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ein persönliches plädoyer für die abkehr von cis-normativität

Nichts verdeutlicht das gesellschaftliche Interesse an Gender-Diversity mehr als die jüngste Begeisterung für Caitlyn Jenner und Laverne Cox, über Eddie Redmayne im Fummel für „The Danish Girl“ oder darüber, dass Kristen Stewart mit einer Frau Händchen...

von Edward Meadham
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09 Oktober 2015, 11:04am

Seit meiner Geburt konnte ich mich noch nie mit der Idee Männlichkeit identifizieren. Seine Kultur und Erwartungshaltung habe ich durchweg und nach außen hin abgelehnt. Als Kind habe ich mich nur für Kleider, My Little Ponys und Puppen interessiert. Mein Teddybär war ein Mädchen und hieß Velvet. Ich nannte sie nach der Hauptrolle in dem Elizabeth-Taylor-Film Kleines Mädchen, großes Herz. Meiner Erinnerung nach schnitt sich Velvet die Haare ab und gab vor, ein Junge zu sein, um an einem Pferderennen teilzunehmen. Der jungen Elizabeth Taylor dabei zu zuschauen, wie sie ihr wunderschönes, langes, glänzendes, schwarzes Haar in diesem Film abschneidet, hat mich traumatisiert und hinterließ eine Narbe für den Rest meines Lebens. Ich muss zwei oder drei gewesen sein, als ich den Film sah. Ich war traumatisiert, nicht nur weil ich nicht ertragen konnte, dass dieses lange Haar, um das ich sie so beneidete, abgeschnitten wurde, um männlicher zu wirken, sondern auch, weil ich zum ersten Mal verstand, dass die Welt ungerecht ist; dass Mädchen und Jungen nicht dieselben Privilegien genießen.

Schon bei den ersten Schritten in der Grundschule, wo ich am ersten Tag sofort in die Ecke mit Kostümen stürmte, wo ich mir ein rosafarbenes Tutu und rote Lack-Highheels aus den 70ern anzog, wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass ich anders bin. Mein Lehrer nannte mich eine Zuckerfee und meine Mitschüler nannten mich abschätzig Schwuchtel, Tucke, Homo- ein Szenario, das erst aufhörte, als ich die Schule verließ. Es war mir und allen anderen in meinem Umfeld klar, dass ich nicht wie die anderen Jungen und Mädchen war. Trotz mehreren gescheiterten Versuchen meiner Schule, mich zu normalisieren, zu vermännlichen, indem sie mir verboten, mit meinen damaligen Freunden - den Mädchen - zu spielen und musste ich stattdessen mit den Jungs spielen. Die Versuche scheiterten. Introvertiert, in meiner eigenen Fantasiewelt, da war ich sicher und da blieb ich, wirbelte auf Zehenspitzen mit einer Jacke über dem Kopf umher und imitierte so Elizabeths lange Haare, die ich immer haben wollte und sprach mit schriller Falsettstimme.

Ich bin in einer Zeit und in einer Gesellschaft aufgewachsen, die nichts weiter als Hass für mich empfand und mir nichts weiter als Selbsthass beibrachte. Ich hasste sie dafür zurück. Zu Weihnachten und Geburtstagen bekam ich nichts weiter als Geschenke für Jungen - „Star Wars"-Figuren, ferngesteuerte Autos und Autorennbahnen, die ich aber für die Geschenke meiner Schwester links liegen ließ: Barbie-Häuser, Miss Magic Hair. Das waren die Dinge, die mich interessierten. Verwandte und Familienbekannte rümpften verächtlich die Nase und meinten, dass ich doch das Mädchen hätte sein sollen und meine Schwester der Junge. Es wurde mir immer wieder gesagt, dass ich besser ein Mädchen geworden wäre und in meiner kindlichen Naivität habe ich ihnen noch jubelnd zugestimmt. Das ist etwas, was ich mich mein ganzes Leben gefragt habe. Denn natürlich sollte ich bestimmt ein Mädchen werden. Alles, was mich interessierte, waren Kleider; meine Lieblingsfarbe war Pink; ich sehnte mich danach, Make-up und Schmuck zu tragen; und meine tiefstes Verlangen war die höchste Auszeichnung, die ein Mädchen in unserer Gesellschaft erreichen kann: Gesagt zu bekommen, dass sie hübsch aussieht.

Auf dem Gymnasium intensivierten sich meine Unterschiede und traten stärker hervor. So wie sich das Mobbing meiner Mitschüler und meiner Lehrer zunahm und verschlechterte, so nahm auch mein Hass gegenüber der Gesellschaft und Männlichkeit zu. Ich hatte Glück, dass ich mich ihre aggressive und offen zur Schau gestellte Verachtung abhärtete. Durch Distanz gewann ich an Stärke. Ich wurde selbstsicher und begriff, dass die Kultur, die mich umgibt, komplett aus antiquierten und falschen Anschauungen bestand. Als ich in die Pubertät kam, entdeckte ich den unehrlichen Feminismus Riot Grrrl und ich fing an, mich zu fragen, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein; was Weiblichkeit bedeutet. Ich begriff, dass die Dinge, die unsere Gesellschaft dazu beiträgt - Spitze, Kleider, Rüschen, Make-up, Highheels etc. - bloß geschlechterlose Gegenstände sind und dass Verhaltensweisen und Interessen bloß zu weiblichen Verhaltensweisen und Interessen durch die Gesellschaft gemacht werden.

Durch Feminismus habe ich begriffen, dass Intellekt und Macht keine reinen Männerdomänen sind. Ich begriff, dass wir nicht unsere Haare abschneiden müssen, um das Rennen zu gewinnen. Wenn ich ein Kleid tragen will, dann kann ich dieses Kleid tragen; ich muss kein Mädchen sein, um es tun zu dürfen. Das Kleid ist nicht weiblich - es ist einfach nur ein Kleid. Die Schuhe sind keine Mädchen-Schuhe - es sind meine Schuhe. Ich wusste, dass die Gesellschaft um mich herum falsch lag. Die Auffassungen mussten andere werden, und nicht ich oder mein Geschlecht. Ich begriff, dass ich mich selbst nicht verändern oder begrenzen musste; dass ich meinen Körper oder mein Verhalten nicht ändern müsste, um dazuzugehören. Die Welt hat sich seit meiner Kindheit und Jugend in den 80ern und 90ern verändert. Damals gab es nur vereinzelt Repräsentationen echter Andersartigkeit in der Popkultur, erst gar nicht von meinem unmittelbaren Umfeld zu sprechen. Es gab Boy George und das war es dann auch schon. Ich erinnere mich noch an den Aufschrei und die Kontroverse wegen des lesbischen Kusses von Anna Friel in der britischen Seifenoper Brookside in den späten 90ern -immerhin ist ein schwuler Plot im Mainstream-Fernsehen heutzutage kein Schocker mehr.

In den letzten Jahren widmeten die Medien den Themen Feminismus, Gender und Transgender jede Menge Raum, an vorderster Stelle natürlich Caitlyn Jenners unglaublich mutige und öffentliche Umwandlung (wir berichteten hier über Caitlyns Coming-out). Das gab Trans-Leuten ein Gesicht und eine Stimme und stieß eine wichtige gesellschaftliche Diskussion über Gender-Diversity an. Es ist schön zu sehen, wie weit wir im Westen gekommen sind und wie gut Jenners Offenbarung von der Öffentlichkeit aufgenommen wurde. Aber ich befürchte, dass wir von einer falschen kulturellen Aufklärung eingelullt werden. Ich habe Glück, dass ich in London lebe, eine der liberalsten und vielfältigsten Städte auf der Welt, aber zur Wahrheit gehört auch, dass ich aufgrund meines Aussehens immer noch belästigt werde. People of Otherness im Rest der Welt haben nicht so viel Glück.

Ich bin nicht politisch korrekt. Ich habe mich selbst immer als ein Weder-noch betrachtet - weder Frau, und bestimmt kein Mann, noch geschlechterlos. Ich weiß, dass ich körperlich ein Mann bin. Ich fühle mich damit wohl, auch wenn mein Umfeld damit immer noch nicht klarkommt. Mittlerweile wurden gute Fortschritte erzielt, gar keine Frage, aber das ist erst der Anfang. Es muss noch viel getan werden, bevor people of otherness wirklich akzeptiert werden. Die ganze Welt, nicht nur der Westen, muss lernen und den Fakt akzeptieren, dass es eine Vielzahl an Alternativen zu heterosexuellen Cis-Männern und Cis-Frauen gibt. Menschen sind viel komplexer als das. Es ist menschlich, neugierig und verwirrt zu sein. Aber ist Toleranz auch menschlich?

@edwardmeadham

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Credits


Text: Edward Meadham 
Foto: Piczo

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