Health Goth. Um was geht es da eigentlich?

Health Goth wird wie Normcore, Sea Punk und Vaporwave Mainstream. i-D über die neueste Netz-Subkultur und wie sie auf die Straße kommt.

von Tish Weinstock
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13 November 2014, 10:10am

Bis vor Kurzem war Health Goth nur eine Facebook-Seite, die vor über einem Jahr von den drei Freunden, dem Videokünstler Chris Cantino sowie Mike Grabarek und Jeremy Scott (Anm.: nicht der Designer) von Magic Fades aus Portland ins Leben gerufen wurde. Auf ihrer Facebook-Seite posten die Jungs jeden Tag Bilder von schwarzer und weißer Sportswear, Netzkunst, bionische Glieder, Anzeigen von Markensportartikelherstellern, Meerjungfrauen in Ganzkörperlatexkostümen, kurz gesagt die ganze Riege aus dem Film I, Robot

Ihre Seite wurde schnell zum Mekka für alle, die sich für Sportswear begeistern, deren Lieblingsfarbe schwarz ist, die eher subkulturell unterwegs sind, aber auch total auf Mainstream-Marken und Konsumgesellschaft stehen. Es ist die Person, die Alexander Wang für seine H&M-Kollektion im Kopf hatte; die mit dem britischen Designer Nasir Mazhar befreundet ist; und die Person, mit der der amerikanische Designer Rick Owens gerne ausgeht.

Aber nach ein paar irrigen Berichten in Mainstream-Magazinen, in denen Promis wie Kylie Jenner und Jessie J als die neuesten Health-Goth-Gesichter bejubelt wurden, sowie der Konkurrenz-Seite von einem Kerl namens Johnny Love AKA Deathface, der Health-Goth-T-Shirts verkauft hat, sah sich Health Goth mit Vorwürfen konfrontiert, dass sie sich und die Bewegung verkaufen würden. i-D sprach mit Chris, Mike und Jeremy über Health Goth, Sportswear und die Vorwürfe. Wir finden, dass die Anschuldigungen falscher nicht sein könnten.

Das Offensichtliche mal beiseite, was ist Health Goth genau und wann habt ihr angefangen, euch dafür zu interessieren?

Es kombiniert Dinge, für die wir uns interessieren wie Sportswear, die Fetischisierung von Kleidung und Reinheit, Body-Enhancement-Technologien, geschaffene Umgebungen und dystopische Werbung. Die Idee kam mir, als ich dem CGI-Material von Fitnessstudios eine dunklere Note verpasst hatte. Es hat alles ungefähr um Juli 2013 angefangen, als ich darüber mit Freunden gewitzelt habe und Facebookeinträge geteilt habe. Allerdings stand nie die Absicht dahinter, dass es sich zu etwas entwickeln sollw.

Was steckt hinter der Idee, die subkulturellen Welten von Goth und Cyberpunk mit der Mainstream-Welt des Sports zusammenzubringen? 

Wir sind von Netzkunst besessen und uns fasziniert der Aufstieg von Transhumanismus. Wir möchten Kunst schaffen, die sich auf die Evolution bezieht und das mit Subkulturellen verknüpfen, Dinge wie Bio-Enhancement-Technologie, Anti-Aging-Medikamente und wie das alles dem Streben nach Perfektion dient. Wir sind vielen futuristischen Fantasien gegenüber sehr aufgeschlossen, aber letztlich haben wir alle unsere eigenen Ängste und Zweifel. Deshalb mögen wir es, die Ränder von transzendentalen Dingen verschwimmen zu lassen und thematisieren Tabus gerade so, dass sie zu Diskussionen anregen.. 

Hat euch Goth schon immer interessiert?

Wir waren nie nur an einer Sache interessiert. Wir lieben Goths und Goth-Sachen, aber nicht jeden Aspekt. Keiner von uns ist Purist und keiner von uns hat irgendein Interesse an Retro.

Was fasziniert euch an der dunkleren Seite von Sportswear-Werbung?

Es ist nicht zwangsläufig, dass es uns fasziniert, aber in vielerlei Hinsicht war es der Startpunkt, das heißt wir haben Dinge in diesen Anzeigen gesehen, die die Unternehmen und andere nicht erkannt haben. Sie bieten eine Menge Inspiration und versuchen etwas hervorzuheben, was vorher unauffällig war, indem es in einen neuen Kontext gepackt wird.

Woher kommt euer Interesse an Sport/gesunder Lebensweise?

Für uns geht es mehr um ganzkörperliche und mentale Gesundheit als um den Sport an sich. Wir wollen Leute dazu animieren, dass sie ihre eigenen freakigen Seiten, die normalerweise unterdrückt sind, annehmen. Wir sind außerdem sehr interessiert an ultra-reinen, künstlichen Umgebungen, Selbstachtung und allgemeine Fröhlichkeit. Es ist egal, ob man das nun durch Sport oder durch einen abgefahrenen Fetisch erreicht.

Was hat eure Version von Health Goth mit den 10 Geboten von Johnny Deathface zu tun?

Wir haben nichts mit dieser Seite zu tun. Er hat gesagt, dass er das nur gemacht hat, um uns Nerds zu nerven. Aber offensichtlich braucht er die Aufmerksamkeit und versucht schnell Geld zu machen, indem er blöde T-Shirts verkauft. Wir stimmen mit keinem Gebot überein und seine Darstellung von Health Goth ist soweit wie möglich von Health Goth entfernt, wie es nur geht.

Gibt es eine Health-Goth-Szene oder einen Ort außerhalb des Internets, wo sie sich treffen kann?

Es gibt unzählige Leute da draußen, die die gleichen Ansichten haben, aber die müssen sich nicht zwangsläufig als Health Goth identifizieren oder so in Erscheinung treten. Es gibt Clubs in London, New York, L.A. oder hier in Portland, in denen du Leute findest, die es in ihren persönlichen Style integriert haben. Aber alles kommt von Designern und Streetwear-Bewegungen vor uns. Wer also bestimmte Trends in der Musik oder Netzkunst seit Längerem verfolgt, erkennt viele der Modeelemente wieder. Ich denke nicht, dass sich irgendwer davon als Health Goth bezeichnen würde. Ich würde es ganz bestimmt nicht. Wir lehnen die Idee ab, dass es sich dabei um die Wahl eines Lebensstils handelt. Es ist eine Ästhetik. Du kannst dir aber gerne die Dinge heraussuchen, die dich inspirieren.

Gibt es einen bestimmen Health-Goth-Sound?

Wir haben Health Goth nicht mit einem speziellen Sound verbunden, weil wir andere Ästhetiken erlebt haben, die an Relevanz verloren haben, als sich der Soundtrack aufgehört hat weiterzuentwickeln. Es gibt dennoch einen dystopischen Clubsound, der mit Labels wie Liminal Sounds, PAN, Her Records etc. und Künstlern wie u.a. Drippin, DJ New Jersey Drone, Sudanim, M.E.S.H. verbunden ist.

Haben Bewegungen wie Seapunk und andere Netzkunst eure Ästhetik beeinflusst?

Total. Wir sind mit vielen Gründern und Anführern von Bewegungen wie Vaporwave und Seapunk befreundet und wir sind in einem ständigen Austausch. Ganz offensichtlich verdanken wir dem Umfeld, in dem sie arbeiten, viel und wir sind begeisterte Unterstützer von Künstlern wie u.a. Kim Laughton, Gergo Kovacs, Chris Isbert bei der Aesthetics Groups, Jan-Peter Gieseking. Ihre Arbeiten machen uns sprachlos und inspirieren uns.

Ihr habt in einem früheren Interview über Akzelerationismus gesprochen. Was ist es für euch und wie passt es zu Health Goth?

In der akzelerationistischen Ästhetik geht es darum, wie Subkulturen in unserer kapitalistischen Gesellschaft entstehen können und wie sie dagegen destruktiv vorgehen können, nämlich indem Subkulturen die visuellen Elemente der kapitalistischen Ordnung verwenden und sich aneignen. Manchmal denken Leute, dass wir Werbung für Marken auf unserer Seite zu machen, aber sie gehören zu dem Medium, mit dem wir arbeiten.

Was hofft ihr mit der Health-Goth-Bewegung erreichen zu können?

Wir versuchen nicht, irgendwas zu erreichen. Wir möchten weiterhin Bilder posten, die für uns relevant sind und darauf achten, was wir machen.

Wie würdet ihr euch fühlen, wenn Health Goth Mainstream gehen würde? Und was würdet ihr euren Kritikern dann sagen?

Wir glauben, dass viele Elemente, mit denen sich die Szene identifiziert, bereits Mainstream sind, wenn auch an den Außenrändern. Sie verbinden sich mit Teilen, die bereits DNA ihrer Persönlichkeit, ihres Lebensstils oder ihrer künstlerischen Interessen sind. Aber wenn es darum geht, ob wir uns verkaufen würden oder nicht, dann kannst du sicher sein, dass es keine Klamotten, Events oder Werbung von der Marke „Health Goth" geben wird, ausgenommen natürlich Johnnys Kleidung, die er ohne unser Einverständnis verkauft. Es wäre so absurd wie offizielle Seapunk- oder Normcore-Kampagnen, weil sie sich selber zerstören würden. Wir sind Künstler und ästhetische Junkies. Jede Arbeit, für die wir als Kreative oder Designer angeheuert werden, ist eine persönliche Angelegenheit und spricht nicht für die Tausenden, die sich der Bewegung angeschlossen haben und angeeignet haben. Wir lieben sie zu sehr, als dass wir sie zu einer Handelsware machen und sie so vor den Kopf stoßen könnten.

facebook.com/healthgoth

kimlaughton.com

janpetergieseking.de

Credits


Text: Tish Weinstock
Foto: Barbara Anastacio

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