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diese designerin experimentiert mit chemischen substanzen

Wir haben die Hyères-Gewinnerin Vanessa Schindler im Zuge der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin zum Interview getroffen, um mehr über ihre Kollektion “Urethane Pool: chapitre 2“ und ihren etwas anderen Ansatz in der Mode zu erfahren.

von Juule Kay
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19 Juli 2017, 12:05pm

Auf den ersten Blick haben Chemie und Mode nicht viel gemeinsam? Die Schweizer Designerin Vanessa Schindler beweist uns das Gegenteil. In ihrer Masterkollektion Urethane Pool: chapitre 2 experimentiert sie mit dem Polymer Urethan und schlägt so einen völlig neuen Weg in Bezug auf die Herstellung von Kleidung ein. Was normalerweise Bestandteil von Skateboardrollen und Bowlingkugeln ist, hat die Designerin in einen experimentellen Modekontext gebracht. Herausgekommen ist eine verträumte Meereswelt voller chemischer Reaktionen und regenbogenfarbener Fantasien, die Vanessa durch Muschelapplikationen, transparente Stoffe und überdimensionale Glockenärmeln zum Leben erweckt. Ihre Kreationen spielen mit fließenden Stoffen, die stark an eine stürmische See erinnern; die korallenriffartige Cut-outs ihrer Designs fügen sich in das stimmige Bild dieser Unterwasserwelt. 

Nach diversen Praktika bei dem Pariser Label Études, Balenciaga und dem dänischen Modedesigner Henrik Vibskov hat die Schweizerin im April den begehrten Hyères-Preis gewonnen und wurde durch ihre diversen Meeres-Referenzen zu Recht von den Medien zum Quallen-Mädchen getauft. Im Interview hat uns Vanessa verraten, warum ihr tiefergreifender Do-It-Yourself-Gedanke die Mode in eine andere Richtung lenken könnte.

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Deine Masterkollektion trägt den Titel Urethane Pool: chapitre 2. Was hat es mit dem Namen auf sich?
Ich experimentiere viel mit dem Material Urethan. Es ist ein Polymer, also eine Art Plastik, die Gummi sehr ähnlich ist und am Anfang flüssig wie Honig ist. Die Kollektion war wirklich ein Experiment in Sachen Textilkonstruktion. Ich hatte diese Idee, Stoffe zu modellieren, und das hat sich ein bisschen angefühlt wie an einer Skulptur zu arbeiten. Also habe ich nach diesem Material gesucht, um das möglich zu machen. Als ich es dann gefunden habe, habe ich versucht, es auf die Stoffe zu gießen, um zu sehen wie sie reagieren. 

Dein Material-Mix ist anders, als die Leute vielleicht in einem Modekontext erwarten würden. Woher kommt deine Faszination für das Experimentieren?
Ich habe versucht, die Herstellung meiner Stücke ein wenig mehr zu hinterfragen. Als ich mit meiner Kollektion angefangen habe, wollte ich eine Lösung finden, damit ich sie selbst in meinem eigenen Studio herstellen kann. Also habe ich angefangen zu experimentieren. Man hat das Gefühl, dass dieses Material niemals wirklich trocken ist, es sieht immer sehr flüssig aus. Ich musste sofort an das Meer denken und wollte mit dieser Idee spielen, deswegen auch die verschiedenen Elemente wie Muscheln. Alles wirkt sehr abstrakt, du lässt es trocknen und acht Stunden später entdeckst du, was daraus geworden ist. Es ist eine Art Überraschung und auch immer mit Fehlern verbunden. Aber ich mag diese Idee, sie gibt einem Freiheit. 

Form folgt der Funktion oder Funktion folgt der Form?
Beides. Mode hat für mich sehr viel mit Verzierung zu tun. Ich sehe mich als Designer und finde, dass sich diese mehr Gedanken darüber machen sollten, warum und wie sie etwas tun. Das Wie ist wohl die interessanteste Frage dabei. In meiner Master-Kollektion sieht man zwar viele Verzierungen, aber mit dem verwendeten Material kann ich auch die Stoffe zusammenkleben, so bekommt alles eine Funktion. 

Du überschreitest gerne Grenzen. Würdest du sagen, dass das ein Statement von dir ist?
Ich würde sagen, dass es eher eine Provokation ist und hinterfragt, wie wir heutzutage in der Modeindustrie arbeiten. Ich wollte reflektieren, wie wir ein Stück Kleidung herstellen können und bin dabei wirklich abstrakt, aber auch effizient geworden. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir in der Mode seit Jahren die gleichen Sachen machen und genau das sollten wir hinterfragen. Ich sage nicht, dass das hier die Lösung ist, aber es ist eine mögliche Betrachtung.

@vanessaschindler

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: Myriam Ziehli
Vanessa Schindler wird unterstützt durch das Nachwuchsförderprogramm von Mercedes-Benz.

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