new (york) generation

Warum Hood By Air, Eckhaus Latta und Co. die Modeszene in den nächsten zehn Jahren dominieren werden.

von Lisa Riehl
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17 September 2015, 11:00am

In New York werden keine Trends geboren. New York ist Business. Und die New Yorker Modewoche ist die kommerziellste (im Fashion-Jargon ist das ein anderes Wort für langweilig) der vier großen internationalen Schauen. So die modeallgemeine Grundansicht. Das stimmt alles nur teilweise - wie die aktuelle Saison und ihre noch jungen Labels wie Hood By Air, Eckhaus Latta und Public School eindrucksvoll beweisen.

Hood by Air S/S 16

Es mag schon sein, dass das Gesamterscheinungsbild der Kollektionen in London progressiver ist, in Mailand opulenter und in Paris sogar um eine Saison voraus. Paris war in den Achtzigerjahren immerhin Schauplatz der japanischen Moderevoluzzern mit ihren andächtig dekonstruierten Kollektionen und anschließend auch Bühne für die intellektuelle Mode der Belgier. In Mailand wird das Frauenbild immer mal wieder neu geprägt und London spuckt regelmäßig junge, wilde Talente aus. So könnte man die Modewochen allgemein zusammenfassen. Rückblickend fällt aber auf: Die großen Umbrüche in puncto tragbarer Mode, neue Impulse bezüglich dessen, was die Menschen anschließend wirklich auf der Straße tragen wollen, kommen seitdem von jungen Designern aus New York. 

Rückblick 2005. Etwa um dieses Jahr herum stampften Alexander Wang, Phillip Lim und Derek Lam ihre eigenen, gleichnamigen Labels in New York aus dem Boden. Dass sie alle asiatische Wurzeln haben, kann ein Zufall sein, muss aber nicht. Alle drei jedenfalls überzeugten mit einer modernen Neuinterpretation amerikanischer Sportswear, die spätestens seit dem Siegeszug Tommy Hilfigers modisch sinnbildlich für den amerikanischen Traum steht. Und alle drei haben die Mode aus New York nachhaltig geprägt - Wang mit seinem lässigen Model-off-duty-Look, Lim mit Kollektionen, in denen maskuline Sportlichkeit auf weibliche Romantik trifft, und Lam mit nostalgischer All-American-Sportswear. Im Jahr 2015 nun feiern diese drei Labels ihr zehnjähriges Jubiläum. Sie überzeugen noch immer, liefern innerhalb ihrer Stilistik stimmige Mode ab und verdienen damit Geld. Aber sie überraschen nicht mehr, brechen nicht mehr aus und hinterfragen schon gar nicht bestehende Konventionen, wie sie es einst taten. Zehn Jahre sind vergangen und die Definition einer neuen Kleiderordnung ist Sache einer neuen Generation.

Eckhaus Latta S/S16

Diese neue Generation ist in der Streetwear des modischen Untergrunds zu Hause. Hood By Air, Eckhaus Latta, Public School - das sind die Namen, die in dieser New Yorker Modewoche herausstechen, die mit Novationen glänzen konnten und die die Instagram-Feeds beherrschen. Der Stempel „Avantgarde, Arty, Agender" haftet ihnen bereits seit einigen Saisons an, erst in dieser aber findet das auch breite Anerkennung, die sich in einer Front Row gefüllt mit sogar jenen internationalen Journalisten zeigt, die sich sonst auf Marc Jacobs, Ralph Lauren und Michael Kors beschränkten. 

„Neue Ärmel, neue Hemden, neue Hosen, neue Formen", möchte Hood By Airs Shayne Oliver mit seiner Mode definieren. Die Kollektion Frühjahr/Sommer 2016 zeugt von konzipiert dekonstruierter Luxus-Streetwear. Mit zerschnittenen Hemden, Jogginghosen und Denims, die mit Bändern oder Reißverschlüssen bewusst dürftig zusammengehalten werden, oder Kleidern, die sich wie Zwangsjacken um den Körper pressen, stellt er nicht nur den Status Quo der Mode infrage sondern hinterfragt weiterhin die Konzepte von Schönheit und Geschlecht. Männer oder Frauen? Bei seinen Schauen gelingt es dem Designer, dass seine Betrachter zuerst auf die Kleider schauen und das Geschlecht des Models erst im zweiten Schritt unterbewusst wahrnehmen. Ist eben nicht so wichtig. Und unter dieser Prämisse sollten die Kunden auch kaufen.

Eckhaus Latta S/S16 

Ähnliches schafft das Designer-Duo Eckhaus Latta, das aus Mike Eckhaus und Zoe Latta besteht. Die Kollektion der Saison Frühjahr/Sommer 2016 ist das perfekte Auseinandernehmen-und-wieder-neu-Zusammenschneidern. Mit System wohlgemerkt. Dabei dürfen dann Nähte nach außen gekehrt werden, Kanten ausgefranst sein und riesengroße Löcher den Blick auf nackte Haut freigeben. So sieht es nämlich aus, wenn man die Neunzigerjahre, in denen Eckhaus und Latte sowie Shayne Oliver aufgewachsen sind, dekonstruiert und aus ihrer Vergangenheit Mode für die nahe Zukunft macht.

Zur neuen Garde gehört weiterhin das Label Public School, gegründet bereits 2010 von Dao Yi-Chow und Maxwell Osborne, stilistisch ein moderner Mix aus Herrenschneiderei, fließenden Silhouetten und Sportswear. Public School entwirft eine Herrenkollektion und eine Damenkollektion, die sie auch während den entsprechenden Fashion Weeks zeigen. Trotzdem lassen beide Kollektionen erkennen, dass die Geschlechterrollen sie nicht interessieren. Und deren Kunden übrigens auch nicht - die kaufen Public School geschlechterübergreifend.

Hood by Air S/S 16

Das ein solches Modekonzept im Hier und Jetzt und auch wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren genau das ist, wonach verlangt wird, hat man auch bei DKNY erkannt - einer, zugegeben, etwas eingeschlafenen Donna-Karan-Zweitlinie mit Streetwear-Fokus aus den Neunzigern. Vor nur drei Monaten wurden Dao-Yi Chow und Maxwell Osborne zu den neuen Kreativdirektoren des Labels ernannt. Was die beiden schließlich am vorletzten Tag der New Yorker Modewochen für das Label präsentierten, war eine scharf geschnittene Dekonstruktion des DKNY-Suitings, das Donna Karan selbst Anfang der Neunzigerjahre etabliert hatte. Die perfekte textile Metapher für das Neuzusammenfügen dieser Ästhetik in die Gegenwart.

Irgendwann, vielleicht in zehn Jahren oder vielleicht auch schon früher, wird die Abkehr von bisherigen Modekonventionen selbst zur neuen Konvention geworden sein. Dann werden auch die Hood By Airs, Eckhaus Lattas und Public Schools vermutlich an reichlich Umsatz und womöglich Investoren gewonnen und an Überraschung eingebüßt haben. Und dann werden neue kommen, die New Yorker Tragbarkeit aufzurütteln.

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Credits


Text: Lisa Riehl 
Bilder Eckhaus Latta: Mitchell Sams
Bilder Hood by Air: Jason Lloyd-Evans

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