die marokkanische jugend von heute

Der junge Fotograf Hicham Gardaf nimmt uns mit auf eine intime Reise durch seine Heimatstadt Tanger.

von Micha Barban Dangerfield
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08 Januar 2016, 12:10pm

Wenn man Hicham Gardafs Fotos anschaut, fühlt man sich plötzlich entspannt und es scheint so, als würde die Welt still stehen. Während alles um ihn herum ein ständiges Gewusel ist, das geschäftige Treiben in den Cafés von Tangers, die Spaziergänge an den Stränden der Stadt und die neuen Entwicklungen in den Vorstädten, macht der junge Marokkaner Bilder, die einen Augenblick der Stille festhalten, ein Moment des Innehaltens. Der Fotograf stellt uns sein Tanger vor, dabei fängt er die intimen Momente seiner Heimatstadt und deren Bewohner ein, ohne dabei exhibitionistisch oder voyeuristisch zu sein. Die Fotos sind subtil und feinfühlig. Er zeigt seine Stadt, aber er führt sie nicht vor. Er dokumentiert sie, ohne sie zu verurteilen.

Wenn seine Arbeiten manchmal in den Bereich des romantisch Melancholischen abdriften, dann liegt es daran, dass der 26-jährige Fotograf einen Zeitpunkt in der Entwicklung seiner Heimatstadt festhalten will. Er möchte ein Gedächtnis für die Ursprünge der marokkanischen Metropole schaffen, während immer neue und größere Entwicklungsgebiete aus dem Boden schießen. Hicham Gardafs Fotos sind Liebeserklärungen an Tanger. Wir trafen den Fotografen und sprachen mit ihm über Analogfotografie, seine Inspirationen und den Wandel in der marokkanischen Gesellschaft.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Das geht zurück auf die Zeit, die ich in einem Buchladen in Tanger gearbeitet habe. Ich habe dort Bildbände entdeckt. Das war der Auslöser. Ich wollte derjenige hinter der Kamera werden und fing an, draußen in den Straßen Fotos zu machen. Bald bekam ich Probleme mit Passanten und den Behörden. Die Leute sehen nicht oft, dass ein Marokkaner Fotos macht. Dadurch habe ich gelernt, deren Reaktionen mit einzukalkulieren. Danach wurde es etwas ruhiger und ich hörte auf mit dem Fotografieren, weil keiner hier in Tanger daran interessiert war. Dann lud mich die Gallery 127 in Marseille zu einer Diskussion über zeitgenössische Fotografie in Marokko ein. So fing es dann wieder an.

Wieso fotografierst du gerne analog?
Das ist purer Zufall. Ich startete mit einer Digitalkamera, die ging aber sehr schnell kaputt. Ich hatte nicht genug Geld, um eine andere zu kaufen. Also fing ich an, analog zu schießen. Das veränderte meine Fotografie, machte sie langsamer und nachdenklicher. Ich lernte es die Vorfreude zu schätzen, wenn man auf seine Bilder warten muss, weil sie erst entwickelt werden müssen. Es gibt so viele nicht greifbare Dinge, die erst durch Analogfotografie möglich werden, die man digital nie bekommen würde. Die Farben, die durch Analogfotografie entstehen, gefielen mir besser, sie schienen irgendwie realer zu sein.

Wie ist das Leben als junger Fotograf im heutigen Marokko?
Die Fotografenszene in Marokko ist noch sehr jung. Als ich 2010 anfing, kannte ich keine anderen Fotografen in meinem Alter, aber die Dinge haben sich durch das Internet geändert. Ich habe online viele Dinge entdeckt und gelernt. Es inspiriert mich. Dasselbe gilt für die marokkanische Jugend als solches.

Du fotografierst Orte und Leute, die du kennst. Zwischen dir als Fotograf und deinen Motiven besteht eine innige und liebevolle Beziehung.
Als ich mit dem Fotografieren anfing, hatte ich eine genaue Vorstellung davon, was es heißt, Fotograf zu sein: Für mich ist ein Fotograf draußen unterwegs, er ist Reporter oder vielleicht ein Held. Mein Traum war es, nach Russland oder Amerika zu gehen, dort zu fotografieren und mit den Bildern zurückzukommen. Fotograf zu sein, bedeutete für mich, Entdecker zu sein. Dafür hatte ich aber nicht das Geld, also hatte ich keine andere Wahl, als in Tanger zu arbeiten. So wurde die Stadt zu meinem einzigen Motiv. Ich fotografierte meine Familie, meine Nachbarschaft und die Cafés in der Nähe meiner Wohnung. Das brauchte Zeit und ich musste das Vertrauen der Leute gewinnen, um Bilder zu machen. Es ist schwierig, die Außenseiterperspektive einzunehmen, wenn du das Bekannte erkundest. Ich musste mich zwingen, die Dinge anders zu sehen. Aber so konnte ich Dinge sehen, die ich vorher nicht sah.

Man hat das Gefühl, dass das zu deiner Art der Fotografie wurde.
Ja, absolut. Jetzt fühle ich mich ein wenig freier, weil ich ein bisschen Geld habe, um zu reisen. Ich verbringe weniger Zeit damit, mit den Leuten zu reden. Ich bin solange an einem Ort, um schließlich mit dem Hintergrund zu verschmelzen. Mein Ansatz hat sich verändert, aber die Motive sind immer noch dieselben. Ich fange Momente, die ich interessant finde, ein und versuche, mich dabei von meinen Instinkten leiten zu lassen.

Es gibt zwei Bildreihen, über die ich gerne mit dir reden würde. Die eine heißt Tangier Diaries und Cafes, eine ist schwarz-weiß und die zweite in Farbe. Wieso?
Beide Reihen sind durch Herumexperimentieren entstanden, ich habe mich einfach auf die Dinge um mich herum konzentriert. Die Entscheidung für Schwarz-weiß beruht einfach auf der Tatsache, dass es nur einen Laden gab, wo ich in Tanger meine Filme entwickeln lassen konnte und die keine Farbe entwickeln. Aber der Laden musste schließen, weil es nicht genug Kunden gab. Um meine Filme entwickeln zu lassen, musste ich sie dann nach Frankreich schicken. Deshalb fing ich an, in Farbe zu fotografieren. Mich haben die Lichtverhältnisse und die Farben in den Cafés angezogen. Ich musste das einfach alles einfangen. 

Was gefällt dir an den Cafés in Tanger?
Ihre Ästhetik, aber auch das Menschliche an ihnen. Die verschiedenen Communitys, die man ihn ihnen findet. Um das einzufangen, musste ich die Leute näher kennenlernen, damit sie mir erlauben, dass ich Bilder von ihnen machen kann. Außerdem wollte ich die filmische Atmosphäre dieser Orte einfange, diese Cafés verfügen über eine enorme theatralische Qualität. Manchmal fühlt es sich an, als ob die Cafés die Bühne sind und jeder hat dort seine Rolle. Es gibt eine starke Verbindung zwischen den Leuten, die sich dort treffen, und dem Ort.

Ein Bild aus deiner Tangier Diaries-Reihe ist besonders stark: Das Porträt eines jungen Mannes in schwarz-weiß, auf dessen Gesicht sich Schatten von Blumen abbilden.
Als ich mit dem Fotografieren anfing, kamen Leute aus meiner Nachbarschaft auf mich zu und fragten mich, ob ich sie fotografieren könnte. Dieser junge Mann gehört zu meinen Kindheitsfreunden. Er wollte, dass ich Bilder von ihm mache. Das Shoot fand auf meiner Terrasse statt. Lustig war, dass er nicht verstehen konnte, wieso es auf der Rückseite meiner Kamera keinen Bildschirm gab, um die Aufnahmen gleich zu sehen.

Deine Ausstellung in der Gallery 127 hieß Extimacy. Was bedeutet dir das?
Das spiegelt mein Wunsch wider, etwas Intimes einzufangen, ohne dabei exhibitionistisch oder voyeuristisch zu sein.

Deine Bilder vermitteln etwas sehr Intimes, gleichzeitig führst du die Dinge oder Leute darin aber nicht vor. Sie sind sehr schlicht und authentisch.
Ich habe viel Zeit damit verbracht, die Leute und die verschiedenen Orte kennenzulernen, die ich fotografiert habe. Ich sitze viel in den Cafés von Tanger. Ich muss mit dem Hintergrund verschmelzen, die Leute müssen das Gefühl haben, dass ich verschwinde, damit ich sie fotografieren kann. Stück für Stück vergessen sie, dass ich da bin. So werde ich Teil des Ortes. Dasselbe gilt eins zu eins für draußen. Ich werde langsam Teil der Straße, während um mich herum das Geschehen weitergeht. Wir tendieren dazu, Straßenfotografie als schnell zu empfinden. Aber ich für meinen Teil nehme mir gerne Zeit und habe ein Stativ dabei. Mit einem Stativ bleibt mein Apparat ruhig und es wackelt nicht. Die Leute vergessen meine Kamera, sie steht im Gegensatz zum Treiben auf der Straße. Ich sitze hinter der Kamera, ich versuche, mich nicht zu bewegen und die Leute vergessen mich dann auch.

Durch deine Bilder schlägst du eine Brücke zwischen der Vergangenheit und Zukunft deiner Stadt. Dokumentierst du diese Entwicklung bewusst?
Mein neuestes Projekt setzt sich mit der urbanen Veränderung innerhalb der Stadt auseinander. Ich fotografiere Baustellen. Davon gibt es in Tanger viele und die Veränderung der Stadt ist überall sichtbar. Abgesehen von der sichtbaren Stadtentwicklung gibt es auch eine weitere Dimension, die wir nicht sehen können, die ideologische und kulturelle Transformation, die damit einhergeht. Ich möchte all die Widersprüche und paradoxen Erscheinungen, die durch diese Veränderungen sichtbar werden - der Zusammenprall von Moderne und Tradition und die Neudefinition der Identitäten -, festhalten. Ich möchte die sichtbare und mentale Metamorphose meiner Stadt dokumentieren.

hichamgardaf.com

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Credits


Text: Micha Barban-Dangerfield
Fotos: Hicham Gardaf

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