Foto: Roberto Brundo

Rapperin Rico Nasty ist das unbesiegbare Vorbild, das sie selbst nie hatte

"An manchen Tagen wache ich auf und will sterben. Aber wenn du deine Bestimmung erfüllen willst, musst du dafür arbeiten."

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02 November 2018, 10:59am

Foto: Roberto Brundo

Sie wurde von der Schule geworfen. Hat Drogen auf der Straße verkauft. Wurde Mutter, als sie selbst noch ein Teenager war. Es wäre leicht gewesen, mit Vollgas in eine Sackgasse zu krachen. Doch trotz aller potentieller Hürden hat sie es geschafft, auf die Überholspur abzubiegen. Rico Nasty kann schon jetzt auf ein bewegtes Leben zurückschauen – dabei ist sie erst 21 Jahre alt.

Sie verkauft weltweit Konzertsäle aus, füllt sie mit Frauen, zu denen die Rapperin eine spürbare Verbindung aufbaut. Sie bringt sie dazu, im Circle of Death gegeneinander zu springen, während sie aus voller Lunge die Lyrics zu den Underground-Hits "Smack A Bitch" oder "Rage" mitbrüllen. Mit ihrem dunklen Eyeliner und den ständig wechselnden Frisuren (mal lang und pink, Spikes oder grüner Bob) erinnert sie eher an die Frontfrau einer Punk-Band – aber es ist vor allem ihre kompromisslose Attitüde, die den Vergleich rechtfertigt.


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Und dann, ganz plötzlich, verändert sich ihr Charakter. Mitten auf der Bühne zeigt sie ihre verletzliche Seite, rappt über den verstorbenen Vater ihres Kindes oder ihre Probleme anderen zu vertrauen. Maria Kelly, die ihren Künstlernamen Rico Nasty von einem Schul-Bully verpasst bekam, verkörpert in ihrer Arbeit Alter Egos, die verschiedene Geschichten und Haltungen offenbaren. So hat sie sich selbst die Freiheit gegeben, die Person zu sein, die sie in dem Moment sein möchte, ohne dabei ihre Wurzeln jemals verleugnen zu müssen.

Vor vier Jahren hat die in Maryland-lebende Rapperin ihr erstes Mixtape veröffentlicht. Heute arbeitet sie mit Lil' Yachty zusammen, hat einen Deal mit Atlantic Records unterzeichnet, ziert internationale Magazin-Cover und knackt bald die halbe Million auf Instagram. Aber das Wichtigste ist: Rico Nasty wurde zu dem Vorbild, das sie sich selbst so sehr in ihrer eigenen Jugend gewünscht hat.

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Wir streichen den Small Talk: Welchen Fehler würdest du immer wieder begehen?
Mein Kind. Die Leute denken häufig, meine frühe Schwangerschaft war ein Fehler, aber ich würde mich immer und immer und immer wieder genauso entscheiden. Außerdem gingen meine Wehen nur vier Stunden … Das ist wirklich der einzige "Fehler", den ich wiederholen würde – bei allen anderen Sachen habe ich tatsächlich einfach Scheiße gebaut.

Du erziehst eine neue Generation. Nicht nur deinen Sohn, sondern auch deine jungen Fans, die du dazu ermutigst, sie selbst zu sein. Warum ist dir das so wichtig?
Früher habe ich mir immer eine Person gewünscht, die vom Himmel fällt und badass ist. Dann kam Avril Lavigne und hat diese Rolle eingenommen. Aber was zur Hölle ist passiert?! Sie ist verschwunden, hat keine Musik mehr gemacht und uns im Stich gelassen. Wir alle brauchen ein Vorbild, das einen Fick gibt und gleichzeitig eine nette Person ist.

Für meinen Sohn ist es unglaublich wichtig, dass ich ihm ein gutes Vorbild bin und meine Träume verfolge. Bevor es mit dem ganzen Musikding losging, hielt ich ihn eines abends in meinem Arm und sagte: "Bro, weißt du wie respektlos Männer sind? Weißt du, wie schwer es ist, einem Mann zu sagen, was er tun soll, wenn du nicht selbst ein Beispiel setzt?" In meiner Jugend habe ich Drogen auf der Straße verkauft, bin dem schnellen Leben verfallen. Wie sollte er etwas anderes lernen, wenn das sein einziges Identifikationsmodell wäre? An manchen Tage wache ich auf und will sterben – aber wenn du deine Bestimmung erfüllen willst, musst du dafür arbeiten.

Und das machst du. Nicht nur auf künstlerischer Ebene, sondern auch auf persönlicher. Früher hast du dich wie ein "Weirdo", wie eine Außenseiterin gefühlt. Wenn du an diese Zeit zurückdenkst, was würdest du deinem jüngeren Ich gerne sagen?
Oh mein Gott, ich würde sagen: "Bitch, hör' auf, dich umbringen zu wollen. Dein Leben wird unglaublich! Hör' auf, dich schlecht zu machen, an dir zu zweifeln und dich zu bemitleiden. Du musst zu dir stehen!" Aber das gehört wahrscheinlich zum Erwachsenwerden dazu. Wenn mein Selbstbewusstsein mit 13 größer gewesen wäre, wäre ich mit 15 berühmt gewesen. Irgendwann dachte ich mir: "Du kannst nicht jemand anderes sein, damit musst du dich abfinden. Lebe deine Kreativität, verändere dein Aussehen, dann sagt niemand mehr, du seist hässlich." Letztendlich weiß im Social-Media-Zeitalter doch eh keiner, wie du wirklich aussiehst.

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Eine wichtige Lektion. So stark zeigst du dich auch in deinen Lyrics, in denen du die weibliche Sexualität und das Wort "Bitch" zurückeroberst. Warum glaubst du, ist das relevant?
Das ist eine Frage, die ich schon immer hören wollte! Ich habe zehn verschiedene Bitches. Wenn ich jemals wen Bitch nenne, ist es in neun von zehn Fällen einfach ein anderes Wort für "Girl". Und manchmal sage ich es auch zu Männern, wenn ich über Typen spreche, mit denen ich was hatte. Eine Bitch hat kein Geschlecht. Einige Leute fassen das als Respektlosigkeit auf, aber whatever. Es ist das Jahr 2018, es ist nur ein Wort.

Besonders gern höre ich deine Musik, wenn ich auf dem Heimweg bin. Mitten in der Nacht, allein auf der Straße. Dann fühle ich mich mutig, unbesiegbar.
Genau das möchte ich auch, dass sich meine Hörerinnen unbesiegbar fühlen. Nicht unzerstörbar – dann denkt man, man könne alles machen. Das stimmt offensichtlich nicht. Wenn du vom Hochhaus springst, weil du denkst, du seist ein Superheld, stirbst du halt.

Wenn du eine Frau bist, wird es immer jemanden geben, der versucht, dich klein zu machen, dich schlecht zu reden. Deswegen möchte ich, dass meine Fans diese Anfeindungen als Herausforderung nehmen. Wenn es mal wieder jemand versucht, beweise ihm das Gegenteil. Und freu dich darüber, dass er es niemals mitbekommen wird, da du solche Menschen eh aus deinem Leben streichst.

Fühlst du dich selbst unbesiegbar?
Ja, ziemlich. Leute attackieren mich permanent, aber sie haben keine Munition. Ich bin immer noch da. Und ich werde lauter.

So laut, wie all die Frauen, die bei deinen ausverkauften Konzerten in der ersten Reihe stehen. Du hast es geschafft, eine Kultur der Unterstützung um dich herum und unter deinen Fans zu etablieren.
Unterstützung muss irgendwo anfangen. Künstler finden es toll, von ihren Fans unterstützt zu werden – aber wie häufig passiert es andersherum? Viele meiner Fans, die mich seit der ersten Stunde begleiten, sind zu Freunden geworden. Sie haben an mich geglaubt, als nur wenige mein Talent erkannt haben. Sie waren Visionäre! Wir haben uns via DMs unterhalten und sogar per Facetime telefoniert. Solche Beziehungen bleiben bestehen. Wenn ich heute in Maryland bin und mit Jogginghose und Sonnenbrille Leute im Einkaufszentrum beobachte, erkenne ich direkt, wer meine Fans sind. An der Art, wie sie sich kleiden. Ich bin so stolz auf sie.

Wenn sich deine Fans kleiden wie du, ist das bestimmt schön – bei anderen Künstlern scheinst du aber Probleme damit zu haben. Wie gehst du mit Copycats um? Du hattest in der Vergangenheit ja schon häufiger Auseinandersetzungen deswegen ...
Mit der Kunst ist es, wie mit dem Essen. Sie wird gefressen und verdaut – du fütterst Inspiration. Das ist ein Teil davon, Künstler und Influencer zu sein. Wenn andere dich kopieren, zeigt es nur, dass deine Welle bricht. Wenn du berühmt werden willst, darfst du den Leuten deswegen nicht böse sein.

Heute denkt jeder, was er macht, sei noch nie vorher da gewesen. Aber die Welt ist riesig! Das zu akzeptieren, fiel mir schwer. Es hat mich jedoch auch dazu gebracht, selbst aufzuhören, Referenzen zu ziehen. Statt meine Videos perfekt durchzuplanen, drehe ich sie einfach aus dem Stehgreif. Statt mir meine Outfits und Frisuren im Voraus zu überlegen, verändere ich sie täglich. Falls es also passieren sollte, dass ich jemanden kopiere, ist es purer Zufall. Ich bin überall. Überall zur selben Zeit.

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Du hast diverse Alter Egos, das macht es noch schwieriger, dich zu kopieren. Warum brauchst du diese verschiedenen Persönlichkeiten?
Sie alle sind miteinander verbunden. Wenn du eine Perücke aufsetzt oder ein krasses Outfit trägst, fühlst du dich wie eine andere Person. Das nutze ich für mich. Es ist ein Schauspiel. Es ist spannend, zu sehen, in wie viele verschiedene Charaktere ich schlüpfen kann. Dabei entdecke ich immer auch neue Seiten an mir.

Tacobella: Diese Seite teile ich nicht mehr mit vielen Leuten. Trap Lavigne schert sich um nichts, sie ist pures Feuer. Diese Facette musste ich mir erarbeiten. Dann ist da Rico. Mein Name war seit der Schulzeit Rico Nasty. Ich hatte schon immer ihre Energie, aber ich musste in sie hineinwachsen. Wenn du mein erstes Tape anhörst, merkst du, dass sie erwachsen werden musste. Und das ist sie. Du hörst es in ihrer Stimme, du merkst es in ihrem Flow.

Wenn du beispielsweise Vertrauensprobleme thematisierst und rappst, dass du nicht alles gegen die Wand fahren willst – welcher Charakter spricht dann?
In dem Song "Trust Issues" rede ich von echten Erlebnissen, die ich durchgemacht habe, mache es aber nicht mit einer mädchenhaften Stimme, deswegen denkt niemand, es sei Tacobella. Jedes Mal, wenn ich über reale Begebenheiten spreche und meine Ängste in den Mittelpunkt stelle, ist sie es. Besonders in dieser Zeile: "Rich bitch in the passenger, I hope I don’t fucking crash". Rich Bitch, das bin ich. Ich sitze in dem Auto und hoffe, dass ich nicht alles zerstöre, nur weil ich niemandem vertrauen kann. Seitdem ich meinen Platten-Deal unterschrieben habe, umgeben mich all diese neuen, unbekannten Leute. Das ist ziemlich schwer für mich. Trotzdem: "Trust Issues" ist mein Lieblingslied.

Wenn wir schon über Autos sprechen: In deinem Song "Smack A Bitch" geht es um deinen Audi und einen Streit, der deswegen losgetreten wurde. Wie wichtig sind dir materielle Dinge?
Die Leute waren echt angepisst wegen der Audi-Sache. Als ich das Auto gekauft habe, war es mein einziges Gesprächsthema. Eine Lektion, die ich daraus gelernt habe: Wenn du willst, dass dir Gutes passiert, darfst du deinen Erfolg den anderen nicht unter die Nase reiben.

Als ich in der Anfangszeit zum ersten Mal echt viel Geld verdient habe, waren materielle Dinge sehr wichtig für mich. Ständig hatte ich Angst, jemand könnte die Sachen dreckig machen. Mein Freund ist nicht gerade ein schmaler Typ, die Wahrscheinlichkeit ist also recht hoch, dass er meine Sachen aus Versehen zerstört. Und das ist mir ehrlich gesagt auch selbst passiert. Egal, wie teuer es war, schlussendlich geht's eh kaputt. Mittlerweile ist es mir nicht mehr wichtig. Was wichtig ist, sind die Leute, die mich umgeben.

@riconasty

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