wie amateure eine ganze biennale kuratieren

Amateure, Touristen, Außenseiter: Das DIS-Kollektiv aus New York steht als Kuratoren-Team hinter der neunten Berlin Biennale, ohne vorher jemals schon Erfahrungen in dem Bereich gesammelt zu haben. Im Interview mit uns erklären sie, wie sie mit dieser...

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03 Juni 2016, 9:45am

Sabine Reitmaier

„Ein leicht verzweifelter Ton schwingt bei dem Thema Gegenwart mit. Er erinnert an eine Spinning-Trainerin, die trotz eines massiven Katers versucht, noch durchzupowern. [...] Die Zukunft fühlt sich wie die Vergangenheit an: vertraut, vorhersehbar, unveränderlich—und die Gegenwart steht mit den Unwägbarkeiten der Zukunft alleine da. Wird Donald Trump Präsident? Ist Weizen giftig? Ist der Irak ein Land? Ist Frankreich eine Demokratie? Mag ich Shakira? Leide ich an Depressionen? Sind wir im Krieg? [...] Unser Vorschlag ist einfach: Statt Vorträge über Ängste abzuhalten, lasst uns die Leute erschrecken. Statt Symposien über die Privatsphäre zu veranstalten, lasst sie uns aufs Spiel setzen. Lasst uns die Probleme der Gegenwart dort materialisieren, wo sie geschehen, und sie zu einer Sache des Handelns nicht des Zuschauens machen. Die Gegenwart wird nicht entblößt. Das ist The Present in Drag."

Was wie die Einleitung eines zeitgenössischen philosophischen Abhandlung klingt, ist nur ein kleiner Auszug aus The Present is Drag, der 384-seitigen Publikation der neunten Berlin Biennale. Zum ersten Mal in ihrer zwanzigjährigen Geschichte wird die Biennale von einem Kollektiv kuratiert: DIS. 

Die neue Rolle, die Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Rose und David Toro 2014 von New York nach Berlin reisen ließ, reiht sich exzellent in das außergewöhnliche Portfolio des Kollektivs ein. Die vielzitierte Spannbreite ihrer verwendeten Medien reicht von ortsspezifischen Museumsausstellungen über eine professionell arbeitende Bildagentur „DISimages" bis hin zum DIS Magazine—einer virtuellen Plattform, die sich mit neuen Praktiken und experimentellen Auseinandersetzungen aus den Bereichen Mode, Kunst und Musik beschäftigt. Vor zwei Jahren übertrafen sich die vier Kreativen selbst und überzeugten den Vorstand der Berlin Biennale mit ihrem Konzept für die neunte Berlin Biennale.

Das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit ist bezeichnend für ihr Vorgehen: Neben den Ausstellungen in der Akademie der Künste und dem KW Institute for Contemporary Art wird das Programm von Präsentationen über eine Vielzahl von Medienpraktiken begleitet; ein kooperativer Soundtrack, der in Zusammenarbeit mit The Vinyl Factory und The Store produziert wurde, Anthem; eine samstägliches Open-Workout mit Trainer und Künstler Nik Kosmas, über den du bald auf i-D mehr lesen kannst; und mit Fear of Content gibt es eine fortlaufende Plattform, die unser pausenloses Kommunikationsverhalten thematisiert.

Zum heutigen Auftakt der neunten Berlin Biennale haben wir mit DIS über ihre Kuration, das Konzept Verwirrung und die komplexen Widersprüche unserer Gegenwart gesprochen. 

Speculative Ambience, 2016, Video Still, Produziert von Iconoclast

Wie kam es zur Kollaboration mit der Berlin Biennale?
Wir hätten uns fast nicht beworben, nachdem uns das Team der Berlin Biennale eingeladen hat. Wir waren skeptisch was unsere Chancen angeht—gerade wenn man bedenkt, dass wir keine professionelle Erfahrung als Kuratoren haben. Wir haben es aber letztlich dann doch getan und wurden dann neben einer Handvoll anderer Bewerber nach Berlin eingeladen, wo wir unsere Ideen präsentieren sollten. Wir hatten ein fertiges Konzept für die Berlin Biennale. Als wir dann aber da waren, haben wir das über den Haufen geworfen und von vorne angefangen. Uns war es sehr wichtig, den Moment und unsere Umgebung in Berlin festzuhalten. Der Berlin-Trip war nur der Anfang.

Inwieweit unterscheidet sich euer Ansatz von früheren Ausgaben der Biennale?
Unsere Arbeitsweise ist grenzenlos. Ob digitale Plattform, Stock-Image-Website, ein Shop, eine Party oder eben die Biennale: Wir nehmen bei jedem Projekt dieselbe Perspektive ein und arbeiten mit denselben Mitteln. Die Berlin Biennale ist das erste Mal, dass wir zwei Jahre Zeit für ein Projekt hatten. Wir wollten die positiven Konsequenzen nutzen, die es mit sich bringt, ein Amateur, Tourist oder Außenseiter in dieser institutionalisierten Kuratorenwelt zu sein. Die Annäherung an die Ausstellung ist ähnlich wie die Annäherung an unsere Website: ein Bild der Gegenwart aus Hyperlinks. Eine Plattform, die sich zeitgenössischer Kultur nährt und gleichzeitig widersprüchlich und überraschend ist. Wir haben keine Leitthese entwickelt, der sich die Arbeiten anpassen mussten. Stattdessen haben wir einen Prozess in Gang gesetzt, der schließlich zu Gesprächen mit Künstlern und Freunden führte. Aus diesen Gesprächen entstand die Biennale mit einem ganzen Netz aus Ideen, Sensationen und überspannenden Themen.

Narrative Devices, 2016 featuring Tilman Hornig: GlassPad, Video Still, Produziert von Iconoclast

Die Botschaften rund um die Berlin Biennale scheinen, die Besucher bewusst verwirren zu wollen. Wird sich das Publikum in dieser Welt gemixter Botschaften nicht verlieren?
Es gibt eine immerwährende Umkehrung der kulturellen Logik—Aktivismus wird vom Kommerz geschluckt, Anti-Wissenschaften übernehmen strukturelle und ästhetische wissenschaftliche Codes. Die kalifornische Ideologie hat sich in Spiritualität und Wohlbedacht verwandelt. Widerstrebende Wertesysteme werden in kommerziellen Produkten zusammengefasst. Glück ist heute ein Wirtschaftsfaktor und Verwirrung ist eine zentrale Strategie politischer Kontrolle.

Unser Ziel ist es aber nicht, die Verwirrung zu feiern oder den Besucher zu verwirren. Uns interessiert, wie Künstler mit der Komplexität von Botschaften, Bildern und der Gegewartsideologie umgehen, und neue Wege zu finden, die die Widersprüche sichtbar machen, sie wahrnehmen und präsentieren. Und dadurch zu einem anderen Verständnis und Wahrnehmung gelangen.

Erzählt uns mehr über die Idee hinter der digitalen Plattform Fear of Content. Was verfolgt ihr damit? Und wie passt das zum Rest der Biennale?
Fear of Content ist ein Veranstaltungsort, unterscheidet sich aber von den Ausstellungen, weil es keinen physischen Ort hat. Statische Fotos von Installationen würden die Biennale nicht angemessen widerspiegeln. Fear of Content ist ein Space für Künstler und Denker—sowohl für die, die bei der Biennale mitmachen, als auch für die, die es nicht tun—, um die Themen und Paradoxe, die unserer Gegenwart zugrunde liegen, auseinanderzunehmen, neu zu formulieren und zu präsentieren. GCC hat, zum Beispiel, verschiedene Leute aus der aufstrebenden Positive-Energy-Bewegung aus dem arabischen Raum interviewt. Vardarman hat ein Social-Media-Archiv erschaffen, in dem die unterschiedlichen friedlichen Proteststrategien gezeigt werden, die während der Proteste im Gezi Park 2013 in der Türkei angewandt wurden. Es gibt eine Retrospektive der Videoarbeiten von Kathleen Daniel. McKenzie War schreibt über die immanenten Klimakriege, vor denen wir stehen. Natasha Stagg berichtet über Mikrotrends im Internet. Das sind Trends, die so klein sind, dass man sie als Events bezeichnen sollte. Während der Zeit der Biennale werden ständig neue Artikel und Projekte veröffentlicht. Die Plattform wird so lebendig—etwas, was physische Installationen nie sein werden können.

Narrative Devices, 2016 featuring Tilman Hornig: GlassPad, Video Still, Produziert von Iconoclast

Seeking Representation: Directions to KW, 2016, Still aus / from CENTER JENNY, 2013, HD video, 53'15"  © Ryan Trecartin

Das DIS-Kollektiv, Foto: Julia Burlingham

berlinbiennale.de

dismagazine.com

Credits


Text Zsuzsanna Toth
Fotos via Berlin Biennale