnal Animals, gespielt von Amy Adams, muss diese Lektionen auf die harte Tour lernen: Sie hasst ihren Job und dann taucht in ihrem Leben noch der äußerst irritierende und schräge Roman ihres Ex-Mannes Tony auf. Wer ein Leben als Kreativer kennt, weiß: Das ist nicht allzu weit hergeholt.

Susan gehört eine dieser Blockbuster-Galerien à la Hauser, Zwirner oder Gagosian. In der neuesten Ausstellung ist eine Videoinstallation mit tanzenden übergewichtigen und nackten Frauen zu sehen. Sie tragen nicht, außer Hüten und Stiefel einer Majorette-Tänzerin. Welche Entscheidungen haben die Galeristin an diesen Punkt gebracht? Von denselben Frauen existieren auch Skulpturen—groß, realitätstreu und mit gespreizten Beinen. Jede Skulptur so wie eine Ron-Mueck-Variante eines Beryl-Cartoons. Es liegt absolut im Bereich des Möglichen, sich diese Werke in einer echten Galerie vorzustellen. Glaubwürdig ist auch, dass der Galeristin diese Werke peinlich sind. Denn sie sind es. Noch ein Vergleich zwischen Fiktion und Realität: Man versuche, sich nur mal eine Welt vorzustellen, in der Fotograf Philip-Lorca diCorcia die übergewichtigen Stripper aus dem Film Trash Humpers fotografiert, und nicht die Frauen aus Jumbo's Clown Room—einem bekannten Strip-Club auf dem Hollywood Boulevard in L.A.. Oder man versuche, sich die Dove-Werbung unter Regisseur David Lynch vorzustellen. Das Bild, das entsteht, ist auf jeden Fall nicht schön, weder konzeptionell noch moralisch. Will uns der Film klarmachen, dass es prätentiös ist? Oder gar gemein? Oder sollen wir etwa über die Überheblichkeit der Kunstwelt lachen?

Die Kunst sei perfekt für eine Welt voller Müll, sagt Susan zum schwulen Ehemann einer Freundin. Wer schon mal auf mehreren High-End-Galerie-Eröffnungs- oder High-Fashion-Partys war und immer noch glaubt, dass man noch nie einen Schwulen mit einer Ehefrau getroffen hat, der—tut mir leid—macht was falsch und dessen Gaydar funktioniert nicht richtig. Und weil es ein Film von Tom Ford ist und Tom Ford in diesem Film in Höchstform ist, wird der männliche Part dieser Lavendelehe (Scheinehe zwischen einem homosexuellen und einem heterosexuellen Partner) mit Michael Sheen besetzt, der zehn Minuten in dieser brillanten Rolle zu sehen ist. Zusammen mit seiner heterosexuellen, besoffenen und Kaftan tragenden Ehefrau gehört er zu den Figuren, von denen man sich wünschen würde, dass es im Film um sie geht. „Keiner", sagt er zur weiblichen Hauptfigur im Film, „mag eigentlich das, was wir tun." Man kauft es Susan ab, wie sie missmutig durch ihr kühles und riesiges Haus stolziert und ihren untreuen, sonnengebräunten Ehemann anmotzt. Selten hat etwas so wenig wie das wahre Leben ausgesehen. Als der Roman ihres Ex-Mannes Tony in der Post landet, scheint sie fast erleichtert zu sein, dass sie noch Emotionen wie Angst und Spannung erfahren kann. Der Roman ist in Wahrheit ein Thriller, in dem sie und ihre Tochter von einfältigen Proleten abgeschlachtet werden.

Susan—der Inbegriff des Typus Kunstmensch—schminkt sich so, als ob es sich dabei um Kriegsbemalung handelt und sie Teil einer Ausstellung über die Kabuki ist. Kritiker haben ihre Frisur als „geglättet", „kantig", „makellos", „gelackt", „ernst", „gescheitelt" und „ablenkend schön" beschrieben, mit anderen Worten: die typische Frisur einer Kuratorin. Sie steht auf viel Foundation im Gesicht, und sieht damit noch unlebendiger aus als der Charakter im schrägen Roman ihres Ex-Mannes. Und natürlich trägt sie auffallend oft schwarze Rollkragenpullis. Ein Beweis dafür, dass Tom Ford anscheinend keine Angst vor Klischees hat. Um Anthony Lane vom New Yorker zu zitieren: „[Amy] trägt eine Brille, die nur etwas größer als eine Schweißerbrille ist". Keiner kann behaupten, dass diese Darstellung nicht stimmen würde. Der lustigste Seitenhieb auf die Kunstwelt ist der traurige Hund im Jeff-Koons-Stil, neben dem ebenfalls traurigen Kranich auf dem Grundstück der modernistisch eingerichteten Villa der Galeristin und ihres Ehemannes. Die Kunstwerke werfen eine Frage auf: Wofür und warum der ganze Scheiß eigentlich? Dieses großen, polierten Objekte im Regen zu sehen, ist eine Metapher auf Susans Leben, aus der Distanz betrachtet: schöner Protz, aber ohne wirklichen Nutzen. Die zweitlustigste Szene im Film ist der Moment, als das iPhone der Galerieassistentin, gespielt von keiner Geringeren als Jena Malone, in Stücke zertrümmert wird und sie daraufhin sagt: „Das ist OK. Das neue kommt eh nächste Woche raus." Es wäre nicht überraschend, wenn das tatsächlich ein Galerist zu einem Künstler sagen würde, dessen Werke nicht ganz so häufig gekauft werden. „Wir können einfach ein paar Dinge von irgendeinem Künstler aus L.A. hinstellen", sagt Susan zu ihrem desinteressierten Ehemann, von dem sie weiß, dass er untreu ist, „und die Leute werden denken, dass wir Trendsetter sind und nicht, dass wir kein Geld haben."

Der Abstieg auf der Top-Ten-Power-List von Art Review ist noch schlimmer als Proleten. Apropos Proleten: Mit der Figur des Mörders Schrägstrich Vergewaltigers Ray, gespielt von Aaron Taylor-Johnson, fährt Ford einen weiteren Stereotyp der Kunstwelt auf: das Enfant terrible. Sein Rüpel-Image wird durch das passende 70er-Hemd, seine modelgleichen Wangenknochen und seine verdächtig grünen Stiefel in Szene gesetzt. „Tom Ford höchstpersönlich hat mein Haar geglättet", so der Schauspieler zu i-D. „Er selbst!". Man hat weniger den Eindruck von The Hills Have Eye als eher dein Eindruck, dass er Plastikbier bei Lidl kauft. Nur wenige Protagonisten der Kunstwerlt sind mit jemandem verheiratet, der wie Armie Hammer aussieht: Ein Mann, der so schön ist, dass man ihn gleich wieder vergisst. Ein menschliches Faberge-Ei. Rays gibt es dagegen in der viele. Meist sind sie an Bar mit den Free Drinks zu finden, vielleicht abgesehen davon, dass die meisten keinen Südstaatenakzent haben und nicht so gewaltsam und nicht ganz so wütend auf die Welt sind. Der Rest stimmt—mehr oder weniger.

„Vieles vom Drumherum im Film, der gut geschnittene Mantel, die Stiefel von Susan, das modische, minimalistische Glashaus, die Aktdarstellung von John Currin, die über ihrem Schreibtisch hängt, sieht so schön aus, dass man alles besitzen möchte", schreibt ein Kritiker vom TIME Magazine. „Hasst Ford diese Dinge oder liebt er sie?". Wir wissen es nicht. In einer Szene im Film hängt ein Gemälde mit dem Slogan REVENGE in der Galerie. Große, weiße Buchstaben auf schwarzem Hintergrund. Das Werk kann alles und nichts bedeuten. Die Tom-Ford-Frau umgibt etwas Hartes, ja Dominantes, vielleicht trägt sie deswegen so oft Kriegsbemalung.

Da könnte der gemeine Kinobesucher schnell dazu geneigt sein, in Susan die eiskalte Bitch zu sehen. Geht sie eben doch alles so im Leben an und überhaupt: Ist SIE nicht der Grund, warum sie geschieden ist? Eine gewisse Sprödigkeit jedenfalls gehört zur klischeebehafteten Jobbeschreibung einer Galeristin, ebenso wie der schwarze Rollkragenpullover, der kantige Haarschnitt und die große Brille. „Ich wollte die Geschichte in der zeitgenössischen Kunstwelt ansiedeln", verriet der Regisseur der versammelten Presse auf der Biennale in Venedig. „Und ich wollte ihre Absurdität zeigen." Hilf dir selbst, so hilft dir Gott, würden wohl einige Menschen in Fords Heimat Texas sagen. Übertragen auf die Kunstwelt: Verpasse dir tägliche eine Dosis Absurdität. Ach, wenn wir nur einen Tom Fotd jeden Morgen bei uns im Badezimmer hätten, der uns die Haare glättet.

Nocturnal Animals startet am 22. Dezember in den deutschen Kinos.

Credits


Text: Philippa Snow
Foto: Screenshot von YouTube aus dem Video „Nocturnal Animals - Official Trailer Tease (Universal Pictures) HD" von Focus Features

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