im gespräch mit dem kultlabel raster noton: „die unabhängigkeit ist das, was uns interessiert.“

Das außergewöhnliche Chemnitzer Electronic-Label Raster Noton. Archiv für Ton und Nichtton feiert 20-jähriges Jubiläum. Wir haben die Gründer in Berlin getroffen, und mit ihnen über die Suche nach dem Extremen, übergreifende Kunstformen und ihre...

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Mai 17 2016, 9:00am

Ein Label gründen können viele. Ein Label über 20 Jahre zu halten nicht mehr ganz so viele. Ein Label zu gründen, zu halten und sich zu einem der interessantesten elektronischen Musiklabels weltweit zu etablieren, konnte bis jetzt nur eines: Raster Noton. 1996 in Chemnitz gegründet, ist das elektronische Musiklabel Raster Noton. Archiv für Ton und Nichtton die Fusion der damaligen Labels Rastermusik von Olaf Bender und Frank Brettschneider und dem Label Noton von Carsten Nicolai. Die drei Gründer von Raster Noton arbeiteten schon früh gemeinsam als Musiker. Die Unabhängigkeit vom Markt war nur ein Grund für die Geburt des Labels. Vor allem in den Anfangsjahren haben die Künstler Carsten Nicolai alias Alva Noto, Olaf Bender alias Byetone und Frank Brettschneider einen eigenen avantgardistisch-experimentellen Sound geprägt. Die enge Auseinandersetzung mit dem Computer und seinen audiovisuellen Möglichkeiten waren die Themen, die das Label und seine Programmatik bis heute formt. Alle drei Musiker haben einen engen Kontakt zur visuellen und bildenden Kunst oder arbeiten auch heute noch in dem Bereich. So ist Carsten Nicolai seit Jahren für seine Soundinstallationen bekannt und Olaf Bender, wie auch Frank Brettschneider sind auch als Grafikdesigner tätig. Die Härte in ihrer musikalischen und visuellen Ästhetik ist viel weniger dem Techno zuzuschreiben, als einem experimentellen Gesamtkunstwerk.
In den letzten 20 Jahren hat sich Raster Noton zu einem Label aufgebaut, das nicht nur für einen bestimmten, experimentellen Techno- und Experimentalsound steht, sondern vor allem für eine kollektive Plattform. So werden Künstler nicht nur ob ihrer musikalischen Fähigkeiten gewählt und regelmäßige gemeinsame Auftritte gehören auf den Terminkalender der Raster Noton Familie. 
Wir haben die drei visionären und sympathischen Labelgründer in Berlin getroffen und mit ihnen über ihr Jubiläum, ein geplantes Buch und den Rückzug vom Digitalen ins Analoge gesprochen. 

Raster Noton gibt es seit nun 20 Jahren. Wie hat alles angefangen?
Olaf: Wir können auf keinen Fall erzählen, wie wir uns kennengelernt haben, das würde den Rahmen sprengen. Angefangen hat es mit dem Label weit vor den 20 Jahren. Wir hatten eine Band und alles war ganz nett. Aber es ging dann um diese Diskussionen wie „Darf man jetzt Sampling verwenden", oder „Wie soll ein Cover aussehen".
Frank: Es war damals die Zeit, als wir auch etwas gitarrenmüde waren, und diese ganze Independent-Alternativeszene hat uns nicht mehr so interessiert. Wir hatten schon in der Band immer massiv Elektronik dabei. Und Techno war auch nur eine dieser neuen elektronischen Musiken. Es kam ja auch die IDM-Sache. Das hat uns vielmehr interessiert. Wir hatten ein gutausgerüstetes Studio und sonst auch gute Strukturen. Dann dachten wir 1996, ob wir das mit dem Label nicht selber machen. In Karl-Marx-Stadt damals, also in Chemnitz.

Das Label hat heißt Raster Noton. Archiv für Ton und Nichtton. In wie fern äußert sich bei euch der Nichtton?
Carsten: Das war ja am Anfang relativ kurios, dass man ein Label neu gründet und es schon Archiv nennt. Die Idee mit dem Ton und Nichtton war, etwas zu beschreiben und dass es nicht nur um Musik geht oder um Ton, sondern auch um andere Dinge. Wir haben immer gesehen, dass wir nicht CDs betreiben, sondern Ideen. Und eine Idee kann auch ein Poster sein, oder ein Projekt oder es kann eine Konzertnacht sein oder ein Buch oder ein Flyer. Es kann etwas Immaterielles sein. Der Begriff ist eigentlich nur ein Platzhalter dafür, dass man es sich offenhalten kann.
Olaf: Ich habe das auch immer als Provokation empfunden, denn im Grunde heißt es „Archiv für Alles." Und in den 90ern nannte sich so vielleicht eine Institution aber eigentlich kein Elektronik-Label. Das war ein Sprachgebrauch, der nicht typisch war unter jungen Leuten. Der Name hat uns glücklicherweise eine große Freiheit gelassen in den Dingen, die wir tun wollten. Also haben wir uns von Anfang an nicht auf Musik-Releases festgelegt, sondern haben ganze Konzepte mit hineingebracht.

Wann habt ihr begonnen das Visuelle mit in Raster Noton einfließen zu lassen?
Carsten: Das war eigentlich schon die ganze Zeit da, weil wir alle drei immer einen engen Bezug zur visuellen Kunst hatten. Jeder anders, aber wir haben alle kreativ gearbeitet und waren vernetzt mit der Bildenden Kunst. Frank war Herausgeber einer Kunstmappe, Olaf und Frank haben als Grafikdesigner gearbeitet, ich war in der bildenden Kunst zu Hause.
Frank: Die Idee, verschiedene Kunstformen zu verbinden, war immer da. Eben weil wir so einen Background haben. Durch die Liebe zur Musik ging das dann schnell professionell weiter. Ende der 90er kamen die Laptop-Performances und da war es dann ganz gut, auch Visuals dazu zu haben. So hat sich das immer vorangetrieben, die Verbindung aus Musik und visuellen Aspekten.

Es ging euch aber schon auch immer darum, die Sinne und den Körper der Menschen zu fordern, beziehungsweise zu reizen?
Olaf: Ja, das sind ja immer bewusste Dinge. Aber das sind alles Sachen, die sich im Prozess herauskristallisieren. Ich finde es gar nicht so avantgardistisch, was wir machen, aber ich glaube, dass wir alles durchdenken. Das ist typisch für uns. Das machen wir bei den Visuals. Wir haben da schon eine kühle, empirische Art an die Sachen heranzugehen. Ganz wichtig ist es, dass sich die elektronische Musik mit der Physis verbindet. In dem Moment haben auch PAs eine andere Rolle gespielt. Wir haben damals immer das Problem auf solchen Rock-PAs zu spielen. Es war kein tauglicher Klang für uns. Wir haben uns immer mehr mit Frequenzen und Klängen auseinandergesetzt. Das ist vor allem in den letzten 20 Jahren passiert.
Carsten: Man muss es so begreifen, dass wenn du elektronische Musik machst, endet das Instrument nicht am Ausgang deines Mischpultes, sondern die Lautsprecher sind Teil deines Instrumentes. Und natürlich haben wir mit diesem Teil des Instrumentes am Anfang ganz schön gekämpft, bis wir irgendwann die Anlage mit auf den Tech-Rider geschrieben haben. Mittlerweile ist es Standard und niemand wundert sich mehr.

Seht ihr euch denn als Sound-Wissenschaftler?
Olaf: Ich fühle mich nicht so als Wissenschaftler oder Sound-Forscher. Aber mir hat immer wieder diese ästhetische Komponente von wissenschaftlichen Dingen gefallen. Mir gefallen gut gesetzte wissenschaftliche Bücher oder mathematische Tabellen. Es ist eher eine emotionale Affinität. Ich bin auch nicht besonders daran interessiert, an eine noch weitere Grenze zu gehen. In der ersten Phase des Labels, haben wir diese Grenzen aber gesucht! Wie hochfrequent kann ein Ton sein, dass er überhaupt noch wahrgenommen wird? Das Suchen nach den Extremen ist aber dann auch relativ schnell abgearbeitet.
Frank: Es gibt ja ständig Gegenbewegungen. Wenn man etwas lange gemacht hat, ist man dann auch müde davon. Auch was die Plattencover anging. Unser minimales Design. Denn wenn man eine Hip-Hop Platte angesehen hat, war das ganze Cover voll mit Zeug. Und das wollten wir nicht. So ist das mit Allem. Am Anfang ist es frisch und dann wird es langweilig. Und jetzt sind wir weg vom minimalen Design, inzwischen sind auch Künstlerfotos auf unseren Covern.
Carsten: Wenn du elektronische Musik produzierst, bist du ja nicht nur Musiker, sondern gleichzeitig auch Produzent. Du sitzt im Studio, mischst da, beschäftigst dich mit der Anlage, den Tools. Das macht der klassische Musiker ja normalerweise nicht. Die Situation, dass das Recording-Studio der Ort ist, an dem die Dinge entstehen, ist beim elektronischen Musik in Personalunion, deswegen auch der Eindruck, dass wir uns mit Sounds auseinandersetzen. Das ist der Teil unserer kreativen Arbeit. Wir mischen die Platten selber, wir überwachen den Masteringprozess. Das ist uns heute noch extrem wichtig.

Wie findet ihr eure Artists? Viele davon konnten sich in den letzten 20 Jahren von eurem Sound inspirieren lassen und sich ihm vielleicht auch annähern, oder?
Olaf: Ich glaube, dass ist ein genereller Prozess, dass sich alles immer mehr mit allem vermischt. Ich glaube, dass das irgendwann vorbei ist. Denn wenn du alle Farben mischst, ist es am Ende ein ziemlich monotones Ergebnis. Es gibt natürlich billige Plagiate, aber es gibt Leute, die das clever aufnehmen und das weiterspinnen. Viele unserer jüngeren Künstler sind mit der Musik sozialisiert. Aber wir haben das Gefühl, dass sie das auf ihre Art weiterverarbeiten. Wir haben ja immer diese Diskussion, dass wir, im Gegensatz zu unseren jüngeren Künstlern auf dem Label, noch so eine Futurismus-Idee haben.
Carsten: Wir waren nie so interessiert an Demos, die so klangen, als wären sie schon bei uns veröffentlicht worden. Die ganzen jüngeren Künstler, die im Laufe der Jahre dazu gekommen sind, die sind nicht unbedingt im ersten Moment prototypisch für das Label geeignet gewesen. Aber sie haben das Spektrum verbreitet und irgendwie haben wir eine Verbindung gesehen. Wir haben nach Biographien und Charakteren gesucht. Wir haben uns viele Demos angehört und die Leute eingeladen zu einer Labelnacht, um zu sehen: Was ist das eigentlich für eine Person? Wir teilen ja auch eine Auffassung untereinander.

Ohne euch jetzt als Familie zu bezeichnen, merkt man bei den Labelnächten, dass da alles zusammenkommt, was zusammengehört. Wie beispielsweise auch euer alljährliches Electric Campfire in der der Villa Massimo in Rom oder die Labelnacht im Berghain.
Carsten: Electric Campfire ist ein richtig gutes Beispiel. Wir haben mal begriffen, dass wir alle wahnsinnig viel unterwegs sind, aber dass es nicht einen Ort gibt, an dem wir uns alle treffen. Am Anfang haben wir das Electric Campfire bei Olaf auf dem Bauernhof in Chemnitz gemacht und jetzt seit zehn Jahren in Rom. Als Event, wo sich alle Künstler treffen einmal im Jahr. Und da ist alles ein bisschen wie Familie. Wir entscheiden eine Stunde davor, wie das Line-up ist, es gibt Überschneidungen, alle Teilen die Situation, die selbe Anlage. Der Soundcheck ist das absolute Durcheinander. Das beschreibt das Label ganz gut. Da kommt alles zusammen.

Eure Installation „White Circle" ist ja auch eine Gemeinschaftsarbeit, die ihr bespielen könnt. Also doch Familie?
Frank: Wir hatten vorher schon Installationen. Carsten hat sowieso immer welche. Jetzt mit 20 Jahren Geburtstag hatten wir die Idee, das Konzept weiterzuführen und es im großen Rahmen zu zeigen.
Carsten: Die Initialidee war, dass wir was gesucht haben, weil wir 20 werden. Das ist ein Teil, das uns von Anfang an interessiert hat. Aber was wir gesucht haben, war ein Weg einer Gruppenpräsentation. Denn wir wollen uns immer noch als Gruppe, als Kollektiv präsentieren. Da gibt es wenig Möglichkeiten. Ein zweites Konzept war eine Videoinstallation, aber aus verschiedenen Gründen haben wir die fallen gelassen. Das hat sich als großes Glück herausgestellt, weil wir hier nun bei einem relativ simplen technischen Setup sind. Es hat dieses objekthafte, aber auf der zweiten Ebene drückt es sehr gut aus, an was das Label interessiert ist. Es hat eine gewisse Aura, die modern ist, ohne das Neue so gigantisch anzubeten.

Objekthaft ist das Label, ja. Wenn man sich eure CDs, eure Vinyls oder die Booklets ansieht, ist alles sehr objektorientiert. Kommt da noch ein weiteres Element dazu?
Olaf: Jetzt kommt dann erstmal unser 20-bändiger Raster Noton Almanach (lacht). Das wird ein relativ umfangreiches Buch, was aber eigentlich eine Aufarbeitung unseres Kataloges wird. Es stehen ein paar Dinge im Raum, die wir seit Jahren planen und vielleicht jetzt einfach mal realisieren. Was ich ganz schön finde, ist so ein gemischtes Format. Musik ist ja heute überall, dann gibt es aber auch die andere Seite. Dieses objekthafte. Man kann es immer an einem Buch beschreiben. Ein Buch, das gut gemacht ist, kann man über Generationen weitergeben, das hat eine ganz andere Wertigkeit. Das ist das, was uns mit dem Label ein Anliegen ist. Wir machen zwar Musik zur Zeit, aber es ist keine Saisonware, wir sind kein Dienstleister. Da ist von jedem ein Stück Leben oder Persönlichkeit drin. Und wie es ein guter Verlag mit seinen Autoren tut, sollten wir jedem etwas geben, das genau das signalisiert.
Carsten: Es gibt das eigenartige Phänomen, dass der Computer für uns alle ein wirklich unheimlich wichtiges Werkzeug ist. Je mehr wir damit arbeiten, desto mehr merken wir, dass alles in die Cloud wandert und alles ephemer wird. Wir sind immer mehr an physikalischen Objekten interessiert, an analogen Dingen. Und das gibt dann schon die große Liebe dafür, solche Objekte herzustellen. Die Vision für das 20-jährige Jubiläum war nicht nur, eine Berghain Nacht mit Live Acts zu machen, sondern auch eine Installation zu zeigen und ein Buch zu veröffentlichen. Einfach, um die Komplexität des Labels zu reflektieren. Wo unterscheiden wir uns von anderen Labels? Die „White Circle"-Installation wird weiter wachsen, da werden noch mehr Künstler was dazu machen. Wenn das Buch mal fertig ist, kann man es ins Regal stellen und es ist nicht in der Cloud.

Ihr seid also müde vom Computer und den Bildschirmen?
Olaf: Wir haben 20 Jahre auf den Bildschirm gestarrt und bekommen langsam ein Problem damit, weil die große Linie das ist, dass es immer mehr eine Home-Entertainment-Maschine werden soll. Das heißt, man muss immer weniger in die tieferen Bereiche gehen. Mir ist Haptik so wichtig, Material, dass man was berühren kann. Es ist heute alles sehr stark auf dem visuellen Bereich aufgebaut. Wir dachten uns alle aber, dass wir mal wieder einen Knopf berühren wollen.
Carsten: Da definiert sich die Idee des Archivs. Da gibt es einen Raum, wo man alles physikalisch sieht. Man muss das nicht mit dem Mausklick öffnen. Der Trend dahin kommt aus unserer Sozialisierung. Ein Buch stellt man sich ins Regal und holt es dann wieder raus. Meine Fotos von vor zehn Jahren finde ich nicht. Die habe ich irgendwo auf der Festplatte. Die Unabhängigkeit ist das, was uns interessiert. 

Credits


Text: Moritz Gaudlitz
Fotos: Alexander Nussbaumer + Archivmaterial via Raster Noton