Dieser Fotograf schmiert Pärchen mit Gleitgel ein, steckt sie in einen Plastiksack und vakuumiert sie

Für seine neueste Fotoserie "Flesh Love Returns“ hat Haruhiko Kawaguchi, aka Hal, die Pärchen an Orten fotografiert, die ihnen wichtig sind. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen und zeigen euch die besten Fotos aus seiner letzten Serie.

von Zio Baritaux; Fotos von Hal
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Dez. 8 2016, 1:00pm

Fotoshootings mit dem japanischen Fotografen Haruhiko Kawaguchi, besser bekannt als Hal, laufen eher ungewöhnlich ab. Er bittet Pärchen zuerst, sich auszuziehen, um sie mit Gleitgel einzuschmieren. Dann wird es noch schräger: Das Pärchen muss sich ganz eng in einem Plastiksack aneinanderschmiegen und er pumpt mit einer Vakuum-Presse die Luft aus dem Sack. Das ist kein Fetisch, sondern seine Art Romanik auszudrücken. "Liebe ist die wichtigste Sache auf der Welt", so Hal. In seiner Serie Flesh Love verschmelzt er Fotografierten zu einer Einheit. Die Plastiksäcke oder "vakuumversiegelte Päckchen der Liebe", wie er sie nennt, sind einfach Mittel, um Verbundenheit zu visualisieren.


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Hal hat für die Serie ungefähr 400 Pärchen fotografiert und hat die entstandenen Fotos 2015 in einem Bildband veröffentlicht. Eigentlich dachte man, dass das Projekt abgeschlossen sei, aber jetzt hat er die Idee mit Flesh Love Returns neu belebt. Statt die Pärchen einfach nur nackt vor einem einfarbigen Hintergrund zu fotografieren, hat er sie dieses Mal an den Orten fotografiert, die für ihre Beziehung wichtig sind (wie ein Restaurant, die Badewanne, Hotelzimmer oder eine Straße voll mit Kirschblüten). "Ich werde auf Ausstellungen manchmal gefragt, wer die Models sind", erklärt Hal. "Ich wollte ihre Persönlichkeiten ohne Text beschreiben." Jedes Foto ist eine Liebesgeschichte, die Hal mit seiner einzigartigen Bildsprache umsetzt. "Ich hoffe, dass ich eines Tages meine Liebe finde", sagt er im Interview, "und ich möchte uns auch in einem vakuumverschlossenen Sack fotografieren." Wir wollten mehr wissen und haben dem Fotografen ein paar Fragen gestellt.

Wie und wann hast du deine Leidenschaft für Fotografie entdeckt?
Während des Studiums wollte ich unbedingt verschiedene Leute aus unterschiedlichen Kulturen aus der ganzen Welt kennenlernen. Ich habe Japan verlassen, sobald ich die Chance dazu hatte, bin gereist, vor allem in den Mittleren Osten und nach Indien. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich leidenschaftlich gerne fotografiere. Mit der Kamera habe ich meine Schüchternheit überwunden, weil ich so meine begrenzten Sprachkenntnisse überwinden konnte. Ich konnte so mit den Leuten kommunizieren, die ich getroffen habe.

Warum sind Liebe und Intimität wichtige Themen in deinen Arbeiten?
Liebe ist das Wichtigste der Welt. Um die Macht von Liebe zu zeigen, habe ich Pärchen fotografiert. Männer und Frauen finden sich gegenseitig anziehend und werden eins. Dieses Grundbedürfnis beeinflusst alles auf der Welt. Ich frage mich, warum wir es uns so schwer machen, eins zu werden. Wir sind möglicherweise von Anfang an eins. Und weil ich eben daran glaube, möchte ich mit Pärchen die Macht der Liebe visuell darstellen. Je geringer die Distanz zwischen ihnen ist, desto stärker ist diese Macht. Laut dem Gravitationsgesetz ist die Anziehung zwischen zwei Objekten stärken, je näher sie sich kommen. Dass sie miteinander verschmelzen zeigt ihre Stärke. Mit der Vakuumverpackung zeige ich diese Zugehörigkeit.

Für den neuen Teil in der Serie fotografierst du Pärchen in ihren Wohnungen, Büros und andere Orte, die für sie viel bedeuten. Warum dieser Wandel? Wird die Arbeit dadurch noch intimer?
Ich fotografiere Pärchen an einem Ort, der ihre Persönlichkeit ausdrückt. Das kann die gemeinsame Wohnung, ihr Lieblingsrestaurant oder der Ort, an dem sie sich das erste Mal getroffen haben, sein. Es muss nur ein Ort sein, der ihnen etwas bedeutet. In Flesh Love lag der Fokus auf den Körpern. In Flesh Love Returns geht es um den Körper im Zusammenspiel mit dem Hintergrund.

Wie hast du die Pärchen gefunden? Ist es schwer, dafür Freiwillige zu finden?
Ich bin die ganze Zeit auf der Suche nach Pärchen, die bereit dafür sind. Ein paar davon habe ich über die sozialen Netzwerke gefunden, andere habe ich in Bars oder Clubs angesprochen. Einige haben mich auch einfach per E-Mail angeschrieben. Das Interesse ist bei den meisten schon nach dem ersten Kontakt da und fast alle lassen sich dann auch fotografieren.

Was macht ein Pärchen für dich interessant?
Für mich liegt der Reiz, Pärchen zu fotografieren, in dem Grad, wie sehr sie miteinander verschmelzen. Wenn ich das Pärchen draußen fotografiere, werden sie schüchterner vor der Kamera sein. Aber wenn sie sich wirklich lieben, sieht man das. Wie sehr sie miteinander verschmelzen, desto tiefer ihre Liebe. Als ich ein Pärchen in einem Hotel fotografiert habe, habe ich eine interessante goldene Badewanne gesehen. Natürlich musste sie ein Teil des Fotos werden. Es entstehen interessante Visuals, wenn man zwei Leute auf so engen Raum zeigt. Die Badezimmer in den Wohnungen und Häusern in Tokio sind klein und sie eignen sich deswegen perfekt für meine Shootings, weil sie die Lebenswirklichkeit hier zeigen. Das Projekt habe ich Couple Jam genannt. Nachdem ich das Buch veröffentlicht hatte, wollte sich mehr Pärchen in ihrem Alltag zeigen. Dann habe ich dieses Vakuumsystem für Bettzeug gefunden. Zwei Liebende rücken enger und enger zusammen, bis sie eins geworden sind. Es gibt doch nichts Friedliches als ein vakuumiertes Pärchen zu sehen, das sich liebt. Vakuum ist dabei nur Mittel zum Zweck: das wichtige daran ist die Verbundenheit.

Erzähle uns mehr über die Pärchen für Flesh Love Returns. Gibt es eine interessante Geschichte?
Ein Pärchen ist extra aus Deutschland nach Tokio geflogen, um mitzumachen. Sie haben sich die ersten Tage die Sehenswürdigkeiten in Tokio angesehen, um die beste Location für den Shoot zu finden. Am Ende habe ich sie in ihrem Hotelzimmer fotografiert. Das war der für sie am besten geeignetste Ort.

Siehst du sich selbst als hoffnungslosen Romantiker?
Ja, ich bin typisch japanisch, was das angeht.