"Körperlichkeit ist sekundär": die gestählte, gebräunte Welt der Bodybuilder

Vor zwei Jahren hat der Fotograf Daniel Gebhart de Koekkoek damit begonnen, Bodybuilder zu fotografieren. Seine Bilder sind ein Einblick in diese ganz eigene Welt von gestählten Körpern, Bräunungscreme und Selbstoptimierungswahn.

von Alexandra Bondi de Antoni; Fotos von Daniel Gebhart de Koekkoek
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20 April 2016, 10:20am

Unnatürlich gebräunte Körper, die an Maschinen erinnern, Frauen mit zu viel Make-up im Gesicht, hier und da hört man das Zischen der Bräunungssprays, in einer Ecke liegen Frauen und Männer mit den Beinen nach oben auf dem Boden, andere stopfen sich Schokoriegel und Bananen in den Mund—und mitten drin der Fotograf Daniel Gebhart de Koekkoek. Seine Kamera und Blitz griffbreit, läuft er zwischen den Athleten herum, unterhält sich mit ihnen, lässt sie vor seiner Kamera posen. Wir befinden uns bei der Meisterschaft der Bodybuilder in Wien, die jährlich stattfindet.


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Vor zwei Jahren war Koekkoek, der in Wien und Berlin arbeitet, schon einmal bei einem Event mit dabei. Vor Kurzem ist er nun zu den Bodybuildern zurückgekehrt. In einer Welt, in der es um Selbstdarstellung geht und in der von der Haarfarbe bis zur Hautfarbe alles unecht scheint, schafft er es mit seinen Bilder die Momente zwischen dem aufgesetzten Gepose festzuhalten. Wir wollten mehr über seine Arbeit erfahren und haben ihn zum Gespräch über seine Zeit backstage bei der Meisterschaft und Selbstoptimierung getroffen.

Wie bist du dazu gekommen, Bodybuilder zu fotografieren? Was fasziniert dich an ihnen? Oft werden Bodybuilder ja auf ihren Freak-Wert objektiviert.
Mich faszinieren Menschen, die eine besondere Leidenschaft für etwas entwickeln und ihr ganzes Herzblut dort hinein stecken. In meinen Arbeiten bin ich immer auf der Suche nach solchen Geschichten und den damit verbundenen kleinen Welten, die sie entstehen lassen.

Wer sind die Leute, die du abbildest, und wie war es, sie zu fotografieren? War es leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen?
Ich bin ihnen stets mit Respekt und Freundlichkeit begegnet und dafür im Gegenzug auch immer sehr schnell ihr Vertrauen gewonnen. Sie trainieren alle das ganze Jahr sehr hart, um dann auch zu zeigen, was sie haben. Daher sind sie meist dankbar über Interesse an ihnen und ihren Körpern und sonnen sich gerne ein paar Sekunden im Blitzlicht der Kamera.

Wie inszeniert sind die Bilder? Ich kann mir vorstellen, dass die Abgebildeten sehr genau wissen, wie sie zu posieren haben ...
Das ist der schwierigste Teil. Sobald sie eine Kamera sehen, werfen sie sich gerne in ihre Posen. Sehr beliebt sind auch Peace-Signs. Meistens lasse ich sie das dann ein wenig machen und drücke ein paar Mal ab, sozusagen zum Kennenlernen. Und wenn ich dann etwas später noch mal wiederkomme, kennen sie mich bereits und sind oft gerade mit etwas anderem beschäftigt. Da versuche ich, sie dann schnell am richtigen Moment zu erwischen.

Wie kann man sich einen Tag bei der Meisterschaft vorstellen? Wie bereiten sich die Bodybuilder auf den Tag vor?
Backstage herrscht ein dichtes Gedränge und geordnetes Chaos. Jeder nimmt ein Badetuch mit und legt seine Trainingstasche und diverse Cremes, Snacks und Hanteln rund herum auf den Boden. Das ist dann auch sozusagen der private Bereich für die Vorbereitungen der Athleten. Das Bräunen ist der langwierigste und schwierigste Teil der Vorbereitungen. Hier wird auch sehr kollegial mal den Mitstreitern ausgeholfen. Die meisten haben jedoch einen Freund oder Freundin mit dabei, um beim Auftragen der Bräunungscremes zu helfen. Eine etwas professionellere Variante sind die „Tan Tents". Die Athleten stellen sich nackt hinein und werden dann durch Mitarbeiter von „Pro Tan" am ganzen Körper eingesprüht. Vor dem Wettkampf liegen die meisten dann mit hochgelagerten Beinen auf dem Boden. Ich vermute, dass es hierbei um die Durchblutung geht. Das Essen, das sie kurz vor ihren Auftritten in sich reinstopfen, sieht meist sehr ungesund aus. Schokolade und Nutella in allen erdenklichen Varianten auf Reiscracker und Bananen.

Hast du während deiner Zeit dort irgendetwas erlebt, das dir im Kopf geblieben ist?
Als ich am letzten Tag der Meisterschaft zu Beginn der Vorbereitungen ankam, stand eine etwas ältere Dame nackt in der prallen Sonne mitten auf dem Parkplatz vor dem Veranstaltungsort und ließ sich dort gewissenhaft mit Bräunungscreme einschmieren. Das war ein sehr schönes Bild und ich wusste, das wird ein guter Tag.

Was hältst du persönlich vom Selbstoptimierungswahn?
Ich finde das generell ein sehr heikles Thema. Gerade junge Menschen lassen sich gerne durch Gruppenzwang beeinflussen und gehen dabei gerne an ihre Grenzen. Hoffentlich nimmt dieser Wahnsinn bald ein Ende. Durch meine Arbeit als Fotograf ist mir jedoch aufgefallen, dass die Körperlichkeit oft sekundär ist. Menschen mit einem starken Selbstbewusstsein fallen immer auf.

Du warst vor ein paar Jahren schon einmal vor Ort. Warum bist du zurückgekehrt, um noch mehr Fotos zu machen? Warum war die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt?
Ich fand das damals so spannend, dass ich beschlossen habe, das Thema weiterzuverfolgen und dranzubleiben. Irgendwie entdeckt man jedes Mal was Neues. Alleine für das Bild mit den drei Mädels auf dem Boden in ihrem Chaos, finde ich, hat sich der erneute Besuch schon gelohnt.

Wie waren die Reaktionen auf die Bilder aus der Community und auch von Leuten, die nichts mit dieser Welt zu tun haben und vielleicht auch Vorurteile haben?
Die meisten finden diese Welt sehr skurril und können nicht viel damit anfangen. Als ich Anfang des Jahres in Vietnam war und dort an einer Serie gearbeitet hatte, wo sich Menschen von Kopf bis Fuß verschleiern und zusätzlich mit Whitening-Cremes einschmieren, damit ihre Haut so hell wie möglich bleibt, musste ich auch gleich an die Bodybuilder und ihre Bräunungscremes denken. Eine verrückte Welt. Ich liebe sie.

gebhart.dk

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