unser exklusives interview, shoot und video mt justin bieber: das teenie-idol ist erwachsen geworden

Viel wurde in letzter Zeit über Justin Bieber berichtet, vor allem über seine Eskapaden. Der Teenie-Star navigierte sich durch die Strickfallen des Erwachsenwerdens, inklusive erster Liebe mit anschließend gebrochenem Herzen, und hätte sich dabei als...

von Paul Flynn
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11 November 2015, 5:35pm

Irgendwann an einem lauen Sommerabend in Los Angeles ging Justin Bieber alleine ins Kino. „Ich war auf dieser Party", sagt der Sänger und fasst sich nachdenklich an sein Kinn, als ob er Platz auf der Couch eines Psychotherapeuten nehmen würde. „Wir haben Poker gespielt und es war einfach verrückt. Ich dachte mir nur ‚Ich muss hier weg'. Gleich um die Ecke wurde Straight Outta Compton im Kino gezeigt, also bin ich da hin und habe mir den Film angeschaut."

Die Ticketverkäuferin wurde fast ohnmächtig, als sie merkte, wer da vor ihr stand. „Ich glaube, sie war ein bisschen nervös." Justin Bieber war dann nicht nur mit der Entscheidung, die Party rechtzeitig zu verlassen, sondern auch mit der Filmauswahl mehr als zufrieden. „Der Film war so gut", schwärmt der Teeniestar.

Die wahren Begebenheiten hinter dem Film scheinen ihn nicht losgelassen zu haben. N.W.A.'s Geschichte ist zwar nicht ganz vergleichbar mit den Kontroversen um die Hits des jungen Popstars, aber die Kernaussage, dass naive Jungs aus einfachen Verhältnissen von charismatischen Produzenten manipuliert werden, hat einen wunden Punkt bei ihm getroffen. „So funktioniert die Musikindustrie wirklich", erklärt er. Die große Frage ist jetzt, ob sein erstes Erwachsenen-Pop-Album zu seinem persönlichen Dr. Dre-Moment wird oder nicht; ob er seine Erfolge, die er in seiner Kernzielgruppe erreichte, bei einem größeren Publikum wiederholen kann und noch erfolgreicher wird.

Genauso wie Beyoncé, hat er im Alter von 13 Jahren seinen ersten Plattenvertrag bei einem Major-Label unterschrieben. Der Anfang vom Ende seiner Laufbahn in einem Schulsystem, mit dem er - und Beyoncé genauso - nichts anfangen konnte. Jedes Jahr zu Weihnachten fährt er ins heimatliche Stratford, in der kanadischen Provinz Ontario: „Ich habe noch nie ein Weihnachtsfest zu Hause verpasst, auch wenn es noch so verrückt in meinem Leben zuging". Schon früh wusste der Musiker, dass das Kleinstadtleben nichts für ihn ist. „An sich ist der Ort echt dope. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich das Leben dort groß vermisse, weil ich da nicht hingehöre. Jeder macht jeden Tag dasselbe; geht in dieselbe Bar und trifft dieselben Menschen. Ich ticke nicht so. Meine Kreativität braucht einfach Abwechslung."

Ich treffe Justin Bieber im Vorzimmer einer der Suiten im obersten Stockwerk des Londoner Dorchester Hotels. Eigentlich bekannt für seine jugendlichen Eskapaden, ist der Kanadier am Anfang unseres Interviews äußerst höflich und bemüht sich sehr, den verzogenen Ruf, der ihm vorauseilt, zu entkräften. Nach einer Weile legt er das Getue ab und findet ins Gespräch, ohne dass er sich ständig dafür entschuldigt, der Herzensbrecher eines Disney-Stars zu sein; in Amsterdam beim Kiffen erwischt worden zu sein; mit Orlando Bloom in ein Handgemenge geraten zu sein; am deutschen Zoll gescheitert zu sein oder für die unzähligen Victoria's Secret-Models, mit denen er intim geworden sein soll. Er wirkt zierlich, seine blondierten Haare sind über die Stirn gestylt und er hat ein hübsches Gesicht, in dem sich die Hoffnungen und Träume seiner Generation widerspiegeln.

Der Popsänger wurde im März 21 Jahre alt und wird im Laufe unseres Interviews noch oft sein öffentliches Erwachsenwerden thematisieren. Während der ganzen Zeit, in der aus dem kanadischen Sänger eine Jugend-Megamarke wurde, war er stets gut aufgehoben und befand er sich in guten Händen. Dafür sorgte nicht zuletzt sein Manager Scooter Braun, der den Tanker Justin Bieber auch durch stürmische Zeiten hin durch steuerte. Drei Wochen nach unserem Gespräch werden Bilder vom nackten Biebs auf Bora Bora auftauchten, aufgrund derer das Internet für einen halben Tag lang kein anderes Thema als seine Penisgröße kannte. Wir wollen nicht wissen, welche Gespräche die zwei dann wohl führten. Die Geschichte der beiden reicht lange zurück und Scooter Braun weiß, wie viel Freiraum er seinem berühmten Schützling geben muss, so dass es immer wieder zu sich selber findet. 

Trotz seiner sechsjährigen Karriere und des weltweit bekannten Namens, hat Justin Bieber erstaunlicherweise erst jetzt seine erste Nummer eins in den amerikanischen Billboard-Charts gelandet. Die Beziehung zwischen Scooter und Justin ist genauso eng wie die zwischen Quincy und Michael oder Timberlake und Timbaland. „Ich nehme nicht oft die Dienste meines Managers in Anspruch", sagt Justin Bieber dazu und überlegt dann. „Das habe ich getan, als ich durch diese schwierige Phase in meinem Leben ging. Er nahm die verrücktesten Sachen auf sich und hat es so verpackt, dass es weniger schlimm aussah, als es tatsächlich war. Das war die Realität. Ich habe Leute verletzt und befand mich an einem dunklen Ort."

Er wurde zum Mann.

„Wir haben in unserer Jugend alle schlechte Entscheidungen getroffen und dumme Fehler gemacht."

Ist das dumm oder einfach nur menschlich?

„Ja, ich verstehe schon."

Man könnte sich das ewig vorwerfen und sich damit selbst fertig machen.

„Das tue ich nicht mehr. Ich verbuche die Zeit jetzt unter lehrreicher Erfahrung."

Sein cleveres Management kaufte ihm Zeit. „Scooter gehört zu den gescheitesten Menschen, die ich kenne", sagt Justin. „Er denkt sehr strategisch, ist immer hellwach, überlegt sich mehr Dinge, die wir tun oder erreichen können, und er motiviert mich. Als Künstler willst du immer chillen. Ich habe genug Geld verdient und möchte einfach nur chillen. Aber Scooter findet immer wieder Wege, um mich zu motivieren und dass ich mich auf neue Dinge freue."

Wenn Justin Bieber auch im Erwachsenenmarkt Erfolg haben will, muss er ganz anderen Anforderungen gerecht werden. Wer mit den Großen spielen will, muss sich unter Kontrolle haben und Verantwortung für seine Taten übernehmen - das scheint der 21-Jährige zu verstehen. „Die Wahrheit ist doch, dass wir alle Menschen sind und Menschen machen Fehler. Wir lernen aus unseren Fehlern und manchmal müssen wir eben den steinigen Weg gehen. Das hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich behandle andere Menschen jetzt als Menschen." Der Wandel vom Jungen zum Mann schlug sich auch musikalisch nieder, seine Gesangsstimme ist jetzt eine angenehme Tonlage tiefer. Als cleverer Geschäftsmann lässt sich der Sänger nie eine potentielle, neue Zielgruppe entgehen. „Ich glaube, dass sich jetzt mehr Leute mit mir identifizieren können. Als ich noch diese kindliche Stimme hatte, war das schwieriger. Typen hören jetzt meine Musik und finden sie gut."

Justin Bieber wurde zu einer Symbolfigur der neuen Mode-Ära, die Vetements liebt und Hood By Air trägt. Das ist aber kein kitschiger, ironisch gemeinter Flirt zwischen Mode und Popmusik. Er ist ein echter Musiker, der gut aussieht und diese Saison eine Silhouette verkörpert, die sich nahtlos in die Health-Goth-Looks einreiht. Er verfügt über genug Style, aus einem pechschwarzen Kapuzenpullover, Denim-Jeans und eine Hi-Top einen Look zu kreieren, der aussieht, als ob er in mehreren Schichten Rick Owens gehüllt ist und man keinen Anfang und kein Ende des Outfits ausmachen kann. 

Dieses Jahr lieferte er mit dem Song Where Are Ü Now?, der in Zusammenarbeit mit den Produzenten Skrillex und Diplo entstand, den Soundtrack zur Hood By Air-Show. Mit What Do You Mean? landete er seine erste Nummer eins in Amerika - ein guter Popsong mit Pocahonta-Vibes, der an Michael Jacksons Wanna Be Startin Something mit seinen Wechseln aus Ups und Downs, aus Highs und Lows erinnert. Where Are Ü Now? bescherte ihm seinen ersten Artikel in der New York Times. Solche Features wird es zukünftig wohl noch mehr geben, wenn er sich erst einmal an eine erwachsenere Sprache gewöhnt hat, die angemessener für diese neuen Zielgruppen ist. Seine Erwachsenen-Pop-Platte wurde von Kanye West und Rick Rubin produziert und wird eine klare Botschaft enthalten: Jeder ist zur Party eingeladen. Wie seine unmittelbaren Vorgängerinnen Miley und Taylor, so ist auch Justin Bieber nur eine positive Kritik auf Pitchfork davon entfernt, bevor ihn die Intelligenzia einer wohlwollenden Neubewertung unterzieht.

Er stammt aus keiner berühmten Familie. Es gab keinen in Stratford, der den Ehrgeiz des jungen Bieber hätte kanalisieren können. Als Kind war er von Tupac Shakur und Eminem besessen, deren Texte er immer noch aus dem Effeff rappen kann. Im Alter von acht Jahren färbte er sich für vier Jahre lang jeden Sommer seine kurzen Haare weißblond. „Während der Fußballsaison. Das wurde zur Routine. Ein paar meiner Freunde haben es auch gemacht, weil sie sich dachten ‚Slim Shady hat das gemacht, also können wir das auch jetzt'. Ich kann dir ein Bild zeigen. [Er sucht nach dem Bild] Schau dir das an: Ich als Kind mit blondierten Haaren. Es ist komisch, sich selbst zu googeln."

Um zu beweisen, wie weit ihn sein musikalisches Talent gebracht hat, erzählt er mir einen Insiderwitz zwischen ihm und seinem Vater über seine Verpflichtung als Gesicht der diesjährigen Calvin-Klein-Kampagne - neben Lara Stone. „Ich erzähle dir eine kurze Geschichte", sagt er und setzt sich gerade hin. „Als mein Vater jünger war, ging er in Bars, zog sein Oberteil aus und sagte, dass er ein Calvin-Klein-Model sei. Jetzt kann er gar nicht fassen, dass ich tatsächlich eins bin. Mein Dad hatte damals einen Adoniskörper."

Ähnlich wie Rod Stewart in den 70ern, Duran Duran in den 80ern, Harry und Zayn von 1D oder die Ausnahmeerscheinungen Ed Sheeran und Calvin Haris, ist sich Justin Bieber über den Wert seiner Marke im vollen Bewusstsein. „Alleine schon in Mark Wahlbergs Fußstapfen zu stehen, ist krank, weil er einfach eine Legende ist. Und jetzt bin ich auch noch das Gesicht von Calvins?", fragt er rhetorisch und übergeht geschickt Travis Flimmel und Jamie Dornan. „Das hätte ich niemals für möglich gehalten." Wenn er diszipliniert genug sei, dann hätte er in zwei Wochen die Figur wie in der Werbung, so Justin Bieber.

Der Baby-Sänger ist sich mittlerweile im Klaren darüber, wie naiv er am Anfang seiner Karriere war. „Es gibt so viele, die es nicht schaffen", sagt er über andere Teeniestars. Die ersten Meetings fanden hungrig und ohne, dass er viel Ahnung gehabt hätte, statt. „Es gibt so viele Leute, die einem sagen, was man tun soll, wo man unterschreiben soll. Sie sagen einem, dass alles OK sein wird und dass man sich keine Sorgen zu machen braucht. Man ist jung und denkt sich nur ‚Ich vertraue euch. Ihr seid nett zu mir und ihr lächelt. Ich glaube, ihr seid die Guten.' Man kennt nur ihre anderen Absichten nicht."

Die Popmusik ist eine launische Geliebte. Am einen Tag ist Harry Styles der Robbie Williams von 1D und der Liebling aller. Ein cleveres Trennungsmänover von Zayn Malik später und er ist Mark Owen. „Als Popstar gibt es viele Leute, die einen auf ihre Art und Weise kontrollieren wollen. Wenn ich zurückschaue, dann frage ich mich schon, wieso ich der Meinung dieser Personen überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt habe. Die wissen gar nicht, was ich tue." Letztlich wisse nur eine Person, wie sich Justin Bieber verhalten soll und wie eine Justin Bieber-Platte klingen soll, und das sei er, so der Teeniestar.

2015 ist ein besonderes Jahr für Justin. „Die Leute interessieren sich wirklich für mein Mann-Werden", sagt er mir. „Es war hart, weil ich kämpfen musste. Ich musste dafür einstehen, woran ich glaube, auch wenn mir gesagt wurde, dass sie mein Projekt stoppen werden. Ich habe lieber keinen Erfolg, als dass ich mir das wegnehmen lasse. Ich habe so lange und so unnachgiebig dafür gekämpft, dass ich das machen kann, was ich will. Entweder so oder gar nicht, ihr lasst es mich auf meine Art machen oder überhaupt nicht."

Justins öffentliches Erwachsenwerden fiel mit dem Ende seiner ersten ernsthaften Beziehung mit der früheren Disney-Schauspielerin und -Sängerin Selena Gomez zusammen. Vielleicht war es zu früh. „Ja, das glaube ich. Ich habe so viel von mir preisgegeben, weil ich so distanziert zu allen anderen war. Die Welt liegt einem zu Füßen, aber sie kennen mein Innerstes nicht - sie kennen mich nicht. Als ich dann diese Liebe fand, wollte ich sie nicht loslassen. Ich habe alles dafür getan und Liebe kennt keine Grenzen. Man denkt nur die ganze Zeit daran, wie gut es sich anfühlt."

Wie bei so vielen männlichen Jugendlichen vor ihm auch, erwischte ihn die erste Liebe heftig. „Es war wie Magie", sagt er. „Es gibt nichts Vergleichbares. Ich konnte damit nicht abschließen. Je komplizierter es wurde, desto mehr habe ich daran festgehalten. So wurde es zu einer On-and-Off-Beziehung." Gut für die Klatschmagazine, nicht so toll, wenn man selbst in der Situation steckt. „Wir haben daran gearbeitet, was für eine Beziehung wir haben wollen, wie wir beide dabei trotzdem wir selbst bleiben können und wer wir sind - und das unter den Augen der Öffentlichkeit, die unsere Beziehung bewertet hat. Das hat mir auch zugesetzt." Für einen Popstar, der zu einer global erfolgreichen Jugendmarke geworden ist, der sich gerne selbst googelt und noch dazu eine empfindsame Seele ist, bedeutet der mediale Rummel noch mehr Schwierigkeiten. „Man stellt Treue und all diese elementaren Sachen infrage. Ständig ist man unterwegs und unterwegs gibt es halt schöne Frauen. Da sind Probleme vorprogrammiert."

Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Trennung von Justin und Selena interviewte ich eine Reihe von Justins gleichaltrigen Freunden - die ähnlich markenbewussten weiblichen Gegenstücke: Kendall Jenner, Gigi Hadid und Hailey Baldwin. Als ich in diesen Interviews auf Justin Bieber zu sprechen kam, wurde schnell klar, dass alle eine besondere, schwesterliche Zuneigung für ihn empfinden. „Sie sind die süßesten Girls und haben die größten Herzen", sagt er mir dazu. „Ihnen bedeute ich so viel, wie sie mir bedeuten. Wenn die Leute etwas Böses über sie sagen, dann verteidige ich sie. Wenn mir das passiert, sind sie auf meiner Seite." Hailey Baldwin prophezeite mir damals, dass sich Justin größer und besser als jemals zuvor zurückmelden würde. „Ist Hailey nicht die Beste?", kommentiert Justin die Episode.

Diese aufstrebenden jungen Stars kommen aus berühmten Familien der Reality-TV-Ära, die wenig Grund für eine Trennung zwischen ihren kommerziell verwertbaren, öffentlichen Figuren und ihren Privatleben sehen. Gab es in seiner unmittelbaren Umgebung Vorbilder, die ihm Orientierung boten und zu denen er aufschauen konnte? „Das hat geholfen. Aber ich wusste die ganze Zeit, dass ich nicht weg vom Fenster sein würde. Ich wusste, dass ich meine Karriere nicht aufgeben wollte und habe mir immer wieder gesagt, dass ich es wieder schaffen werde. Und das verdanke ich den Leuten, die mich bei dem unterstützten, was ich tue."

Scooter Braun gab seinem berühmtesten Schützling den nötigen Freiraum, den er zum Erwachsenwerden brauchte. „Ich weiß einfach zu sehr, wer ich bin, um mir von anderen sagen zu lassen, was ich tun soll. Das wurde dann unschön, weil es mit Auseinandersetzungen verbunden war. Der Mensch ist nicht für Streit gemacht, sondern um zu lieben. Aber ich war unglücklich, weil ich mich nicht zoffen wollte. Also habe ich meinen Schmerz mit anderen Sachen betäubt."

Er habe viel über sich selbst gelernt, während er high gewesen sei, so Justin Bieber. „Natürlich, man findet heraus, wer man sein möchte und wer nicht. Man hat all diese Fragen und fängt an, sich diese Fragen selbst zu beantworten." Sein Manager sollte sich wieder einmal als äußerst nützlich in Biebers früher Pot-Phase herausstellen. „Vor allem geht es doch um Wahrnehmung. Es gibt Leute, die Kiffen nicht gut finden. Wenn die es nicht gut finden, dann möchte ich nicht, dass sich diese Leute unwohl fühlen. Ich hänge es deshalb nicht an die große Glocke. Du wirst mich nie kiffend in der Öffentlichkeit sehen. Das bin ich nicht. Das ist etwas, was ich privat tue. Ich möchte nicht, dass das die Welt sieht - nicht so wie bei Snoop Dogg ‚Ah der Typ, der viel Gras raucht'. Das wurde fast zu seiner Identität. Meine Identität soll nur daraus bestehen, wer ich wirklich bin und was ich durch meine Musik ausdrücke."

Es war ein Praktikant im Beverly-Hills-Büro von Scooter Braun, der die Idee zum Comedy Central-Roast Anfang dieses Jahres hatte. „Ursprünglich war ich nicht so sehr davon überzeugt" sagt Justin Bieber über die Fernsehsendung und er sieht immer noch nicht hundertprozentig glücklich damit aus. „Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr setzte sich die Einsicht durch, dass ich keine Angst davor habe, über mich selbst zu lachen." Die Sendung glich einem Geniestreich. Damit wurde nicht nur signalisiert, dass Justin Bieber seine dunklen Zeiten hinter sich gelassen hat und über sich selbst lachen kann, sondern er teilte sich die Bühne mit bekannten Gesichtern der US-Prominenz: Will Ferrell, Shaquille O'Neal, Martha Stewart, Kevin Hart und Snoop Dogg. Alle zogen Bieber einmal durch den Kakao, gleichzeitig halfen sie ihm stillschweigend.

Justin Bieber musste zwar in den sauren Apfel beißen, aber der Lohn für seine Mühen sollte nicht lange auf sich warten lassen. „Natürlich hat es am Anfang wehgetan". Aber er ertrug es mit Fassung in einem blauen Anzug mit einer schwarzen Krawatte, das Haar nach hinten gegelt - wie ein jugendlicher Straftäter vor seinem Bewährungsrichter. „Das war eine coole Art und Weise, damit die Leute begreifen, dass ich über diese Phase hinweg bin und sie der Vergangenheit angehört. Lasst uns darüber gemeinsam lachen und die Sache vergessen." Der Kanadier ist gläubig und sieht in allem Gott. Die Buße tat gut. 

Sobald die Entertainmentbranche einen in ihren Kreis aufgenommen hat, ist die Musikelite nicht weit entfernt. So hat er bereits mit Drake und Nicki Minaj zusammengearbeitet und er kann relativ gut einschätzen, wer mit ihm zu tun haben will und wer nicht. „Ich kann Leute sehr gut einschätzen und ich würde niemanden fragen, von dem ich weiß, dass er nicht mit mir kooperieren will. Normalerweise stehen sie mir aufgeschlossen gegenüber." Als er mit Skrillex und Diplo an Where Are Ü Now? gearbeitet hat, wurde er von einer höheren Macht geleitet. „Ich erkenne in dem Song Gott. Ich hätte mir keinen besseren Neustart vorstellen können. So wie sich alles entwickelt hat, das war definitiv Gottes Werk. Man weiß nie, wann man einen Hit landet."

Schon früh in seiner Karriere traf er auf den Produzenten Diplo. „Als ich an meinem ersten Album gearbeitet habe. Das war alles ein bisschen zu erwachsen und der Sound hat nicht zu dem gepasst, was ich damals gemacht habe." Vor drei Jahren fing er mit den Arbeiten zur neuen Platte an. „Ich war eine andere Person und meine Musik hat das widergespiegelt. Wenn du in einer schwierigen Phase deines Lebens steckst, dann singst du über düstere Dinge. Ich weiß noch nicht, ob ich das jemals veröffentlicht werde, vielleicht später. Mein Comeback soll aber ein Zeichen der Hoffnung aussenden", so Justin Bieber.

Die Sessions zum neuen Album begannen Anfang dieses Jahr in der Villa von Rick Rubin in Malibu mit einer Liveband. Das Rubin-Material wurde größtenteils wieder verworfen, aber die anderthalb Wochen persönliche Entspannungsübung mit dem Guru sollten sich als wertvoll erweisen. „Wir haben viel meditiert. Wir haben zusammen gebetet und uns schnell gut verstanden." Die Songs, die seitdem entstanden, wurden Rick zur Abnahme und Midas für den letzten Feinschliff geschickt. „Rick schafft es, dass sich Leute in seiner Gegenwart ernst genommen fühlen, das macht ihn besonders. Daran arbeite ich momentan selbst: Ich möchte, dass sich die Leute in meinem Umfeld ernst genommen fühlen. Das ist schon schwierig, weil es so viele Menschen gibt, die immer etwas von mir wollen. Aber ich werde besser darin." Er wisse jetzt, dass es Leute gibt, die nur wegen des Geldes da sind: „Es kann nicht nur darum gehen, ob man seine Prozente bekommt oder nicht."

Kanye Wests Beteiligung hat die letzten Zweifel am neuen Album beseitigt. „Kanye ist der Beste, er redet einfach so lange. Und was er sagt, ist so dope. Auch wenn es sich verrückt anhört, aber ich weiß, wie er sich fühlt, denn er rückt alles in eine andere Perspektive", sagt der 21-Jährige. „Dass er seinen Segen gab, hat mich ins Grübeln gebracht und ich habe mich dann mit dem Projekt wohlgefühlt." Einen Tag nach diesem Interview wird Justin Bieber nach Griechenland fliegen, wo für ihn extra ein Musikstudio mit Meeresblick aufgebaut wurde, damit er dem Album seinen persönlichen Feinschliff geben kann. „Ich glaube, dass die Platte in fünf Tagen fertig sein wird."

War der Affe ein Fehler? „Der Affe war ein Geschenk eines Freundes", antwortet der Popstar. In der Welt von Justin Bieber macht ein Affe als Geschenk Sinn. Das meinte er also vorhin, als er sagte, dass er nicht für die Kleinstadt gemacht ist.

„Das war für mich nichts Ungewöhnliches. Und natürlich haben sich die Leute gefragt, wieso ich einen Affen habe. Aber wenn man die Möglichkeit hat, wieso sollte man sich dann keinen Affen zu legen?"

Er schaut mich mit einem Blick an, der sagen will ‚Hast du noch nie von Marcel aus Friends oder Bubbles von Michael Jackson gehört?' Sympathischer könnte er gerade nicht wirken.

„Komm schon. Betrachten wir es nicht als diese schräge Sache, denn es ist doch ziemlich cool, einen Affen zu haben!"

Hören wir auf, Justin Bieber als dieses komische Etwas zu betrachten und fangen wir an, ihn ernst zu nehmen.

„Als ich den Affen dann hatte, wollte ich ihn überall hin mitnehmen. Ich habe keinen Schritt ohne ihn getan. Dann kam Deutschland. Dort sagte man mir am Flughafen, dass ich nicht die richtigen Unterlagen dabei habe. Ich dachte aber, dass ich alle notwendigen Unterlagen dabei hätte. Anscheinend war dem nicht so und sie haben mir den Affen weggenommen. Mir ist klar geworden, wieso Michael [Jackson] Affen gemocht hat. Einen Affen zu haben, geht absolut klar. Vielleicht besorge ich mir einen neuen." Wo ist der Affe jetzt? „Der Affe lebt jetzt zusammen mit anderen Affen in einem deutschen Zoo und sie kümmern sich um ihn. Es geht ihm gut."

@justinbieber

Lies hier unser Interview mit Adele.

Credits


Text: Paul Flynn
Fotos: Alasdair McLellan
Grooming: Florido Basallo at 901 Salon verwendete Tarte Cosmetics
Fotoassistenz: Lex Kembery, Matthew Healy, Simon Mackinlay
Produktion: Nina Qayyum at Art Partner
Nachbearbeitung: Output