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"Jede Vagina ist seltsam"

VonSarah MorozFotos vonTalia Chetrit

Talia Chetrits zeigt weibliche Sexualität und löst damit teils heftige Reaktionen aus. Wir haben mit der Finalistin des diesjährigen MAXXI Bulgari Prize über Female Gaze und Doppelmoral gesprochen.

Fotografin Talia Chetrit erkundet mit ihrer Kamera weibliche Intimität aus verschiedenen Perspektiven. So trägt sie in einem Selbstportrait einen durchsichtigen Ganzkörper-Body und ist "völlig transparent und gleichzeitig vollständig bedeckt". Ein anderer Schnappschuss zeigt sie beim Sex mit ihrem Freund. Auf einem anderen Bild sehen wir, wie eine Fliege auf ihrem nackten Bauch landet. Dieser Mix aus Archivbildern und intimen Selbstporträts ist in einer neuen Ausstellung im von Zaha Hadid entworfenen MAXXI Museum in Rom zu bestaunen. Dabei haben sie alle eines gemeinsam: Sie erforschen die eigene Sexualität. Welche Ansichten Talia zur weiblichen Sexualität in der Fotografie teilt, hat uns die Amerikanerin im Interview erzählt.


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Nach welchen Kriterien hast du die gezeigten Werke für die Ausstellung ausgewählt?
Ich wollte meine verschiedenen Schaffensphasen miteinander verbinden. So sind Fotografien zu sehen, die ich Mitte der Neunziger von mir und meinen damaligen Freundinnen geschossen habe, aber auch neuere Werke. Wir sind damals nach der Schule zu mir nach Hause gegangen, haben uns verkleidet oder ausgezogen und miteinander gespielt. Auf einem Foto lutscht eine meiner Freundinnen an einem Lolli. In dem Alter weiß man zwar, dass das sexy sein kann, warum genau weiß man aber noch nicht. In einem anderen Teil der Ausstellung geht es um meine Selbstporträts, die ich als Erwachsener geschossen habe. Darauf sieht man den Auslöser – das ist ein Symbol dafür, dass ich die Kontrolle habe und bestimme, was durch die Kamera zu sehen ist.

Wolltest du schon immer Fotografin werden?
Mit ungefähr 13 habe ich meinen ersten Film entwickelt und seitdem konnte ich nicht mehr aufhören. Durch die Fotografie kann ich mit meiner Umwelt auf eine andere Art interagieren. Auf der Kunsthochschule habe ich zum Beispiel viel gemalt und performt; das Fotografieren an sich hat mich weniger interessiert. Es ging mir schon immer um die Ideen dahinter. Wie die Fotografie die Realität verändern kann, ist bekannt. Weniger erforscht, ist dafür ihr Verhältnis zur Wahrheit – und damit spiele ich gerne.

Wie reagieren die Menschen auf die weibliche Sexualität in deinen Werken?
Ein Erlebnis ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Eine meiner Vagina-Fotografien wurde in einer Ausstellung neben ein Selbstporträt von Mapplethorpe gehängt. Nicht irgendeine Aufnahme von ihm, sondern die, auf der eine Peitsche in seinem Arschloch steckt. Links davon hing meine winzige Vagina-Fotografie. Die Vagina macht vielleicht 0,02 Prozent des Bildes aus. Ich habe zwei Frauen bei der Eröffnung beobachtet. Als sie meine Vagina-Fotografie sahen, verzogen sie angewidert ihre Gesichter. Dann sahen die Damen die Fotografie von Robert Mapplethorpe – und verzogen keine Miene. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Als ich ihnen später erklärt habe, was ich an dem Tag in meinem Studio gemacht habe, war die Reaktion "Oh, das klingt cool. Aber meine Vagina ist seltsam." Und ich sagte nur "Nein, meine Vagina ist auch seltsam. Jede Vagina ist seltsam. Keine kennt ihre Vagina wirklich."

Beeinflusst die Modefotografie deine eigenen Arbeiten und dein Verständnis von Repräsentation?
Das kann man so sagen. In der Mode ist das Bild sehr wichtig. Dem wollte ich entgegenwirken. Für eine Kampagne habe ich ein junges Mädchen fotografiert, das ich seit ihrem siebenten Lebensjahr vor der Linse habe. Mittlerweile ist sie elf. Ein Tag vor der Kampagne haben die Verantwortlichen ein anderes Mädchen genommen und die Bilder mit ihr rausgekickt. "Aufgrund des Harvey-Weinstein-Klimas", wie sie beteuerten. Das fand ich falsch. Harvey Weinstein ist problematisch, weil er Menschen so mies behandelt, aber nicht wegen seinen Arbeiten. Dieses Mädchen ist eine langjährige Muse von mir, auf dem Bild ist sie einfach sie selbst. Sie hat sich einfach wie ein junges Mädchen benommen – und genau deswegen habe ich das Bild mit ihr gemocht.

Wie stehst du zur Zensur?
Das muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Jeder muss für sich definieren, wo seine Grenzen liegen. Und diese Grenzen sind auch OK. Die Fotografie der zwei nackten Mädchen im Bett, das ich zu meiner Schulzeit geschossen habe, wäre heute sehr problematisch. Weil ich damals aber so alt war wie die beiden, hat es heute keinen bitteren Beigeschmack. Was damals erlaubt war, ist es heute nicht mehr. Und genau das ist das Interessante daran.

Die Arbeiten der drei Finalisten des MAXXI Bulgari Prize 2018 – Talia Chetrit, Invernomuto und Diego Marvin – kannst du dir noch bis zum 28. Oktober im Maxxi Museum in Rom anschauen. Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.