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craig green: alles ist möglich

Craig Green hat die Modewelt gerührt, Preise gewonnen und zählt die größten Popstars zu seinen Fans. Das vielversprechende Talent beweist Kollektion um Kollektion, dass die Modewelt ihm zu Recht zu Fußen liegt.

von Steve Salter
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15 Juni 2015, 2:35pm

Craig hat für unser Treffen einen ruhigen Ort in der Sonne vor seinem Studio in Hackney ausgewählt. Studenten, Designer und bekannte Gesichter kommen heraus, um zu rauchen, Craig fühlt sich hier offensichtlich wohl und wird den ganzen Nachmittag hinweg lächeln. Das Studio im London College of Fashion ist eine ganz andere Welt als sein zweites Studio in Bethnal Green - die weitläufigen Räume gemeinsamer Kreativität -, wo wir uns das letzte Mal getroffen haben. „Wir haben zwei, weil wir Veränderung nicht mögen", sagt er. „Das Tolle an diesem ist die schiere Anzahl an Nähmaschinen und Klassenzimmer, die wir nutzen können. Das chaotische Künstlerstudio gegen das Musterschnittstudio". Dieser Mix beschreibt den Designer ganz gut: Er personifiziert die Kollision zwischen Kunst und Mode. Fünf Saisons später und er hat nichts von seiner Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit, Freiheit und Kreativität verloren, mit der er uns von Anfang an in seinen Bahn zog. 

„Die letzten beiden Saisons stellten einen ziemlich dramatischen Sprung dar", sagt er. „Zumindest in meinem Kopf, da wir uns wirklich zu einem Business entwickelt haben". Rückblickend teilt Craig seine Kollektionen in Kapitel ein, jedes eine Reaktion auf das vorherige. „Als wir an Spring / Summer 15 gearbeitet haben, hat es sich richtig angefühlt. Aber ich hatte Sorge, dass die Leute nach der ganzen Verrücktheit und den beklemmenden Emotionen vorheriger Kollektionen von der Schlichtheit enttäuscht sein werden". Sein Solodebüt hat das Londoner Publikum zu Tränen gerührt. Die Anwesenden hatten gerade erlebt, dass der Designer etwas über alle Vorstellungskraft entworfen hat und für viele - so auch für mich - war es eine überwältigende Erfahrung. „Es war eine emotionale Zeit. Der Tod von Louise [Wilson, die ehemalige Leiterin des Masterstudiums am Central Saint Martins] lag noch nicht weit zurück, es war Sommer und es lief Enya", erklärt er ruhig. Autumn / Winter 15 rührte uns nicht zu Tränen, aber er hatte uns verführt. Eine behutsame Weiterentwicklung, die die Erzählung subtil gedreht hat und uns näher an seine Uniform herangeführt hat.

„Die Kollektion fühlt sich einfacher, weniger brutal und unschuldiger an", verrät er uns backstage. „Aber es gibt ein dunkleres Element. Es ist bedeckt. Die schützenden Bänder sind festgezurrt statt lose." Das war das nächste Kapitel, die nächste Emotion. „Wir hatten eine komplett andere Herangehensweise als im Vergleich zur vorherigen Saison. Wir haben alles immer weiter reduziert und fanden eine Balance zwischen Bewegung und Struktur", fügt er hinzu. Craig Greens Kult aus barfüßigen Träumern schien den Laufsteg zu schwemmen. Ein freudiges Spiel zwischen Einengung und Befreiung, diese Kollektion aus verrückter Workwear rollte über uns wie eine reinigende Flut. Craig tanzt, schwelgt und begeistert sich an Dualität. Sein Team aus Mitarbeitern verwischt nicht einfach nur die Grenzen oder führt Gegensätze ein, sondern sie geben kreativen Kollisionen eine majestätische Form. „Ich war schon immer besessen von Communitys, Subkulturen und Kulten. Ich glaube einfach, dass ich nicht gerne alleine bin", gesteht er. „In den Studios herrscht eine familiäre Atmosphäre. Letztendlich sind wir Freunde, die einfach gerne Dinge herstellen. Wir lachen jeden Tag und das kann nicht jeder von seinem Job behaupten", sagt er. Von verflossenen Boyfriends über Privatpartys bis zum gemeinsamen Studium, ganz unterschiedliche Beweggründe haben das Craig Green-Kollektiv zusammengebracht. „Craig Green ist mein Label, aber nicht ich".

Was treibt ihn also an? „Ich liebe es einfach, Dinge herzustellen. Ich habe es schon immer geliebt", sagt er. „Mein Traum war es, in einem Buch zu landen. Denn wäre es nicht toll, wenn später jemand in eine Bibliothek gehen kann und durch meine Arbeiten inspiriert wird?". In einer Industrie, die von Luftküsschen und Instagram-Likes lebt, steht Craig für das erfrischend Konkrete, für das Echte und für die Arbeiten. „Manchmal hat man das Gefühl, dass es einige Leute in der Industrie gibt, die es mehr für das tun, was es bedeutet, und nicht dafür, was es ist - also mehr Zweck als Mittel." Im Zeitalter des Promi-Designers bleibt Craig bei den Mitteln und er fühlt sich in seiner Welt am wohlsten - eine Welt, die sich um Kunst und Mode dreht.

„Das klingt übel, aber vor meinem Modestudium wusste ich nicht, dass i-D oder andere Modemagazine existieren. Ich habe immer nur Kerrang! gekauft. Ich war der typische Vorort-Junge, der im Park getrunken hat." Seine Ehrlichkeit ist erfrischend. Craig Green ist echt. Er ist in einer Familie von Handwerkern im Nordwesten Londons aufgewachsen. Er wollte Bildhauer oder Maler werden und stolperte zufällig über Mode. „Ich wusste nicht mal, was Central Saint Martins war", sagt er und auf seinem Gesicht zeichnet sich ab, dass es ihm peinlich ist. „Ich habe mein Abitur gemacht und hatte diese romantische Idee, in Schottland zu sein und Kunst in Edinburgh zu studieren, aber dann hat mir ein Freund befohlen, mich am CSM zu bewerben. Es gab kein Googlen. Ich ging einfach zum Tag der offenen Tür. Das ist alles zufällig passiert", beichtet er. Ein Verlust für Edinburgh, aber für London und letztlich die Modewelt ein unermesslicher Gewinn. „Sie versuchten damals, Leute vom Modestudium abzuschrecken, weil es zu viele gab. Also musste ich Mode studieren." Wir als Modeindustrie sollten dieser jugendlichen Auflehnung dankbar sein, denn Craig hätte sich für jede andere kreative Disziplin bewerben können und dort sein Talent in Dienst stellen können. Also wie behandelt ihn die Modewelt? „Ich liebe die Geschwindigkeit und den Wettbewerb der Mode, aber es gibt auch weniger schöne Züge. In der Kunst geht es langsamer zu, es herrscht ein Gefühl der Ewigkeit vor. Was mich an der Kunst jetzt so anzieht, ist, dass es einem erlaubt, in etwas mehr Zeit zu investieren. Wir haben eine Balance zwischen Kunst und Mode gefunden."

„Der Kult um Craig wird bald explodieren", schrieb Tim Blanks in seiner Kritik für Style.com über Craigs Spring/Summer-15-Show. Früher verhöhnten ihn die Illustrierten auf der Titelseite als untragbar, mittlerweile ist er zu einem Designer geworden, der am sichtbarsten ist. „Es ist aufregend, wenn jemand, den man kennt, deine Kleidung trägt, aber was noch aufregender ist, wenn ein Fremder deine Kleidung trägt. Du weißt nichts über diese Person, aber ihr gehört ein Teil von dir." Trotz seines Desinteresses an der Promiwelt, dürfte ihn sicherlich freuen, dass FKA Twigs in seinen Sachen das Publikum auf Festivals gefangen nimmt. „Sie ist ein Mädchen, das meine Sachen trägt; es ist Teil der Story", sagt er geschmeichelt. Die Rufe der Industrie nach mehr Kollektionen werden immer lauter, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass Craig diese ignoriert. Er entwickelt sich in seinem eigenen Tempo weiter. Interessiert ihn Womenswear? „Natürlich. Das ist eine ständige Diskussion. Aber es muss zur richtigen Zeit passieren", sagt er. „Viele Frauen tragen jetzt die Menswear und wir haben das so nicht erwartet. Es ist toll, dass sich Kleidungsstücke übersetzen lassen. Einige Stücke sehen von Frauen getragen vielleicht besser aus. Sicherlich können sie die Sachen einfacher tragen, weil die Teile für Männer als zu riskant gesehen werden", fasst er abschließend wieder mit einem Lächeln zusammen. Die Welt liegt ihm zu Fußen, alles ist möglich, aber eines ist klar: Craig Green wird uns auch weiterhin mit seinem Handwerk und seinem Lächeln verzaubern.

@craig_green_uk

Credits


Text: Steve Salter 
Fotos: Alasdair McLellan
Fashion Director: Alastair McKimm
Haare: Anthony Turner at Art Partner
Make-up: Lynsey Alexander at Streeters London 
Nägel: Jenny Longworth at CLM verwendete Chanel S2015 und Body Excellence 
Fotoassistenz: Lex Kembery, James Robjant, Matthew Healy
Stylingassistenz: Katelyn Gray, Lauren Davis, Ianthe Wright, Bojana Kozarevic
Haarassistenz: David Hardorow
Make-up-Assistenz: Camila Fernandez
Executive Producer (nicht am Set): Lucy Johnson
Producer: Lucie Newbegin at 10-4
Produktionsassistenz: Laure Liyombo, Harry Burner, Lyndon Ogbourne 
Besonderen Dank an Jen Ramey
Nachbearbeitung: Output Ltd. 
Model: Daria Werbowy at IMG
Daria trägt Craig Green. Schuhe: Stylist's own.