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in hermione flynns mode geht es um körperlimits und die gender-problematik

Ob Kleidung nun Kunst ist oder nicht, ist eine schwierige und unendliche Diskussion. Im Fall der neuseeländischen Kreativen Hermione Flynn kann man aber darauf ganz laut Ja plus imaginären Ausrufzeichen antworten. Sie macht Filme, Fotos, inszeniert...

Marieke Fischer

Du verbindest Performance Art und Modedesign - wie bist du dazu gekommen?
In Neuseeland habe ich an der Uni Performance Design studiert, das sich klassisch mit dem Theater-, Film- und Kostümdesign beschäftigt. Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht die Beziehung zwischen dem Körper und der Bekleidung. Dabei gehe ich mit dem Blick eines Performance-Künstlers heran, das heißt, dass ich Kleidung nicht über Trends oder als kommerzielles Produkt definiere, sondern über ihre Bedeutung. Als Theater- oder Filmdesigner geht es darum, ein Skript zu lesen, einen Charakter zu verstehen und sich zu überlegen, wie diese visuell repräsentiert werden. Die Macht von Kleidung liegt darin, eine Form visueller Kommunikation zu sein. Dadurch kann ich soziale Ideen darstellen.

Der soziale Kontext und der menschliche Körper sind also die zentralen Aspekte, die sich durch deine vielfältigen Projekte ziehen?
Vielleicht ist der soziale Kontext sogar entscheidender. Ein Künstler sollte seine Rolle nutzen, um visuelle Stimulationen zu erzeugen, die Diskussionen inspirieren. Wir sind darauf konditioniert, Bekleidung zu interpretieren. Jeder weiß, was es heißt, wenn jemand einen Businessanzug trägt. Diese Dinge stehen in einem sozialen Kontext, der wichtig ist für die Zeit, für die Umwelt. Ich nutze diese visuellen Elemente und kombiniere sie auf eine neue Art, um eine andere Geschichte zu erzählen.

Macht der intellektuelle Rahmen die Mode dann zur Kunst oder kann jedes Kleidungsstück diesen Titel beanspruchen?
Beides. Es hängt von dem Konzept und der Verarbeitung ab. Für mich steht die Geschichte immer im Zentrum - zum Beispiel bei meiner Kollektion (in)difference, in der es um die Gender-Thematik geht. Alles dreht sich um die stereotypisch, weiblich konnotierte Schürze, die mit Nadelstreifen, die die klassisch männliche Arbeitsrolle darstellen, kombiniert wird. Gibst du diese Schürze jemandem in einem Café, könnte es so aussehen, als würde diese Person dort arbeiten. Oder du gibst sie jemandem im Mittleren Osten und die Bedeutung wäre wieder eine ganz andere.

Diese Schürze hast du an einem weiblichen Bodybuilder präsentiert.
Genau, ich wollte die maskuline Seite in der Frau zum Vorschein bringen, da diese Thematik meiner Meinung nach noch immer unterrepräsentiert ist. Vor unserem ersten Treffen war ich sehr nervös, da sie aus einer komplett anderen Welt kommt. Glitzernde Bikinis, falsche Bräune. Aber sie war begeistert von meinem Konzept, da auch sie Schönheitskonventionen herausfordert und inspiriert war von meiner Idee des female empowerment. Bei jeder meiner Arbeiten sehe ich zuerst die Performance, die Inszenierung. Dieses Projekt sollte die repetitive Bewegung darstellen, die eventuell beim Gewichtheben kollabiert und den Menschen darunter zum Vorschein bringt. Du siehst ihren Arm und es könnte ein Mann oder eine Frau sein. Letztlich würden aber beide zusammenbrechen, da sie nur Menschen sind.

Ist diese Limitierung für dich das Inspirierendste am menschlichen Körper?
Ja, definitiv. Wir benehmen uns unterschiedlich in der Gegenwart verschiedener Menschen. Wir können uns zwingen, bestimmt auszusehen oder uns speziell zu verhalten. Unweigerlich kommen aber die Grenzen des menschlichen Körpers irgendwann zum Vorschein. Erst dann begegnet man sich auf einer menschlichen, ehrlichen Ebene, die Verletzlichkeit zulässt, da die emotionalen und physischen Grenzen erreicht wurden.

Das Thema Gender ist in jeder deiner Arbeiten sehr präsent. Woher kommt das starke Interesse dafür?
In meiner Heimat habe ich mich als starke Frau, die ihren Mund aufmacht, häufig unterdrückt gefühlt. Es gab viele Restriktionen. Nicht nur als Frau, sondern auch als Mann. Als Mann ein Kleid zu tragen, ohne doof angemacht zu werden, wurde kaum akzeptiert und bringt mich fast zum Weinen. Auch ich habe als Mädchen kein Rosa, Glitzer oder enge Kleider getragen - in dieser Rolle habe ich mich nicht wohlgefühlt. Offensichtlich ist gerade eine Bewegung im Gang, die sich wie ein Schneeballeffekt ausbreitet. Jeden Tag werden unsere Augen ein Stück mehr für Gender-Diskriminierung geöffnet. Ich möchte die Möglichkeit haben, Kleider für Männer zu schaffen und Kleidung für Frauen zu kreieren, in der sie richtig sitzen und laufen können.

Glaubst du, dass der Begriff Gender bereits jetzt obsolet ist?
Nein, und das wird er auch nicht mehr in meiner Lebenszeit. Ich werde es wahrscheinlich nicht mal mehr erleben, dass es für Männer normal sein wird, einen Rock zu tragen. Aber natürlich gibt es auch biologische Unterschiede. Generell: Es wird immer Unterschiede geben, aber es geht darum, dass sie irgendwann nicht mehr relevant sind. Es gibt keinen einzigen logischen Grund, warum gewisse Kleidungsstücke für Männer und andere für Frauen sind.

Er entwirft Herrenmode, in der er das Spiel mit Silhouetten und den eklektischen Stoffgebrauch perfektioniert hat. Trotzdem legt er auf Perfektion bewusst keinen Wert. Ein Atelierbesuch bei dem Nachwuchsdesigner Mario Keine.

Gibt es einen anderen Künstler, der dich in deiner Arbeit und deinen Gedanken beeinflusst?
Ein Label, das ich mag, aber eine komplett andere Ästhetik hat, ist Henrik Vibskov. Ich finde es sehr spannend, wie er es schafft, die verschiedensten Medien wie Mode, Performance Art und Kunstinstallationen zu vereinen.

Wonach suchst du?
Kreative Freiheit - nicht nur für mich, sondern für alle Künstler. Es ist beschissen, wenn du die kreative Energie in dir hast, aber nicht die Ressourcen wie Geld, um dich auszudrücken. Und ich möchte Lehrer werden. Es wäre toll, mit Designern und jungen Leuten zusammenzuarbeiten und ihnen bei ihren Konzepten zu helfen.

hermioneflynn.com

@hermione_flynn

Credits


Text: Marieke Fischer
Fotos: Ed Phillips