Anzeige

„ich war zu schwarz für die weißen, und zu weiß für die schwarzen“

Abra macht weder HipHop, noch Darkwave, sondern nostalgische Twerk-Musik. Nach ihrer ausverkauften Show im Berghain haben wir uns mit der Künstlerin des Atlanta-Rap-Collective Awful Records backstage getroffen. Im Interview erzählt sie, wie es sich...

von Naomie Chokoago
|
24 März 2016, 9:25am

Wenn man sich das HipHop-Collective Awful Records anschaut, trifft man auf Rapper wie Father, Tommy Genesis, oder Playboi Carti. Doch dann wäre da noch Abra, die nicht rappt, sondern viel lieber singt. Das 2015 veröffentliche Album Rose hat die Künstlerin selbst produziert—und das größtenteils in ihrem Kleiderschrank. Dieser Lo-Fi-Sound sorgt für die Retrostimmung, für die wir sie lieben! Es war also höchste Zeit, sie zum Interview zu treffen! 

Wie fing alles an, mit dir und der Musik?
Ich hatte meinen Tiefpunkt im Leben erreicht. Ich war so richtig verzweifelt und habe auf ein Zeichen gehofft. Dann lief im Radio das Lied „A Soalin" von Peter, Paul und Mary. Das war der schönste Song, den ich jemals gehört habe. Ich wollte sofort lernen, wie man richtig Gitarre spielt. So habe ich angefangen, andere Lieder zu covern. Obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht so viel mit der schwarzen Kultur zu tun hatte, coverte ich HipHop-Lieder, weil mir die schönen Melodien aufgefallen sind. Die HipHop-Cover habe ich dann bei YouTube hochgeladen und die Leute haben es geliebt. Das positive Feedback hat mich angetrieben, weiter zu machen. Nebenbei schrieb ich Gedichte. Also kombinierte ich beides und komponierte meine eigenen Songs. Mein Ex-Freund hat mich dann in die Welt der MacBooks eingeführt, wo ich das Programm Garage Band für mich entdeckt habe. Seitdem produziere ich meine Lieder selbst.

Während deiner Show hast du erwähnt, dass du eine schwere Kindheit hattest. Willst du uns mehr darüber erzählen?
Ich bin in New York geboren, habe aber bis zu meinem achten Lebensjahr in London gelebt. Dort lernte ich alles: laufen, reden, singen ... solche Dinge eben. Als wir wieder zurück in die Staaten gezogen sind, fiel es mir schwer, mich anzupassen. Es war ja nicht nur einfach die USA, sondern Georgia. Der Süden, wo der Rassismus noch ziemlich stark ausgeprägt war. Somit traf ich auf viele Leute, die mir sehr diskriminierend entgegen getreten sind. Sie waren der Meinung, dass ich nicht schwarz sein könnte, aufgrund meines britischen Akzents. Für die Schwarzen war ich nicht nicht schwarz genug und für die Weißen war ich wiederum zu schwarz. Ich habe nirgendwo richtig reingepasst. Dazu kommt noch, dass ich sehr religiös aufgewachsen bin und mir sehr viel verboten wurde, was mir dabei geholfen hätte, mich anzupassen.

Gerade in der High School muss das schwer gewesen sein, oder?
Ja. In der Middle School und High School fühlte ich mich besonders schlecht. Meinem kleinen Bruder ging es aber noch zehn Mal schlechter. Er war so ein offenherziges, liebes Kind. Viele Menschen wissen nicht mit Leuten umzugehen, die keine Fassade haben. Wir waren die Außenseiter.

Dafür, dass du so viel Ablehnung in der Vergangenheit erfahren hast, scheinst du deinen Mitmenschen gegenüber ziemlich offen zu sein.
Wenn du weißt, wie es ist, so alleine zu sein, möchte man nicht, dass es anderen so ergeht. Ich möchte jedem das Gefühl geben, dass ich mich wirklich für sie interessiere, denn so ist es auch. Jeder hat eine andere Ansicht und etwas anderes, das er der Welt mitteilen möchte. Es gibt dich nur ein Mal. Egal wie schlau oder dumm eine Person zu scheinen mag, du kannst immer etwas von ihnen lernen. Deshalb sollte man jeden respektieren. Meine Botschaft als Künstlerin ist Einheit. All diese Fassaden und Grenzen sind sinnlos. Ich möchte niemanden belehren, sondern viel lieber ein Vorbild sein.

Wie bist du so offen geworden?
Ich habe es lange Zeit gehasst zu performen. Während meiner ersten Show habe ich hyperventiliert und konnte nicht einmal meinen Song zu Ende singen. Das ist passiert, weil ich mich zu sehr gegen meine Ängste und meine Schüchternheit gewehrt habe. Jetzt nehme ich sie an. Wenn ich technische Probleme während einer Show habe, nehme ich es gelassen hin, anstatt von der Bühne zu rennen. Wenn ich super nervös bin, gebe ich es einfach vor dem Publikum offen zu. Sei echt, verwundbar und authentisch. Es ist okay, nicht perfekt zu sein. Jeder versucht, sich als unverwundbar auszugeben und Fassaden aufzubauen, obwohl wir alle eine weiche Seite in uns haben.

Worum geht es in deinem Song Fade 2 Blaq"?
Selbst, wenn keiner was mit dir zu tun haben möchte, kannst du dich immer auf dich selbst verlassen. Du kannst immer das Beste aus dir rausholen und dich selbst unterhalten. Es gibt keine Langeweile, sondern nur langweilige Menschen. Sei dir genug.

Deine Musik hat einen außergewöhnlichen und besonderen Sound. Worauf achtest du, wenn du neue Lieder produzierst?
Ich spiele viel herum und probiere Neues aus. Mir ist Bass sehr wichtig. Manchmal habe ich aus dem nichts eine Bassline im Kopf. Ich nehme die Melodie mit meinem Handy auf, spiele sie als Dauerschleife in meinem Auto ab, rauche einen Joint und fahre stundenlang durch die Gegend. Irgendwann fällt mir ein cooler Chorus ein. Basierend auf dem Chorus und der Stimmung, versuche ich eine passende Atmosphäre zu kreieren.

Inwiefern beeinflusst die Jugend- und Tumblr-Kultur deine Musik?
Ohne Tumblr wäre „Roses" nicht so ein Hit gewesen. Gleich nachdem ich meine EP BLQ Velvet veröffentlicht habe, habe ich mich bei Tumblr angemeldet. Ich konzentriere mich sehr auf das Visuelle und bin ein großer Fan des Fotografen Helmut Newton. Innenarchitektur aus den 80ern und Mode von Thierry Mugler gefallen mir besonders gut. Ich schaue mir gerne ikonische Filme aus dieser Zeit an, wie Der Prinz aus Zamunda, stelle den Ton aus und kreiere dann selber den Soundtrack dazu. Jeder Raum und jedes Foto hat seine eigene Stimmung und somit auch seinen eigenen Sound. Ich versuche, diese Stimmung einzufangen und damit zu arbeiten.

Was steckt hinter deinem Pseudonym Darkwave Duchess?
Viele Leute verstehen den Namen falsch. Ich höre oft, dass der Name nicht zu mir passt, weil meine Musik nicht dunkel ist. Meine Musik geht in die Richtung Alternative Pop, oder nostalgische Twerk-Musik. Die Auffassung von Dunkelheit in Darkwave Duchess ist, dass nicht alles Schlechte, was dir widerfährt, umbedingt schlimm sein muss. Schlechte Ereignisse erweitern dein Bewusstsein und das ist gut so. Meine Kindheit war zwar hart, aber ich hätte es nicht anders gewollt. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und damit bin ich glücklich. 

Unterscheidet sich eine Show in Berlin von einer Show in Amerika?
Es ist verrückt. Ich performe meinen Song „Pride" und sehe, wie sehr sich das Publikum mit dem Inhalt identifizieren kann. Sie umarmen sich gegenseitig und es herrscht so viel Liebe im Raum, mir kamen fast die Tränen. Die Show war restlos ausverkauft und sie haben sogar Zugabe verlangt—das habe ich noch nie erlebt.

Erzähl uns wie es war, mit Empress Of auf Tour zu sein.
Empress Of ist super! Ich besaß so gut wie keine Tour-Erfahrung und sie war so unglaublich großzügig. Wenn du als Support-Act einen Künstler begleitest, bist du auf dich alleine gestellt. Du musst selbst zusehen, wie du reist, wo du schläfst und wie du dir alles finanzierst. Empress Of ließ mich in ihrem Van mitfahren und buchte uns die Unterkünfte im Voraus. Sie ist so ein toller, intelligenter, talentierter Mensch und ich bin wirklich froh, dass ich mit ihr auf Tour war. 

Was bedeutet es für dich, Teil von Awful Records zu sein?
Bei dem Label zu sein, hat mir die Möglichkeit gegeben, mich neu zu definieren. Alle unterstützen sich gegenseitig bei den Arbeitsprozessen und du kannst dich wirklich auf jeden Einzelnen verlassen. Es ist eine Familie und das ist wirklich besonders. Wir sind alle Afroamerikaner und machen unser eigenes Ding. Wir leihen uns kein Geld von irgendwelchen Plattenfirmen, sondern bauen uns alles selbst auf.

Was sind deine Pläne für 2016?
Father und ich arbeiten an einer gemeinsamen EP, ansonsten habe ich noch nichts geplant.

@darkwaveduchess

Credits


Interview: Naomie Chokoago
Fotos: Nuzia