mit verformten figuren und grellen farben zu einem besseren körperverständnis

„Körper müssen nicht immer schön und sexy sein. Sie sind furchteinflößend, gemein, hässlich, unangenehm, ekelhaft, abstoßend, oder aber auch einfach nur uninteressant, nichtssagend und belanglos.“ – Maren Karlson zeichnet verformte Körper, mit denen...

von Alexandra Bondi de Antoni
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25 August 2016, 10:55am

Who run the world? In unserer neuen Printausgabe The Female Gaze Issue zeigen Frauen, wie sie die Welt sehen. In den kommenden Wochen widmen wir uns in einem Themenschwerpunkt der Frage, was es heutzutage bedeutet, eine Frau zu sein.

„Wie genau soll ich als Frau in Westeuropa aussehen, damit ich würdig bin, und wer legt solche Regeln aus welchen Gründen fest? Wenn eine Frau nicht als Frau erkennbar ist, ist sie dann unwürdig?", fragt die Illustratorin Maren Karlson und spielt dabei auf eine Aussage der CDU-Politikerin Erika Steinbach zur Burka-Verbotsdebatte im Radio an, die da sagte, dass man eine vollverschleierte Frau nicht mehr als Mensch mit einer Identität erkennen könne, sondern dass man sie stattdessen als neutrales Lebewesen wahrnehme, und genau das würde diesen Frauen die Würde nehmen. Maren ist Illustratorin und versucht, in ihren Arbeiten das gängige (weibliche) Körperbild zu untersuchen und so Stück für Stück aufzulösen. Mit grellen Farben, verformten Körpern, die auch die eine oder andere Assoziation mit Monstern hervorrufen, und Zeichnungen, die von unseren Kollegen bei The Creators Project als Comics from Hell bezeichnet wurden, hinterfragt sie, warum wir Dinge so wahrnehmen, wie wir es tun, und wie wir das ändern können. Marens Kunst ist komplex, verwirrend und vielleicht ein bisschen verstörend—genauso wie Menschen eben auch sind.

Wie kommt es, dass du Körper so verformst?
Weil es Spaß macht, verzerrte Formen zu zeichnen, und weil ich außerdem Interesse an Abbildungen von Körpern, die sich in einem Zustand der Transformation befinden, habe. Also Körper, die unaufhörlich in Bewegung sind, sich immerzu verändern, die unklar, subjektiv, irrational sind, die sich in einem Zwischenzustand befinden, die nicht entweder oder sind, sondern weder noch, die die Grauzonen als etwas Positives verstehen, die hinterfragen, was wir als normale Körper sehen, und unser Verständnis davon, was wir als menschlich empfinden, herausfordern.

Warum denkst du, dass nackte, weibliche Körper so oft so schnell sexualisiert werden? 
Ich glaube, der erste Schritt zur Verbesserung könnte sein, dass man weiblichen Körpern mehr Autonomie zugesteht. Weibliche Körper müssen nicht immer im Bezug auf einen (männlichen, heterosexuellen) Blick existieren—damit meine ich, dass der weibliche Körper nicht dazu da sein muss, um angeschaut zu werden, und dass man weibliche Körper nicht immer nur danach beurteilen muss, ob sie attraktiv oder sexy sind, sondern dass man ihnen mehr Dreidimensionalität einräumt.

Siehst du einen Weg, das zu ändern?
Anstatt Frauen zu sagen, dass alle Körper schön sind, fände ich es produktiver, anzuerkennen, dass Körper eben nicht immer schön und sexy sein müssen, dass sie stattdessen auch furchteinflößend, gemein, hässlich, unangenehm, ekelhaft, abstoßend oder aber auch einfach nur uninteressant, nichtssagend und belanglos sein dürfen, dass die Funktion weiblicher Körper nicht hauptsächlich darin bestehen muss, in Beziehung zu einem Betrachter oder einer gewissen Begierde zu stehen, und vor allem, dass weibliche Körper nicht immer irgendeine Art von Aussage machen müssen, weder eine positive noch eine negative, sondern dass sie einfach nur existieren können.

Ehrlich gesagt bin ich es inzwischen auch ein bisschen leid, über weibliche Körper zu reden, weil es bei der Diskussion und dem Empowerment dieser so oft nur um gesunde, weiße, junge Frauen geht, und die Mehrheit überhaupt nicht vorkommt oder nur als das Andere erwähnt wird. Ich persönlich möchte vor allem als Mensch mit Ideen, Erfahrungen, Ängsten, Gefühlen und so weiter und nicht (nur) als weiblicher Körper wahrgenommen werden. Vielleicht, wenn wir in Zukunft nur noch als Datenimpulse bestehen, können wir das Konzept Körper einfach ganz hinter uns lassen.

In unserer neuen Printausgabe geht es um den Begriff Female Gaze. Gibt es so etwas überhaupt? Wenn ja, wie würdest du diesen beschreiben?
Als female gaze verstehe ich eine Position, die sich von der Perspektive eines weißen, westlichen Mannes unterscheidet. Weil ein Großteil der Entscheidungsträger in Medien, Kultur, Politik etc. männlich ist, ist die Sichtweise, die wir als selbstverständlich akzeptieren, oft die eines privilegierten, heterosexuellen Mannes. Weibliche Perspektiven, und besonders die von Women/Queer People of Color, werden in der Öffentlichkeit in Westeuropa-und besonders in Deutschland—oft nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit behandelt. Wir können sehr schnell der Meinung sein, dass wir schon alles wissen und alles gesehen haben, weshalb es umso sinnvoller ist, zur Abwechslung mal allen zuzuhören, an deren Stimme wir noch nicht gewöhnt sind, deren Erfahrungen in der Welt wir noch nicht kennen.

Welches Frauenbild denkst du, dass du mit deinen Zeichnungen vermittelst?
Ich hoffe, ich vermittle kein Frauenbild, sondern ein Bild von Unheil, mentalem Chaos, Nonsense und Widersprüchen. 

Inwiefern siehst du deine Arbeiten als politisch?
Ich orientiere mich an Rosa Luxemburg, die gesagt hat: „Unpolitisch sein heißt politisch sein, ohne es zu merken". Wenn ich das auf Kunst beziehe, würde das bedeuten, dass unpolitische Kunst eigentlich gar nicht existiert, weil jede Entscheidung, die ich in Bezug auf meine Arbeit treffe, eine politische Aussage haben wird, egal, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Selbst wenn ich abstrakte Malerei machen würde, die erstmal keine offensichtliche politische Aussage trifft, ist meine Arbeit damit automatisch politisch, weil mein Dasein als Künstlerin in Westeuropa nur deshalb möglich wird, dass andere Menschen hungern und sich keine Bildung oder Wohnung leisten können. 

Deine Arbeiten strahlen eine gewisse Stärke aus. Was bedeutet Stärke für dich und Stärke für dich besonders als Frau.
Stärke bedeutet für mich, morgen Abend meine neue Fritteuse auszuprobieren. Außerdem fühle ich mich stark, wenn ich es schaffe, ganz allein ein Mal um die Insel im Liepnitzsee zu rudern, und wenn ich lerne, mehr auf meine Intuition zu hören. 

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Mein Plan für die Zukunft ist es, so viel abstrakte Malerei wie möglich zu machen, reich zu werden und mich dann als erfolgreicher Internet-Troll in ein einsames Haus am Meer zurückzuziehen. 

marenkarlson.com

Hier findest du alles aus unserer The Female Gaze Issue.

Credits


Text: Alexandra Bondi de Antoni 
Fotos: über Maren Karlson

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