in „baroness“ geht es um moderne sexualiät durch die augen von frauen

„Baroness“ gehört zu den schönsten Erotikmagazinen auf dem Markt. Wir haben mit den Gründern Matthew Holroyd und Ché Zara Blomfield über den weiblichen Blick in der modernen Sexualität gesprochen und zeigen euch eine Auswahl an Fotos aus der neuesten...

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Aug. 9 2016, 8:30am

Art by Penny Slinger

Das talentierte Team hinter Baron war gelangweilt von Bildern, die sich an ein männliches, heterosexuelles Publikum richten und die die erotische Magazinwelt dominieren. Deshalb gründeten sie Baroness. Das Team um Matthew Holroyd und Ché Zara Blomfield geht es darum, wie Frauen sexuell repräsentiert werden und was Frauen sehen wollen. Für ihr Projekt haben sie mit vielen talentierten Kreativen zusammengearbeitet, darunter die regelmäßigen i-D Fotografen Harley Weir, Eloise Parry und Penny Slinger. Das Magazin ist eine stylische und spielvolle Hommage an das weibliche Verlangen und gehört zu den schönsten Erotikmagazinen auf dem Markt. Wir wollten mehr wissen und haben die Gründer Matthew Holroyd und Ché Zara Blomfield getroffen und mit ihnen darüber gesprochen, warum es in den Fotos in Baroness nicht um Dominanz geht, sie neugierig machen und warum der Begriff Weibliche Sexualität problematisch ist.

Kunst: Colette Laboratoire Lumiere

Was habt ihr auf dem Zeitschriftenmarkt vermisst, dass ihr mit Baroness bieten wollt?
Matthew Holroyd: Ich denke kaum an andere Magazine, wenn ich an einem Magazin arbeite, weil ich mich nicht zu sehr beeinflussen lassen möchte. Mein Element ist die Fotografie. Ich glaube, dass Fotografie am besten in einem Magazin oder in einem Buch aufgehoben ist, deshalb ist es meine Plattform. Ansonsten wäre ich Kurator in einer Galerie. Ich glaube an Magazine, besonders an Modemagazine. Sie sind momentan die interessantesten Publikationen für Fotografie. Man muss sich nur Baron, Dis oder Arena Homme + anschauen. Sie bieten momentan die interessanteste Plattform für Fotografie. Magazine sind viel aufregender und zeitgenössischer. Ich habe mir auch viele Schwulenmagazine angeschaut. Ich habe wieder in BUTT, Beefcake oder Straight to Hell gestöbert. Diese Magazine waren so gut darin, homoerotische Bilder mit einem Augenzwinkern zu machen. Abgesehen von Playgirl und einigen feministischen Publikationen gibt es nicht wirklich viele, die sich aus anderen Blickwinkeln der nackten männlichen Form nähern. Wir hatten das Gefühl, dass es da eine Lücke gibt und das Magazin ist unsere Antwort. 
Ché Zara Blomfield: Ich lese kaum Magazine. Ich war anfangs gegen Baroness, weil ich das Gefühl hatte, dass wir eine Aufteilung schaffen, die wir durch Baron längst zurückgelassen hatten. Derselbe Grund, warum wir auch nach Geschlechtern getrennte Toiletten überwinden müssen. Später habe ich mich überreden lassen. Baroness ist mehr oder weniger die vierte Ausgabe von Baron, thematisch orientiert es sich aber am weiblichen Blick. Bei der Arbeit an der Ausgabe haben wir festgestellt, wie komplex es ist, den weiblichen Blick vor allem visuell zu präsentieren.

Foto: Harley Weir

Von der Idee bis zum gedruckten Magazin: Wie lange hat der Prozess gedauert? Was hat euch inspiriert?
MH: Das hat eine Weile gedauert, ungefähr ein Jahr. Es sind zehn Fotostrecken herausgekürzt worden, weil sie denen aus den oben genannten Magazinen zu sehr ähneln. Es hat auch seine Weile gedauert, bis wir unsere eigene Stimme gefunden haben. Der Plan war anfangs, dass es den Female Gaze und männliche Aktfotografie gehen soll. Das hat sich im Prozess verändert. Es geht um verschiedene Blickwinkel und ihr Verhältnis zur männlichen Aktfotografie. Manchmal fehlt daher das männliche Aktbild. Wir haben das Magazin auch insgesamt sechs Mal neugestaltet. Anfangs wollten wir, dass es wie ein Marian-Keyes-Buch aussieht, aber die Bilder sind dafür zu krass. Wir haben auch den Art Director ausgetauscht und stattdessen mit Bill Sullivan von S U N Editions gearbeitet.
CZB: Ewig. Wir haben mitten im Prozess die Hälfte der Inhalte weggekürzt und den Art Director ausgetauscht, wie Matthew schon gesagt hat. Fotografie ist nicht mein Gebiet. Es war so komplex, die Visuals so hinzubekommen, dass sie unserem Konzept und unseren Zielen entsprechen. Auch wenn es das Interview nicht in die Ausgabe geschafft hat, haben mich die Gespräche mit Ella Plevin über Cortical Homunculus, eine Art Mappe des Körpers im Hirn, inspiriert. Der Female Gaze, wenn es so etwas überhaupt gibt, scheint diskreter und mehr nach innen gerichtet zu sein. Der Cortical Homunculus ist dafür eine Art Metapher. 

Foto und Kunst: Federico Radaelli und Sarah Baker

Ist Baroness auch ein Kommentar über den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft?
MH:
Auf jeden Fall. Ich glaube, dass es in Zeitschriften nicht genügend Schwänze zu sehen gibt. Das ist einfach unfair. Viele der Fotos kann man als einen Kommentar verstehen. Edith Bergfors und ich habe einen Mann mit zwei Penissen fotografiert. Wir hatten über diesen Typen aus den USA gelesen, der zwei Penisse hat. Er wollte nicht mitmachen, also haben wir moderne Technologie eingesetzt, um den Look mit einem bereitwilligen Model zu erreichen. In unserem Shoot war er dann der ultimative Mann: der Mann mit zwei großen Penissen. Wir haben ihn aus dem Blick seiner Ehefrau fotografiert. Edith spielte die voyeuristische Ehefrau, die ihren Mann fotografiert. Zusammen mit der Fotografin Eloise Parry habe ich einen lustigen Shoot umgesetzt, bei dem es um die Angst der Heteromänner vor den Schubladen „feminin" oder „zu schwul" geht. Wir haben dafür Heteromänner gecastet—einige hatten hängende Männerbrüste—und sie in trashige Unterwäsche gesteckt. Der Shoot war sehr sexy! Eines der Models hat Eloise angemacht und ihr seinen Schwanz gezeigt. Der war riesig und er hatte rötliches Schamhaar. Eloise hat ihn Ginger Pig getauft und ihre Kamera rangehalten.
CZB: Anastasios Logothetis' Arbeiten bilden eine Ausnahme. Als heterosexueller Mann objektiviert er sich selbst, um das Verhältnis zwischen Sexualität und Feminismus zu erkunden—einen Standpunkt, den nicht viele einnehmen. Sein Betrag für Baroness heißt „Every Animal is a Female Artist" („Jedes Tier ist eine Künstlerin), der Austellungstitel von Rosemarie Trockel. Die deutsche Künstlerin vertritt den Standpunkt, dass die Art und Weise, wie eine Gesellschaft seine Tiere behandelt, etwas über ihren Zivilisationsgrad aussagt. Logothetis teilt seinen nackten Körper in berühmte Performance-Art-Kunstwerke, in denen Tiere vorkommen, ein. Trockels Titel war auch eine Anspielung auf Joseph Beuys' „Jeder Mensch ist ein Künstler". Für mich ist Antoinette Fernandez' Kurzgeschichte Schrägstrich Liebesbrief ein Kommentar, weil er sehr bitchy und offenherzig mit Stereotypen umgeht und direkt das weibliche Verlangen anspricht.

Kunst: Anastasios Logothetis

Warum war es für euch wichtig, dass Baron ein weibliches Gegenstück bekommt?
MH: Anfangs fand ich die Idee nicht so prickelnd. Ich liebe Magazine wie BUTT. Ich hatte das Gefühl, dass es schwierig werden würde, nackte Männer darzustellen, ohne dabei homoerotisch zu wirken. Die Meinung hat sich bei mir dann während der Recherche relativ schnell verändert. Die Idee fühlte sich einfach neu und aufregend an. Außerdem gefiel es mir, an einem Charakter mit dem Namen Baroness zu arbeiten. Die Baroness basiert lose auf einem Charakter aus einem Jackie-Collins-Buch, die einen hohen Männerverschleiß hat, und auf meiner besten Freundin, die Schwulen liebt und sie „meine Jungs" nennte. Sie ist über 1,80 groß und ein Man-Eater.
CZB: Ich glaube, dass Experimentieren wichtig ist, weil ich im Entstehungsprozess verstanden habe—jedenfalls glaube ich das—, warum es so wenige Magazine gibt, die sich an ein weibliches Publikum richten. Durch die Arbeit am Magazin wurde einmal mehr bewiesen, dass Frauen eher kopfgesteuert sind. Wir brauchen weniger explizite Bilder. Baron wollte nie sexy sein. Es ging immer um das Austesten davon, was im Verhältnis von Pornografie und Kunst als provokativ gilt und was nicht.

Glaubt ihr, dass das Magazin schon vor zehn Jahren hätte existieren können?
MH: Die Magazinwelt vor zehn Jahren war sehr männerorientiert. Viele der Fotografen hatte ihre Midlife-Crisis. Überall gab es Brüste zu sehen. Deshalb glaube ich, dass es gut reingepasst hätte. Auch die 90er wären eine großartige Zeit für das Magazin gewesen. Es fand so eine Art Frauenrevolution statt: das Phänomen der Ladettes, Samantha in Sex and the City und die Verbreitung von Sextoys.
CZB: Zu den Vorgängerpublikationen könnte auch Drugs Are Nice von Lisa Crystal Carver und das Rollerderby Magazine sowie Vague Paper, Matthews vorheriges Magazinprojekt, gezählt werden. Wir haben uns über Vague Paper kennengelernt. Baroness hat schon vorher existiert, nur in anderer Form. Heutzutage ist Nacktheit aber kein Nischenthema mehr, sondern wird sehr schnell zum Mainstream. 

Foto: Gosha Rubchinskiy

Der Mainstream scheint sich noch nicht sicher zu sein, wie er mit Nacktheit und Sexualität umgehen soll. Einerseits kann Kim Kardashian nackt auf dem Cover von GQ erscheinen, andererseits wird ein Calvin-Klein-Bild von Klara Kristin zensiert. Wie denkt ihr darüber?
MH: Ich glaube, dass die unterschiedlichen Reaktionen vor allem mit Fotografie zu tun haben. In den meisten Kontexten ist die Interpretation die individuelle Angelegenheit des einzelnen Betrachters. In den meisten Fällen gibt es keine übergeordnete Narrative. Fotos können sehr vielfältig in ihrer Bedeutung sein, außer das Foto ist sehr einfach zu entschlüsseln. Ein Bild von Kim auf dem Cover von GQ ist meistens ein sehr einfaches Foto. Man weiß, dass es sich um Kim Kardashian handelt; dass sie Spaß daran hat, nackt fotografiert zu werden und dass es das Cover von GQ ist. Das Calvin-Klein-Foto war überladen mit verschiedenen Bedeutungsebenen. Es ging darum, Geschlechtergrenzen zu überwinden. Es war eben nicht nur eine einfache Werbeanzeige. Und das macht den Leuten Angst, weil die Leute selbst entscheiden müssen, was das Foto bedeutet— gerade was seine gesellschaftspolitische Komponente angeht. Wenn Harley Weir eine Besprechung des Fotos mitgeliefert hätte, dann bin ich mir sicher, dass es nicht für so viel Diskussionen gesorgt hätte.
CZB: Ja, genau. Die Kim Kardashian, die wir kennen, ist sexy, auch wenn ich da wiedersprechen würde. Das ist Blitzlichtfotografie. Wir kennen den Kontext und der ist langweilig und bekannt. Das Foto von Klara Kristin ist dagegen verträumt und persönlich. Vielleicht berührt es die Leute sogar. Einer der Gründe, wieso wir Baron gegründet haben, war, weil wir dachten, dass Mode sowieso Pornografie sei. Wir waren überrascht davon, dass keine Anzeigen gebucht wurden, weil wir „zu provokativ" waren, sogar für Unterwäscheunternehmen. Es kommt immer auf den Kontext an.

Wie weit sind wir beim Thema weibliche Sexualität eurer Meinung nach gekommen?
MH: Das Konzept Weibliche Sexualität hat viele problematische Implikationen. Es gibt eine ganze Sammlung von Schimpfwörtern zu weiblicher Sexualität. Ich habe das Gefühl, dass es für viele Frauen aufgrund vorherrschender Vorstellungen von Frausein und Geschlechterrollen schwierig ist, ihre Sexualität auszuleben. Aber da verändert sich gerade viel, eben durch Magazine wie Baroness, Fotografinnen wie Harley Weir und verstärkte Aufklärung. An den Unis werden jetzt Bücher wie A Cyborg Manifesto gelesen.

CZB: Es kann aufgrund von gesellschaftlichen Konstrukten, weiblicher Rivalität und der eigenen Bequemlichkeit schwierig sein, seine Sexualität auszuleben. Kommentare und das Sexualleben von Gleichaltrigen (hauptsächlich das Rumgepose für Instagram) haben mich auch beeinflusst. Ich habe mich einfach gefragt, was die Selbstausbeutung der eigenen Sexualität und des eigenen Sexuallebens für Auswirkungen hat. Ich fühle mich nicht dabei wohl, es öffentlich auszuleben. Dass ich mich frage, ob ich etwas verpasse, wenn ich mich nicht selbst zum Objekt mache, ist zwar traurig, aber leider ein Fakt. Ich glaube, dass keine Person das Gefühl haben sollte, etwas zu tun, was sie nicht möchte.

Foto: Charlotte Wales 

Wie habt ihr so bekannte Leute zur Mitarbeit bewegt?
CZB: Indem wir sie gefragt haben.
MH: Es haben nicht alle mitgemacht. Ich wollte gerne, dass Marilyn Manson mitmacht. Wir wollten ihn mit einer Fake-Vagina fotografieren, aber er hat abgesagt. Wir wollten außerdem Andrew Richardson, das hat auch nicht geklappt. Mit anderen haben wir schon mal zusammengearbeitet, wie Harley Weir und Neil Drabble.

Könnt ihr uns schon etwas über die zweite Ausgabe verraten? Worauf dürfen wir uns freuen?
MH: Die zweite Ausgabe von Baroness wird ein Buch, so ähnlich wie wir das mit Tyrone Lebon gemacht haben: groß, hart und gebunden.
CZB: Hoffentlich mehr maskuline Sexualität aus vielen weiblichen Blickwinkeln. Mich interessiert es einfach, noch mehr zu diesem Thema zu machen. Wir haben erst an der Oberfläche gekratzt und ich denke immer noch daran.

Was gibt es noch interessantes für die Leser?
MH:
The Baroness wird es bald auch als Musiklabel geben. Wir haben zusammen mit Victoria Smith am Debütsong gearbeitet. Sie war Schlagzeugerin für Jamie T und M.I.A. Wir halten euch über i-D auf dem Laufenden.
CZB: Wusstet ihr, dass mal geglaubt wurde, dass das Gehirn im Zwerchfell liegt? Wir arbeiten auch an einem Dildo-Shop. Ich möchte Künstler beauftragen, dass sie für uns Dildos, Strap-ons und andere schöne Objekte entwerfen und herstellen.

Du kannst Baroness hier kaufen.

Credits


Text: Lynette Nylander 
Fotos: Baroness Magazine