warum unsere generation es einfach nicht mehr schafft

Will Self erwartet nicht viel von einer im Vergleich zur Energie und Anarchie der Punkbewegung aus den 70ern apathischen Jugend. Unsere Antwort auf seine Worte.

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28 Oktober 2014, 2:40pm

Kvarki1

Das im-Arsch-Sein der heutigen Zeit, auf das sich Will Self bezieht, besteht darin, dass es in unserer Generation nichts mehr zu geben scheint, das uns laut aufschreien lässt. Wir sind weder Punks noch Anarchisten noch Rebellen. Wir sind digitale Langweiler, die den ganzen verdammten Tag mit unseren Social-Media-Endgeräten abhängen und auch noch 40 Jahre später The Sex Pistols und Joy Division hören, weil wir ohnehin nichts mehr fühlen. Unsere aktive Teilnahme an Politik kann man pathetisch-apathisch nennen und die meisten unserer politischen Diskussionen enden damit, dass wir das Thema wechseln, weil - Haltet euch fest! - irgendjemand auf YouTube ein Schwein auf einem Affen gesehen hat, was wir uns natürlich sofort - SOFORT! - anschauen müssen. Kein Gespräch taugt heute mehr als Inspirationsquelle für einen bahnbrechenden Roman oder einen anarchischen Song, der eine Generation prägen könnte. Der Zeitgeist unserer Generation könnte ziemlich passend mit den 31 niedlichsten Tierfotos auf Buzzfeed zusammengefasst werden.

Nach dem Punk kamen die 80er und die Do-It-Yourself-Generation und mit ihnen das Clubbing, noch mehr Drogen und noch mehr Rebellion, sei es gegen Margaret Thatcher, den Babyboom, die Privatisierung oder den Kapitalismus. Im Untergrund, weiter unter den hierarchischen Strukturen, gab es Bewegung, die Diskothek Fac 51 Haçienda in Manchester und Acid House. Der Kreislauf blieb am Laufen und war auch noch in den 90er Jahren spürbar, als die Rave-Bewegung einsetzte und mit ihr noch mehr Drogen, Freiheit und Rebellion die Bühne betraten. Mitte der 90er dann kam die Bewegung ins Stocken. Es war die Zeit von Brit-Pop und dem Hype um die Spice Girls, aber das waren irgendwie auch nur Parkas und Plateau-Schuhe. Die Philosophie war beerdigt, der Geist wurde kommerzialisiert. Die Spice Girls und Brit-Pop wurden uns von der Marketingmaschinerie vor die Nase gehalten. Es war so keine Bewegung mehr, die wir selbst entdecken und von der wir ein echter Teil werden konnten. Zwischen der Kultur und den Menschen entstand eine Kluft, während die Unternehmen, Plattenlabel und Medien damit begannen, Kultur als eine Arte Ware zu behandeln. Anstatt zu Hause Bondage-Hosen zu nähen, um damit wie Sid Vicious auszusehen, fingen wir damit an, ein Vermögen für Fan-Artikel unserer Lieblingsbands auszugeben. Kultur als authentisches Ausdrucksmittel der Menschen wurde ausgehöhlt und verkam zu einer kapitalistischen Ware.

Und jetzt befinden wir uns in den 10er Jahren des 21. Jahrhunderts und erleben das wohl langweiligste Jahrzehnt aller Zeiten. Aus Kultur wurde ein Selbstbedienungsladen für Social Media, Drogen und bedeutungsloser Musik. Für manche bedeutet das House, Facebook und Ketamin. Für andere ist es HipHop, Instagram und Gras. Oder MDMA, Twitter und Trance. Vielleicht fühlst du dich rebellisch, weil du wenigstens deine persönliche Kombination kreiert hast? Und falls das so ist, verfolgst du damit irgendein Ziel? Will Self: „Die Avantgarde hat sich selbst immer als eine Bewegung mit großen, philosophischen Ambitionen dargestellt, aber im Grunde ging es doch nur um Sex und Drogen. Lange Zeit gab es bei Sex und Drogen Tabus, aber die gibt es jetzt nicht mehr, und daraus resultiert, dass es für euch Leute einfach nichts mehr gibt, gegen das ihr euch auflehnen könntet." Denn die Tatsache, dass schon die Generationen vor uns mit Sex und Drogen assoziiert werden, hat für uns zur Folge, dass wir nicht das Gleiche machen können, wenn wir nicht als einfallslos dastehen wollen. Und wir versuchen nicht einmal, es mit höheren philosophischen Ambitionen zu kaschieren. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass unsere Generation in Clubs Drogen nimmt, weil sie ein politisches Statement abgeben will.

Aber Punk geht auf die Situationistische Internationale zurück, eine Gruppe von avantgardistischen Künstlern und Intellektuellen, die sich mit der Interpretation und Analyse der sozialen und politischen Theorien Karl Marx' beschäftigt hat. Dort war man der Auffassung, dass der Kapitalismus dermaßen die Kontrolle über unsere Gesellschaft, Kultur und kollektives Bewusstsein übernommen hätte, dass die Menschheit zu einer sozial verkümmerten und materialistischen Masse mutiert wäre. „Sie haben entschieden die Idee zurückgewiesen, dass die angeblichen Erfolge des fortgeschrittenen Kapitalismus - wie technologischer Fortschritt, höheres Einkommen und mehr Freizeit - den Zusammenbruch der Gesellschaft sowie die Entwürdigung des Alltags aufwiegen könnten, die beide im Zusammenhang mit dem kapitalistischen System standen." Das war das vorherrschende Gefühl 1968, das ein Jahrzehnt später den Punk hervorgebracht hat. Und der Satz erscheint 2014 aktueller denn je. Brauchen wir also nur ein Schlagwort wie Punk, um dessen Geist neu hervorzurufen?

Großbritannien ist vielleicht nicht mehr der beste Ort, um ein Revoluzzer zu sein, aber das ist kein Problem, denn Großartiges kann auch aus dem Nichts entspringen. Proust sagte: „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man neue Landschaften sucht, sondern dass man mit neuen Augen sieht." Nietzsche: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." Emily Dickinson schrieb: „Nichts zu sagen sagt manchmal am meisten." Und Jean Baudrillard sagte: „Die Apokalypse ist vorbei. Das Heute zeigt sich im stetigen Kreisen der Gleichgültigkeit, der Formen des Neutralen und Wertfreien. Alles, was übrig bleibt, ist die Faszination für das Wüste und Formlose." Wie klug doch leere Worte klingen können. Alle diese gelangweilten Philosophen erheben ihr Ennui zu … Philosophie. Also müssen auch wir unsere Situation ein bisschen intellektualisieren. Unsere Generation ist dann gar nicht am Arsch, uninspiriert und einfallslos. Nein, wir sind stattdessen existentialistische Nihilisten. 

Credits


Text: Sarah Raphael
Foto: Kvarki1