was höhlenmenschen mit dem neuen album von animal collective zu tun haben

Die amerikanische Indie-Band Animal Collective ist zurück. Wir haben mit Frontmann Noah Lennox aka Panda Bear über das soeben erschienene Album „Painting With“ gesprochen und uns das erklären lassen.

|
Feb. 22 2016, 12:20pm

Hisham Akira Bharoocha&Abby Portner

Nicht viele Indie-Bands können ihren unverkennbaren, experimentellen und unkonventionellen Stil halten und gigantische Touren auf der ganzen Welt spielen. Animal Collective aus Baltimore gibt es aber seit mittlerweile knapp zwei Jahrzehnten. Die drei Musiker Noah Lennox alias Panda Bear, David Porter alias Avey Tare und Brian Weitz alias Geologist konzentrierten sich ein paar Jahre auf ihre Soloprojekte, bevor sie im Sommer 2014 Ideen für ihr neues Album Painting With gesammelt haben. Soeben erschien ihre neue Platte, für die sich die drei Freunde nicht nur für die Aufnahmen in den legendären East-West Studios in L.A. ein ganz besonderes Konzept überlegt haben. Inspiriert von den Tänzen der Höhlenmenschen, Dinosauriern und Malerei, ist das elfte Album Painting With die vielleicht poppigste Platte, die Animal Collective je gemacht haben. Und trotzdem bleibt ihr Sound gewohnt psychedelisch und experimentell. Wir haben mit Noah Lennox über ungemütliche Studios, Musik-Apps und das Psychedelische in ihrer Musik gesprochen.

Für Painting With habt ihr alles neu gemacht. Ein neues Studio, ein neuer Aufnahmeprozess. Wie war das für euch?
Also auf jeden Fall ging es sehr schnell. Außerdem war es spannend, Songs aufzunehmen, die wir davor nicht hunderte Male auf Konzerten gespielt haben. Das gab dem ganzen Entstehungsprozess eine neue Perspektive. Wir mussten den Songs nicht zwanghaft irgendetwas hinzufügen. Wir konnten viel objektiver an die Sache herangehen. Eben weil alles so schnell ging, blieb uns nicht so viel Zeit, unsere individuellen Charaktere in die Musik einfließen zu lassen.

Gab es eine Idee oder Richtung, in die das Album gehen sollte?
Ich hatte immer das Bild von prähistorischen Höhlenmenschen vor Augen, die um ein Lagerfeuer tanzen. Ich weiß, dass sich das etwas albern anhört, aber ich wollte Musik machen, die dieses Gefühl provoziert. Diese Stimmung haben wir vor allem in den Rhythmen der Songs geschaffen. Wir wollten auch etwas Neues mit den Vocals machen. Also haben wir Musik für zwei Sänger geschrieben. Wenn man aber eine Stimme wegnimmt, funktionieren Text und Song nicht mehr wirklich.

Während der Aufnahme in den Studios habt ihr Dinosaurier-Videos auf die Wand projiziert und viel über das Malen gesprochen. Sind Malerei und Dinosaurier also die Haupteinflüsse für das neue Album?
Die Dinosaurier passen eher zu der Höhlenmenschen-Idee. Die eigentlichen Ideen und Vorstellungen zu dem Album entwickelten sich in Nachrichten, die wir uns schickten, als wir an unterschiedlichen Orten der Welt waren. Wir haben uns über alles ausgetauscht. Welche Instrumente mögen wir gerade, was stellen wir uns musikalisch vor? Bei uns ist es üblich, dass wir uns gegenseitig Input geben und uns updaten, was uns gerade beschäftigt und fasziniert. Es gab Ideen, die von Anfang an unseres Austauschs in das Album eingeflossen sind. Zum Beispiel, dass wir kürzere Songs machen wollten, was davor nie wirklich unser Ding war, oder dass wir nicht zu viele langsame Songs machen wollten. Der erste Song „Flori Dada" treibt alles an. Und die Energie sollte gehalten werden.

Ihr lebt und arbeitet alle an verschiedenen Orten der Welt. Wie läuft da das Songwriting ab?
Dave und ich haben je acht Demo-Songs geschrieben. Das lief erstaunlich gut. Ein paar Monate nachdem wir uns die Demos zugeschickt hatten, haben wir uns alle in Ashville, North Carolina getroffen, um die Ideen zusammenzubasteln. Niemand von uns ist wirklich ausgebildeter Musiker, also müssen wir unsere Ideen immer auf eine visuelle Art beschreiben und nicht mit Noten. Manchmal auch mit Farben, Metaphern oder Gesten. Und diesmal haben wir sehr viel über Malerei gesprochen. Etwa so: „Ich nehme einen Pinsel und möchte mit einer bestimmten Farbe über den Song streichen." Und so sind wir auf Painting With gekommen.

Denkst du, dass Malerei Musik stark beeinflussen kann?
Ich muss sagen, dass ich nicht wirklich was von Bildender Kunst verstehe. Ich habe als Kind viel gemalt, aber dann haben Musik und Sport überhand in meinem Leben genommen. Sorry ...

Wie war es für euch, nach langer Zeit wieder zusammenzukommen?
Wir bleiben immer im Kontakt und wenn wir mal in derselben Stadt sind, hängen wir auch die ganze Zeit gemeinsam ab. Ich reite in kreativer Hinsicht mit den anderen auf derselben Welle. Wenn ich alleine Musik mache, dann lasse ich meine Ideen in Animal Collective einfließen. Umgekehrt beeinflusst der AC-Sound auch meinen Panda-Bear-Sound. Ich weiß nicht, ob die anderen auch so denken. Wir kennen uns seit 20 Jahren und ich finde, wir sind ziemlich gut darin, über alles zu sprechen und die Dinge schnell wieder zum Laufen zu bringen.

Ihr habt das Album in den East-West Studios in L.A. aufgenommen. Dem Ort, an dem schon Michael Jackson, Elvis oder Frank Sinatra aufgenommen haben. War es besonders?
Wir sind den Studiobetrieb natürlich gewohnt, aber diesmal gab es so viele neue Eindrücke, weil das Studio so großartig war. Es ist definitiv eines der besten, in dem wir je gearbeitet haben. Um die prähistorische Stimmung zu schaffen, haben wir verschiedene Dinge ins Studio gebracht. Dave wollte, dass die vier Elemente im Raum vertreten sind. Wir hatten ein kleines Schwimmbecken voll Wasser, dann einen Stein—der stand für die Erde—und viele Kerzen im Raum. Dann haben wir einen kleinen, ein Meter hohen Turm gebaut und von dort oben die Vocals aufgenommen. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie das die Musik beeinflusst hat, aber es machte den Arbeitsraum einfach angenehmer.

Also war euch das Studio zu steril?
So schön und besonders Studios für den Sound sind, sind sie auf visueller Ebene nicht wirklich inspirierende Orte, oft zu kalt. Wir schmücken uns die Räume immer selbst, damit sie sich mehr nach vertrauten Orten anfühlen.

Wie wichtig ist euch das Psychedelische in eurer Musik?
Mir scheint es, dass Menschen viel unter dem Begriff „das Psychedelische" verstehen. Manchmal weiß ich selbst nicht, was es bedeuten soll. Für mich persönlich geht es darum, Dinge über mich selbst zu verstehen und auch über das Universum—auch wenn sich das komisch anhört. Versuchen hinter die Dinge zu kommen, die sich direkt vor mir abspielen, also einfach tiefer zu gehen.

Ihr versucht also, von Album zu Album auf der psychedelischen Treppe immer höher zu steigen?
Ich denke ein bisschen, ja. Oder eher immer Dinge auf andere Art zu sagen, denn ich bin mir nicht sicher, ob man einfach immer höher gehen kann, denn irgendwann wirst du von der Sonne verbrannt. Wir betrachten von Album zu Album das Psychedelische einfach aus einer anderen Perspektive und erzählen etwas Neues darüber.

Die Höhlenmensch-Idee ist eher positiv. In den Texten eurer neuen Songs geht es aber auch etwas ernster zu. Ukraine-Konflikt und andere Probleme der Welt. Dennoch klingt das Album nicht traurig oder aggressiv...
Wir hatten keinen Masterplan. Es kam alles, wie es kommen sollte. Ich möchte Menschen nicht mit solchen Themen nerven oder ärgern. Ich denke aber, dass du sie so ins Boot kriegst. Denn sind sie mal drin, kann man auch mit ihnen in den Dialog treten, sie mit Problemen konfrontieren. Das war die Idee. Aber wir hatten nie den Plan, superenergetische Musik zu machen und darin all das unangenehme Zeug anzusprechen.

Auch wenn das Album kein klassischer Pop ist, ist es doch sehr poppig, oder?
Da stimme ich dir zu. Ich finde, dass es Pop-Elemente in den Songs gibt, das war aber nicht geplant. Nach Mainstream-Radio hört es sich aber nicht an. Ich mag Popmusik, also ist es natürlich, dass der Pop auch in unserer Musik ist. Für gute Musik gibt es keine Formel—wenn sie ehrlich ist, dann gehen Menschen darauf ein.

Ihr habt vor wenigen Wochen eine App vor der Albumveröffentlichung präsentiert. Kommt man als Musiker nicht mehr drum herum, eine Musik-App auf den Markt zu bringen?
Ich persönlich denke, dass es eine ziemlich coole Sache ist. Keine Ahnung, ob die anderen Jungs auch so darüber denken, aber es ist etwas, das man heute braucht. Mir gefällt die Idee, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten, etwa den Entwicklern. Die App ist auch eine Art Reflektion der Themen, über die wir auf dem Album sprechen. Aber der eigentliche Grund, wieso ich die App so mag, ist, dass sie eine Art Showcase für unsere Songs ist.

Man kann in der App malen. Hast du Angst, dass Menschen abgelenkt werden und eure Musik nicht mehr so wahrnehmen?
Das lässt sich eh nicht mehr verhindern. Wenn du dir ein YouTube-Video ansiehst, hast du das gleiche Problem. Wieso also die Ablenkung nicht kreativ gestalten und malen, während man unsere Songs hört?

Noch einmal zurück zu den Höhlenmenschen: Können sie als Metapher für unsere Zeit gesehen werden? Eine Zeit, in der wir vielleicht gesellschaftlich und politisch nicht voranschreiten, sondern uns zurückentwickeln?
Das ist schwer zu sagen. Inspiration kann auch einfach mysteriös und abstrakt sein und muss nicht aktuell und politisch sein. Unsere Reaktionen sind nicht das Ergebnis bestimmter, zeitgebundener Ereignisse, sie sind frei.

Das könnte dich auch interessieren:

  • Die psychedlischen Collagen von Eugenia Loli findest du hier.
  • Mit den Berliner Jungs von Fenster geht es hier auf einen Trip in den Emocean. 
  • Schau dir hier die Bilder des ungezügelten und nackten New Yorks der 70er an.

Credits


Text: Moritz Gaudlitz 
Fotos: Tom Andrew