„leute, die mich anders behandeln, weil ich eine frau bin, sind meine zeit nicht wert.“

Bobbypin ist das Solo-Projekt der kanadischen Musikerin Alana Marta DeVito. Das Multitalent, das davor Bass für die Band TOPS spielte, konzentriert sich inzwischen voll und ganz auf sich selbst und ihren individuellen Sound, der keine Genregrenzen...

von i-D Staff
|
18 Januar 2017, 9:50am

Nachdem sie in etlichen Bands mitgespielt hat, mit TOPS um die Welt gereist ist und dadurch zunehmend ihren eigenen Sound und die Kunst der Musikproduktion kennenlernte, erschien es Alana Marta DeVito, aka Bobbypin, die einzig logische Schlussfolgerung zu sein, fortan ihren eigenen Weg zu gehen und es als Solokünstlerin zu probieren. Ihre eigenkreierten Tracks kennzeichnen sich vor allem durch die Kombination nostalgischer Pop-Elementen mit angenehmen Electro-Vibes. Das Ganze wird durch leicht provokante Texte, die an Alanas Anfänge in Punk-Bands erinnern, verfeinert. Die Kanadierin mit italienischen Wurzeln ist letztes Jahr von Toronto nach Berlin gezogen, lebt und arbeitet seitdem hier. Wir haben das junge Multitalent zum Gespräch getroffen und uns mit ihr über ihre aufregende Vergangenheit und die Gründe, was sie ausgerechnet nach Berlin verschlagen hat, unterhalten. Außerdem erklärt sie uns, warum sie es leid ist, auf ihr Geschlecht reduziert zu werden.

Erzähl mir ein wenig von dir. Wo kommst du her und wie bist du zur Musik gekommen?
Seit ich etwa 13 bin, bringe ich mir selbst Gitarre bei. Davor war ich die nerdige, burschikose Außenseiterin, die  von Sport und Naturwissenschaften besessen war. Auf der Highschool bin ich zum ersten Mal einer Band beigetreten. Ich war nicht sonderlich gut, aber manchmal muss man einfach ins kalte Wasser geworfen werden, um dann von dort zu gucken, wie man weiterkommt. Erst als ich dann fürs Studium in die Großstadt gezogen bin, fing ich richtig an, mit Leuten Musik zu machen. Ich habe dann in vielen Bands mitgespielt, unter anderem auch für TOPS als Bassistin. Ich haben die Noten gelernt und kaum einen Monat später, bin ich mit ihnen getourt. Während der langen Fahrten im Tourbus  durch Europa und Nordamerika habe ich an eigenem Material gearbeitet, das war der Anfang vom Bobbypin-Projekt. Jeder Song auf der EP ist in dieser Zeit entstanden.

Deine Erfahrungen mit TOPS haben dich also inspiriert, eigene Musik zu machen.
Bei TOPS habe ich gelernt, Popmusik mehr zu schätzen. Und auch ihre Arbeitsmoral, ihr Ehrgeiz alles selber zu machen, sauber zu produzieren und zu schreiben, habe mich extrem motiviert und animiert, mehr über den ganzen Prozess zu lernen. Meine erste Solo-EP Sketches From A Terrace spiegelt mein Leben zu dieser Zeit wider. Gleichzeitig ging es mir aber auch darum, meine ganz persönlichen Unsicherheiten und Existenzängste bezüglich meiner Fähigkeiten als Musikerin aufzugreifen und zu verarbeiten.

Wie würdest du den Bobbypin-Sound  in eigenen Worten beschreiben?
Bobbypin ist ein Alt-Pop-Projekt und vereint Elemente Spekulationen und düsterer Gedankengänge mit tollen Erinnerungen.

Es ist ja nichts Neues, dass Künstler in einer Band anfangen, sich dann aber für eine Solokarriere entscheiden. Allerdings nicht immer mit dem gleichen Erfolg. Machst du dir darum Gedanken? Hast du Angst vor dem Scheitern?
Nein, nicht wirklich. Nichts, was ich bisher angepackt habe, ist über Nacht passiert. Es war, ist und bleibt ein ständiges Auf und Ab. Manche werden mich und meine Musik mögen, manche nicht. Es liegt jenseits meiner Kontrolle, was passiert. Ich lasse mich einfach mal überraschen.

Du bist eine Solo-Frau in der Kreativ-, beziehungsweise Musikbranche und willst künstlerisch so frei und unabhängig sein, wie nur möglich. Wie gehst du mit Sexismus in der Branche um? 
Eine Bekannte hat letztens auf genau diese Frage super geantwortet. Wir haben das Jahr 2017. Die Tatsache, dass solche Fragen überhaupt noch gestellt werden, wirft uns eigentlich wieder zurück. Ich weiß schon, dass die Frage nicht so beabsichtigt ist. Kommt man jedoch, wie ich, aus einer von Frauen dominierten Musikszene, wie es in Toronto der Fall ist, hört sich diese Frage an, als stammt sie aus den 50er Jahren. Es soll uns wohl daran erinnern, dass wir „anders" sind, obwohl wir uns nicht anders wahrnehmen. Hättest du mich das vor acht Jahren gefragt, noch während meiner Zeit bei Machtetes—eine der wenigen Girl Bands zu der Zeit—könnte ich dir einen ewig langen Vortrag darüber halten, was wir alles durchmachen mussten. Heute stehe ich darüber. Leute, die mich anders behandeln, weil ich eine Frau bin, sind meine Zeit nicht wert. Es gibt keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Musikern. Wir Frauen mussten über so viele Jahre immer 1000 Prozent besser sein als unsere männlichen Kollegen, um respektiert werden. Dieses Streben hat eine ganze Reihe ausgesprochen interessanter, talentierter Musikerinnen und Produzentinnen hervorgebracht. Jetzt ist es also auch an der Zeit, Fragen dieser Art für ewig ins Exil zu verbannen.

Wie kamst du auf den Namen Bobbypin? Immerhin ist eine Bobbypin (engl. Haarnadel) ein ganz herkömmlicher, alltäglicher Gegenstand. Es muss also irgendeine Geschichte dazu geben, oder täusche ich mich?
Also, ich glaube die meisten sehen im Wort Bobbypin erst einmal den Namen Bobby Pin, ehe sie es mit der Haarnadel assoziieren. Der Name kann auf kein spezifisches Geschlecht reduziert werden. Ich war auf Toronto Island und sah im Sand eine verschollene Haarnadel im weißen Sand liegen. Da fiel mir einfach die Form, das Design auf. Es ist so vertraut, auf seine eigene Art und Weise irgendwie ikonisch. Es ist wie bei Kunst und Musik im Allgemeinen: Egal wie sehr die Leute sich versuchen, von dem Vertrauten wegzubewegen, Nostalgie aus dem Weg zu gehen,  Altbekanntes findet immer irgendwie seinen Weg zurück in die Gegenwart.

Wieso bist du hier in Berlin? Gibt es irgendetwas Konkretes, das dich hier hält?
Primär um einfach aus Toronto wegzukommen [Lacht]. Nein, ehrlich mal: Ich habe einfach einen Tapetenwechsel gebraucht. Ich wollte der Platte neue Vibes verleihen. Ich wollte, dass sie sich von meiner vorigen Abriet unterscheidet. Ich war der Überzeugung, dass mich der Neuanfang in einer neuen Stadt inspirieren würde, auch weil ich erstmal Außenseiterin bin. Das letzte Album war rockiger, eher punk. Bobbypin sollte einen elektronischeren Klang haben, mehr so in Richtung Kraftwerk, New Order, Air und Eurythmics. Ich hatte diese Ecke noch nicht erforscht und Berlin ist auf alle Fälle der richtige Ort, um dieses Genre besser kennenzulernen. Berlin balanciert auf einem schmalen Grad: zwischen kosmopolitischer Großstadt und ursprünglicher, kreativer Energie. Spannend und nahbar zugleich. Dieses Gefühl hatte ich lange Zeit vermisst und wollte es wieder spüren.

Wer, tot oder lebendig, inspiriert dich?
Meine Oma, Emma. Sie ist eine der überzeugtesten Feministinnen, die ich kenne, und sie weiß es selbst nicht mal. Stellt man sich eine italienische Großmutter vor, haben alle sofort dieses Bild einer zerbrechlichen, kleinen alten Frau vor Augen. Emma ist 86. Sie ist sehr eigenständig und selbstbewusst, lässt sich auch bei nichts unter die Arme greifen. Neben ihr gibt es dann natürlich Bowie. Weil David Bowie eine Religion ist. 

@bobbypin

Credits


Text: Max Migowski 
Fotos: Jöran Manduki

Tagged:
Berlin
Musik
Newcomer
Feminismus
musiknews
bobbypin