Fotografin Elena Montemurros Definition von Jugend

Zusammen mit ihren Freundinnen bildet sie den „Girls Club“, ihre Lieblingsbeschäftigung ist es, Szenen aus „Der zuckersüße Tod“ nachzustellen und sie liebt Larry Clarks Filme.

von Alice Newell-Hanson
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31 August 2015, 1:50pm

Fotografin Elena Montemurro sitzt auf ihrem Bett im Haus ihrer Eltern auf Long Island. „Ich bin von Astrologie besessen", sagt sie uns am Telefon. „Ich bin Mond im Sternzeichen Fische und lese viel darüber, wie schnell sich Leute mit dieser Konstellation in einem verträumten, nostalgischen Lifestyle verlieren können. Wir ziehen es vor, vor der Realität zu fliehen." Das beschreibt auch ziemlich perfekt ihre Arbeiten, und ja wahrscheinlich auch ihr Leben. Seit ihrem Abschluss am New Yorker Parsons College steht das Thema Jugend - ihre eigene (sie ist 24 Jahre alt) und die ihrer Freunde - als die popkulturellen Fantasien vom Erwachsenwerden im Zentrum ihrer Arbeiten.


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Für ihre Fotoserie „Jamie" fotografierte Elena sieben Jahre lang die jüngere Schwester einer Freundin. Jamie sitzt grübelnd unter künstlichem Licht am Tisch und Elena schafft es, mit ihren subtil komponierten Fotos die gesamte Seltsamkeit und Verletzlichkeit des Teenager-Daseins einzufangen. In einer weiteren Fotoserie „Boyfriend at the Time" schlüpft Elena in Cindy Sherman-Style - „Ich mag ihre frühen Sachen" - in andere Versionen ihres Ichs, um verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit einzufangen, die sie im Laufe der Zeit in ihren Beziehungen zeigte. Für ihr laufendes Projekt „Coming of Age" stellen ihre Freunde Szenen aus Teenie-Filmen nach. „Meine Charaktere sind oft düster, isoliert. Man hat das Gefühl, als ob etwas schiefgehen wird", sagt sie. „Es geht um die Ängste, die man als Teenager empfindet."

Erzähle mir mehr über deine Fotoserie „Jamie".
Jamie wird bald aufs College gehen und ich möchte einen Bildband über ihre letzten sieben Jahre herausbringen. Mich hat sie schon immer fasziniert, einfach ihrer Looks wegen. Sie hat eine merkwürdige Schönheit; eine Qualität, die nicht viele Leute besitzen. Wo ich herkomme, sehen die Menschen alle gleich aus. Anfangs fühlte es sich noch komisch an, sie danach zu fragen, ob ich sie fotografieren darf, aber aus irgendeinem Grund öffnete sie sich mir gegenüber. Ich glaube, sie empfand es als Kompliment.

Wie alt war sie, als ihr anfingt? Was waren die interessantesten Veränderungen, die du beobachten konntest?
Sie muss wahrscheinlich 13 gewesen sein und sie ist seitdem so groß geworden. Man kann es in den Bildern wirklich erkennen. Sie fühlt sich jetzt in ihrer Haut wohl. Sie hatte einen Freund und ich fotografierte die beiden zusammen. Dann trennten sie sich aber und ich habe mitbekommen, wie sie als Frau gewachsen ist. Ich bin traurig darüber, dass sie weggeht.

Es ist toll, dass sie all diese Fotos haben wird, wenn sie älter ist.
Ich weiß, ich finde es auch toll. Die Fotos halten all diese Momente fest. Auch wenn die Bilder sie natürlich nicht 100 Prozent authentisch darstellen. Die Fotos sind eher Ausdruck meiner Sichtweise auf sie. Viele der Fotos spiegeln mich wider.

Denkst du auch so über die Fotoserie „Coming of Age"? Wie kam es dazu?
Zu dieser Zeit machte ich viele Porträts, aber sie hatten für mich keine Substanz. Dann hat mich der Film Der zuckersüße Tod inspiriert und ich habe Szenen daraus direkt nachgestellt. Mir war es egal, dass ich den Film einfach kopierte. Aber auch Willkommen im Tollhaus und alle Filme von Todd Solondz sowie Larry Clarks Filme wie Kids haben mich inspiriert und ich konnte mich mit ihnen identifizieren. Keiner von uns wollte wirklich erwachsen werden. Ich spielte einfach mit dem Thema Jugendlichkeit. Ich stellte Filmszenen nach und kreierte diese Art von Standbildern. Ich habe zu jedem Bild in der „Coming of Age"-Reihe meine eigene Geschichte. Ich erzähle meinen Freunden, die für mich als Model arbeiten, was die Geschichte hinter ihrem jeweiligen Charakter ist. Ich mag es, weil der Betrachter so ein paar Informationen erhält, aber nicht die ganze Geschichte kennt. Die Fotos umgibt ein Geheimnis.

Die meisten Coming-of-Age-Filme, die ich in meiner Jugend gesehen habe, waren Geschichten über Mädchen. Es ist interessant, dass du Jungs genauso oft wie Mädchen fotografiert hast.
Anfangs nicht. Mich haben Männer immer eingeschüchtert und ich war schüchtern. Ich fühlte mich nur wohl, wenn ich Mädchen fotografiere. Es hat eine Weile gedauert, bis ich selbstbewusster war.

Ich finde die Tatsache interessanter, dass viele meiner Freunde, die mich darum gebeten haben, in meinen Fotos zu sein, nicht möchten, dass sie ausgestellt werden. Ich sagen ihnen vorher, dass ich sie nicht wunderschön und engelsgleich zeigen werde. Ich versuche, einen Fehler zu finden, und diesen zum Thema des Fotos zu machen. Es gibt ein Bild von einer Freundin, mit der ich zur Schule gegangen bin. Sie erschien immer perfekt und sie erinnerte mich an eines dieser Mädchen aus dem Film Girls Club. Ich steckte sie in diese Charakterschublade: Sie musste dieses knappe Outfit tragen und ich habe sie mit zu Nathan's genommen. Anfangs fühlte sie sich angegriffen, aber nachdem sie die Fotos dann sah, dachte sie anderes darüber.

Woran arbeitest du gerade noch?
Ich habe noch eine weite Fotoserie „Boyfriend at the Time", an der ich immer arbeite. Sie erinnert mich an Nikki S. Lee, weil ich in jedem Foto immer anders aussehe. In dieser Serie geht darum, dass man seine Persönlichkeit anpasst, um für den anderen interessant zu bleiben. Nach einem Beziehungsaus fragt man sich, ob man sich selbst kennt. Also versuche ich, in jedem Foto einen anderen Typ Mädchen darzustellen. Die Serie möchte ich weiterführen, aber es ist schwierig, weil es so persönlich ist.

Helfen dir die Fotos dabei, klarer zu sehen, wer du bist?
Ich glaube, dass ich es sogar weniger klar sehe. Es fällt mir so leicht, in eine andere Rolle zu schlüpfen, was auf eine Art beängstigend ist. Ich gehe meinem wahren Ich so auf gewisse Art und Weise aus dem Weg. Ich denke, dass das Teil des Projekts ist. Wenn ich genug fotografiere, dann komme ich meinem wahren Ich vielleicht irgendwann sehr nahe.

elenamontemurro.com

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Credits


Text: Alice Newell-Hanson
Fotos: Elena Montemurro

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