Quantcast

„313onelove“ ist ein liebesbrief an detroit techno

In „313onelove“ hat die Berliner Fotografin Marie Staggat in 170 beeindruckenden Porträts Detroiter Technolegenden abgelichtet. Vorab zur Buchveröffentlichung heute Abend haben wir sie zum Gespräch über ihre Liebe zur Musik, das Projekt und ihr...

Alexandra Bondi de Antoni

Alexandra Bondi de Antoni

DJ PSYCHO

Techno aus Detroit hatte schon einige Jahre auf dem Buckel, als Marie Staggat nach ihrem Abitur zur Fotografenausbildung nach Berlin kam und, um sich ein bisschen Geld auf der Seite zu verdienen, begann, an der Tür des Berliner Technoschuppens Tresor zu arbeiten. Schnell lernte sie die DJs der damaligen Zeit kennen und begann, sich intensiver mit der Musik auseinanderzusetzen. „Ich finde die Musik zeitlos. Es gibt so viele Platten, die einfach immer gehen. Aber ich wollte die Persönlichkeiten dahinter kennenlernen. Deshalb bin ich einfach nach Detroit geflogen und haben begonnen, sie zu fotografieren." 

Daraus entstanden ist das Buch 313ONELOVE, in dem sie die Künstler, die die Musikgeschichte Detroits beeinflusst haben und immer noch prägen, in 170 Porträts darstellt. Acht Mal ist sie dafür nach Amerika geflogen und kam immer und immer wieder mit mehr Bildern und Geschichten aus dieser faszinierenden Stadt nach Berlin zurück. Unter den Abgebildeten befinden sich unter anderem Carl Craig, Chez Damier, Dez Andres, Juan Atkins, Kenny Larkin, Kevin Saunderson, Mad Mike Banks, Mike Huckaby und Moodymann. 

Ganz nah kommt Staggat an die DJs heran. Einen besonderen Fokus legt sie auf die Ohren und Hände. „Das sind die Werkzeuge eines jeden DJs, ohne die er nicht arbeiten könnte. Natürlich braucht es auch einen Kopf und das Herz, aber das kann man schwer porträtieren. Natürlich findet man auch normale Porträts, aber bei den meisten war ich ganz nah dran", erklärt sie.

Vorab zur Buchveröffentlichung heute Abend haben wir die Fotografin zum Gespräch über ihre Liebe zur Musik, das Projekt und ihr Erlebnis mit The Electrifying Mojo getroffen. 

Juan Atkins

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich kann leider keine tolle Geschichte erzählen, wie „Uhhh ich war zwölf und wusste, dass ich Fotografin werden wollte und die Welt bereisen werde". Nach dem Abitur bin ich 2006 nach Berlin gekommen und habe meine Ausbildung angefangen. Nun zehn Jahre später bin ich immer noch im selben Betrieb und leite mittlerweile das Büro. Als Azubi bekommt man ein sehr kleines Gehalt. Deshalb habe ich begonnen, am Wochenende an der Tür vom Tresor zu arbeiten. Als Nebenjob. So hat das alles begonnen. Damals habe ich mich zum ersten Mal bewusst mit Detroit Techno auseinandergesetzt, viel über die Beziehung zwischen Berlin und Detroit erfahren und natürlich auch viele Künstler kennengelernt.

Generation Next und Big Strick 

Und wie ist es dann zu dem Projekt gekommen?
Natürlich hat mich der Sound sehr beeindruckt, aber irgendwann war das nicht mehr genug und ich wollte mehr erfahren über die Musik und die Geschichte. Ich wollte Detroit mit meinen eigenen Augen sehen. 2010 bin ich dann zum ersten Mal hingeflogen. Es war ziemlich aufregend, weil ich keine Ahnung hatte, was mich erwarten wird. Mir war nur klar, dass ich meine Reise irgendwie mit Bildern festhalten werde. Detroit hat mich so fasziniert.

Was hat dich so fasziniert?
Ich kann das nicht wirklich in Worte fassen, du musst hinfahren und es dir selbst anschauen. Die Stadt hat eine ganz eigene Stimmung, die ich nirgendwo sonst erlebt habe. Detroit hat eine total krasse Aura, so wie ein schwarzes Loch, das dich in sich aufsaugt. Das Talent der Menschen dort ist nicht zu beschreiben. Das sind alles richtige Musiker, die Instrumente spielen und die Genres gekonnt mischen. Alle sind so herzlich und nehmen einen auf, sobald sie dir vertrauen. Mir wurde immer gesagt, dass es so gefährlich ist und man aufpassen muss, aber das musst du manchmal in Berlin auch. Die Bevölkerung hat nichts oder nicht viel und trotzdem entsteht so viel aus diesem Nichts. So was kennt man hier in Deutschland gar nicht, obwohl ich auch sagen muss, dass sich in den letzten sechs Jahren viel getan hat.

Nick Speed 

Denkst du, dass die Armut auch der Hauptgrund für diese ausgeprägte Musikszene ist?
Ja, eindeutig. Meine Freunde erzählen mir oft, dass sie früher keinen Cent hatten, aber sie haben Musik gemacht und getanzt. Musik und Tanzen hat ihnen Hoffnung gegeben. Daran konnten sie sich halten.

Warum hast du nicht nur die DJs, die dem Mainstream ein Begriff sind, abgelichtet? 
Mir war es sehr wichtig, tiefer in die ganze Thematik einzutauchen und nicht nur die paar Leute zu fotografieren, die vielleicht auch in Europa einen Namen haben. So viele der Abgebildeten waren maßgeblich an der Entwicklung der Musikgeschichte in Detroit beteiligt, sind aber über dem großen Teich nicht sehr bekannt. Ohne sie wäre die Geschichte nicht ganz erzählt. Ich wollte wissen, wo sie herkommen und was sie antreibt und warum sie das machen, was sie machen.

Octave One 

Die Nähe in deinen Fotos ist sehr faszinierend. Wie hast du es geschafft, so ein Vertrauen zu den Abgebildeten aufzubauen? Ich kann mir vorstellen, dass es anfänglich schwierig war, so auf die Art „Da kommt schon wieder eine Weiße aus Europa und will was von uns".
Durch die mediale Darstellung in den letzten Jahren sind die Detroiter allgemein sehr skeptische Menschen. Durch meine Verbindung zum Tresor wurde mir am Anfang ein gewisses Grundvertrauen entgegengebracht. Somit hatte ich schon ein paar Kontaktpunkte, an die ich mich halten konnte. Obwohl es mein eigenes Projekt war und ist und eigentlich nichts mit dem Tresor zu tun hat. So habe ich die ersten Künstler fotografiert. Nach einer Zeit hatte ich dann einen Ruf und auch Leute, die am Anfang nicht vor meine Kamera wollten, haben sich schließlich doch ablichten lassen. Ich glaube, dass die auch einfach gemerkt haben, dass ich keinen Bullshit rede und wirklich etwas passieren wird. Das Buch ist der beste Beweis dafür. Ich werde das ganze Geld, das ich einnehme, auch spenden.

Wofür?
Ich werde mit den Kids aus den verschiedenen Hoods an einem Musikprojekt arbeiten. Ich werde den Kindern nach der Schule Musikunterricht geben, damit sie Instrumente lernen können und etwas zu tun haben. Das ist wieder so etwas, was man sich in Deutschland nicht wirklich vorstellen kann. Da gibt es einfach nichts. Die Kinder werden vom Schulbus abgeholt und in die Schule gebracht und danach wieder zurückgeführt. Die haben kein Geld, um irgendwas zu machen. Die Kids sitzen zu Hause vorm Fernseher oder machen Dummheiten auf der Straße. Die Stadt hat so viele Talente und ich will das einfach fördern, weil es sich verschenkt anfühlt.

Ist beim Fotografieren von irgendjemandem etwas Spannendes passiert?
Hast du schon jemals etwas von The Electrifying Mojo gehört? Er war damals Radiomoderator und hat so ziemlich jeden Musiker in Detroit beeinflusst und motiviert. Viele damals junge Künstler haben mir erzählt, dass sie früher lange nach der Schlafenszeit unter ihrer Decke die Show von ihm gehört haben. Es gibt keine Bilder von ihm, er macht keine Interviews und 80 Prozent der Detroiter haben ihn auch noch nie gesehen. Und ich habe mit ihm telefoniert. Auf der Toilette von Urban Bean Co in Downtown. Ich hab ihn gefragt, ob ich ihn treffen kann, aber er wollte nicht. Er hat mir dann noch seine Blessings für das Buch gegeben. Für die Detroiter ist er ein Held, als ich das meinen Freunden erzählt habe, waren alle begeistert.

Nick Speed

Warum hast du dich dazu entschlossen, nur Schwarz-weiß-Aufnahmen zu zeigen?
Bei Schwarz-weiß-Aufnahmen hast du keine Störfaktoren und nichts, was von der Aussage ablenkt. Farbe lenkt das Auge ab. Man bleibt an gewissen Punkten hängen, wobei man sich, wenn diese Faktoren genommen sind, noch einmal ganz anderes auf ein Bild konzentriert.

Wir befinden uns ja mittlerweile schon lange nach dem großen Aufstieg der Detroiter Technoszene. Spürt man noch etwas von der damaligen Zeit auf den Straßen? In den Clubs? 
In Detroit spürst du die Musik auf der Straße. Man hört Leute singen, man sieht Leute tanzen, es ist alles sehr lebendig. Aber was man oft vergisst ist, dass die elektronische Szene da ganz klein ist. Auch kleiner als man hier in Europa denkt. Wenn du die Straße entlang gehst und jemanden fragst, ob er Juan Atkins kennt, schaut er dich verwundert an und fragt dich wahrscheinlich, wer das sein soll. Das Bild, das wir haben, ist ein von außen projiziertes. Die sind vor Ort gar nicht so bekannt. Dank der Sperrstunde hast du auch keine krassen Raves mehr wie damals in den 80ern. Wenn es da einen Club wie den Tresor geben würde—den würdest du nicht jedes Wochenende gefüllt bekommen.

Das Buch erscheint morgen und gibt es dann im Handel. Gefeiert wird der Launch am 31. März im Tresor. Mehr Informationen findest du hier. Morgen kannst du Maria bei ihrer Autogrammstunde im Carhart WIP Store in Mitte treffen. Das Buch ist dann auch in allen Carhart WIP Stores erhältlich. 

313onelove.com

Mike Agent X Clark 

Kenny Dixon Jr. aka Moodymann 

Detroit 

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: Marie Staggat