Ein Einblick in die freie Kreativszene Münchens der 70er

"Ein IMAGO-Porträt ist ein Statement und kein normales Selfie: Es gibt keine Löschtaste, keine Beauty-App, keine Wiederholung."

von Juule Kay
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04 Oktober 2016, 7:23am

Modefotografien und Künstlerporträts in Lebensgröße geben Einblicke in die kreative Szene Münchens der 70er Jahre. Im Rahmen des European Month of Photography Berlin 2016 wird am 6.Oktober eine Auswahl an Vintage-Prints zu sehen sein, die zwischen Spontanität und Selbstdarstellung schwanken und das charakteristische Gefühl dieses Jahrzehnts vermitteln: Freiheit. Wir haben bei der künstlerischen Leitung von IMAGO Camera, Susanna Kraus, ein wenig genauer nachgefragt, welche Einzigartigkeit sich hinter den Porträts verbirgt.

Was macht den besonderen Charme der IMAGOgraphie aus?
Es ist eine sehr wertvolle fotografische Technik der Direktbelichtung. Diese erlaubt den direkten Weg des Lichts auf das Papier ohne Umweg über ein Negativ. Die 1:1 Ganzkörper-Abbildung seiner eigenen Person ist ein wichtiger Aspekt, der diese weltweit einzigartige Fotografie charakterisiert. Zusammenfassend kann man den Vorgang auch als interaktiven Prozess beschreiben, bei dem der Sich-Porträtierende zu Sujet und Fotograf in einer Person verschmilzt. Indem er die IMAGO Camera betritt und sich auf den Prozess des Sich-Fotografierens einlässt, wird er Teil des Gesamtkunstwerks. Dieser Gedanke, sowie die Entstehung der Kamera kommt aus der Fluxus und Happening-Zeit der 60/70er Jahre.

Gibt es eine spezielle Geschichte hinter den Fotos? 
Wir—meine Geschwister und Freunde—waren damals alle im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, also mitten in der Pubertät. Die IMAGO Camera stand bei einem, mit meiner Familie verwandten Galeristen und war uns so immer zugänglich. Damals kostete das Papier so gut wie nichts, sodass wir immer wieder die Kamera betraten, um uns dem Wagnis auszusetzen, das eigene emotionale Bild von uns zu überprüfen. Dieses war in dieser Zeit durchaus umhomogen und wechselhaft. Wie sehe ich mich? Wie werde ich gesehen? Bin ich so, wie ich mich sehe und wie möchte ich mich sehen? Viele Fragen auf einem Weg der Selbstfindung mit Suchtpotential.

Wer waren die Menschen, die fotografiert wurden?
Damals waren es viele Künstler, Designer und Psychologen, aber auch viele Freunde aus dem künstlerischen Umfeld meines Vaters in München. Wir haben nie Werbung gemacht, das lief alles mehr oder weniger nebenbei. 

Wie haben sich Selbstporträts und Fotografie im Laufe der Jahrzehnte verändert? 
Der Grund dafür, dass die Kamera fast 30 Jahre in der Münchner Pinakothek der Moderne eingelagert war, war der, dass es das fotografische Spezialpapier für die IMAGO-typische Direktbelichtung nicht mehr gab. Das habe ich ab 2006 wieder reaktiviert und gemeinsam mit Ilford solange an der Weiterentwicklung des Papiers gearbeitet, bis wir mittlerweile ein extrem hochwertiges Fine Art Papier anbieten können. Die Fotografie hat sich ebenfalls verändert: Früher war ein Selbstporträt etwas sehr besonderes, das man nicht alle Tage machte. Wir hatten früher definitiv keine Selfie-Routine und haben den Vorgang sehr ernst und unverstellt genommen. Im Selfie-Zeitalter angekommen, konterkariert die IMAGO Camera mit ihren Dimensionen in Apparat und Ergebnis die Handyfotografie von heute. Ein IMAGO Porträt ist ein Statement: Es gibt keine Löschtaste, keine Beauty-App, keine Wiederholung. 

Was können wir von der Ausstellung erwarten?
Eine verblüffend starke Präsenz der 70er Jahre, ausgelöst durch die 1:1 Fotografie. Im Ausdruck Personen als auch in der Mode, die diese Zeit repräsentiert hat. Wir zeigen eine Auswahl an in den letzten Jahren zusammengetragenen Porträts. Alle mit sichtbaren Spuren der Zeit und Vergänglichkeit behaftet.

Die Vernissage von Selbstporträts der 70er Jahre findet am 6. Oktober im IMAGO Camera, Moritzplatz/ Prinzenstraße 85D, statt. Mehr Informationen gibt es hier.

Credits


Text: Juule Kay
Fotos: IMAGO Camera 

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