Wie man sich als schwarze Frau in Deutschland fühlt

Jedes Ende ist auch ein Anfang, jedes Problem bietet auch eine Hoffnung auf Besserung und Neues. Dieses Jahr hat sich viel getan in Deutschland, vor allem politisch. Dem ungefilterten Rassismus haben sich starke Stimmen und Meinungen entgegen gestellt.

von Dominique Booker
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12 Dezember 2016, 11:25am

Foto: Positiv / Negativ

Vor nicht allzu langer Zeit fand ich mich in der Situation wieder, in der eine ältere Dame, mich und meinen Freund am Bahnhof darauf aufmerksam machte, dass wir seit zwei Minuten im absoluten Halteverbot stünden. Prinzipiell eine Aussage, die gerechtfertigt ist, als dann jedoch der Zusatz kam, dass wir uns gefälligst an die Regeln halten sollten, wenn wir schon in diesem Land leben dürften, bekam das Ganze einen ganz anderen Beigeschmack. Um die Situation visuell etwas zu erläutern: Sowohl mein Freund als auch ich sind je zur Hälfte afroamerikanisch und deutsch – also dunkelhäutig. Wir gehören, nach der genannten Dame, obwohl wir hier geboren wurden, also nicht zu diesem Land. Unsere phänotypischen Merkmale bestimmen also, wie unsere Mitmenschen uns wahrnehmen und sich dementsprechend verhalten.

Manche werden jetzt die Augen verdrehen und denken: 'Schon wieder eine, die direkt mit dem Wort Rassismus daherkommt!'. Ich denke: 'Warum muss ich immer wieder darüber sprechen, mich erklären oder rechtfertigen?'. Das Thema ermüdet. Nicht nur meine Mitmenschen, die sich—dank ihrer Privilegien – damit nicht auseinandersetzen wollen und müssen, sondern auch Leute wie mich, die Tag ein Tag aus auf die eine oder andere Art damit konfrontiert werden. Ich bin eine Schwarze Frau, eine Schwarze, deutsche Frau. In meinem Leben spielen also nicht nur Rassismus, sondern auch Sexismus eine Rolle. Als ob ein Thema allein nicht schon anstrengend genug wäre. Dazu sind es beides Themen, die gerne übergangen oder belächelt werden, weshalb ich mir in vielen Situationen immer mehrfach überlege, ob es sich überhaupt lohnt, eine Konfrontation einzugehen.

Um eins klarzustellen: Natürlich ist nicht jeder Mensch, der mir begegnet, ein Rassist! Ich würde mich sogar aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass es sogar eher eine niedrige Anzahl ist. Nicht jede Handlung oder dumme Äußerung meiner Mitmenschen, bei der sich ein Feuerball in meinem Magen entwickelt, ist von gewollt rassistischer Natur, aber die Ignoranz, wenn es um das Thema geht, lässt mich manchmal aufstoßen.

Diese Ignoranz ist auch der Grund, warum so viele Menschen nicht über ihren Tellerrand schauen können. Das sind dann die Momente, in denen mein Gegenüber stöhnt und sich nicht herausreden kann, sobald ich darauf hinweise, dass ich es nicht geil finde, wenn man mir – ohne zu fragen – in die Haare fasst. Anstatt zu erkennen, dass es zu einer guten Erziehung gehört, fremde Menschen nicht einfach ungefragt, an welchem Körperteil auch immer, zu berühren. Oder dass es kein Kompliment ist, wenn man mir im Anschluss danach sagt, dass sich mein Haar wie Schafwolle anfühle; meine Hautfarbe ja so schön sei, weil ich nicht zu dunkel bin; oder ich Glück hätte, dass ich nicht so eine dicke "N****nase" oder "N****lippen" hätte. Oder man meine Mutter, während ich neben ihr stehe, fragt, ob ich wirklich ihr Kind sei und warum ich denn so dunkel wäre. Oder mich Männer immer wieder fragen, ob ich eine Latina sei, weil das ja dann natürlich auch bedeuten würde, dass ich total temperamentvoll in der Kiste sei und immer "Ay Papi" rufen würde.

Und schon wieder höre ich an dieser Stelle die nächsten Stimmen sagen: "Ja, okay, kann ich verstehen, aber trotzdem geht es dir hier ja schon besser als in anderen Ländern. Schau dir mal an, was zum Beispiel in Amerika passiert. Da hast du ja Glück, dass du hier bist!". Tatsache ist, dass es in unserem Land zahlreiche und schlimmere Beispiele gibt als die, die ich oben genannt habe. Und abgesehen davon soll mich diese Aussage jetzt beruhigen? Soll ich dafür dankbar sein? Natürlich bin ich dankbar, dass ich in einem Land lebe, das mir unglaublich viele Möglichkeiten und Sicherheiten bietet, in dem ich mir nicht unbedingt Sorgen machen muss, einfach erschossen oder misshandelt zu werden. Aber es ist alleine schon ein Problem, dass ich mich in sehr vielen Situationen in dem Land, in dem ich geboren wurde, nicht frei, wohl oder zugehörig fühle, und mich danach sehne nicht aufzufallen, weil man mich immer wieder darauf aufmerksam macht, dass ich anders bin – egal ob im positiven oder negativen Sinne! Und das einzig und allein aufgrund meiner äußeren Hülle! Allein dieses Gefühl verbindet mich auf einer empathischen Ebene mit allen Menschen, denen Unrecht widerfährt, wegen ihrer Herkunft beziehungsweise ihres Aussehens, denn auch ich bin Teil davon – in welchem Maß spielt dabei gar keine Rolle.

"Ich sehe keine Farbe, Menschen sind für mich alle gleich!" Das ist eine wichtige, aber zugleich völlig falsche Aussage. Denn in der Welt, in der wir uns bewegen, werden Unterschiede gemacht. Wenn man das nicht begreift, erkennt und benennt, dann trägt man selbst zu diesem Problem bei. Das ist manchmal unangenehm, aber es ist nötig und wichtig! Es wäre wünschenswert, dass die Menschheit irgendwann so weit ist, dass diese Aussage ohne Wenn und Aber getätigt werden könnte. Bis es aber soweit ist, haben wir noch einen langen Weg vor uns. Auch ich wünsche mir, dass sich die Menschen eines Tages davon freimachen können, andere in Schubladen zu stecken und alle, egal ob weiß oder People of Color, gleichbehandelt werden und man als Einheit funktioniert, als Menschen. Dass kulturelle Unterschiede als Bereicherung wahrgenommen werden können, anstatt sie zu fürchten. Und Menschen endlich viel tiefer sehen als das äußere Bild, was einen in dem jeweiligen Leben begleitet. Solange ich, als in Deutschland geborene Frau, immer wieder erklären muss, dass ich Deutsche bin, obwohl ich dunkelhäutig bin, hat sich noch nicht genug geändert. Aber jede und jeder einzelne trägt die Kraft in sich, ein Teil der Veränderung zu sein. Solange man das nicht vergisst und ehrlich zu sich selbst ist, kann es nur bergauf gehen. So wie May Ayim einmal gesagt hat: "Ich werde trotzdem afrikanisch sein, auch wenn ihr mich gerne deutsch haben wollt und ich werde trotzdem deutsch sein, auch wenn euch meine Schwärze nicht passt."

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