"Family Portrait" erkundet die Beziehung zwischen einem Bodybuilder und seiner Tochter

Fotografin Aneta Bartos durchforstet ihre Erinnerungen und stellt sie auf eine düster-verträumte Art und Weise nach.

von Zio Baritaux
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22 Januar 2018, 2:32pm

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der US-Redaktion.

"Es ist eine Sammlung von Erinnerungen, die die unterschiedlichen Ebenen unserer Vater-Tochter-Beziehung untersucht. Dabei enthüllt Family Portrait die Komplexität durch surrealistische Gegenüberstellungen, Symbole und viel Humor", erklärt Aneta. "Dass ich selbst auch auf den Bildern auftauche, erschien mir ganz natürlich." Ihre nachgestellten Erinnerungen rufen ein Gefühl der idyllischer Zeitlosigkeit hervor, gehen teilweise aber auch ins Seltsame über: Auf einigen der Bilder trägt Aneta beispielsweise nur Dessous (oder noch weniger), und das vor ihrem Vater. Diese Unbefangenheit spiegelt ihre Kindheit auf ehrliche Weise wider, wie sie im nachfolgenden Interview erklärt. "Erinnerungen prägen uns sehr stark", sagt Aneta, die als 16-Jährige mit ihrer Mutter aus Polen nach New York gezogen ist. "Die Bilder sind wie ein verblasster Traum, eine entfernte Wirklichkeit, die sich immer wieder verändert. Diese Erinnerungen nachzustellen und sie in Fotos zu verwandeln, dient mir als Tor, durch das ich mich durch die Zeit bewegen und auf mein Leben zurückblicken kann."


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Sie wirken seltsam und verführerisch zugleich; unschuldig und irgendwie auch beunruhigend. Auf einem der Fotos hängt Aneta an einem Baumzweig, während ihr Vater daneben steht. Auf einem anderen hebt sie mitten im Wald ihren Rock hoch, während ihr Vater seinen Bizeps anspannt. Family Portrait ist die Fortsetzung von Annas Projekt, Dad, für das sie ihren Vater aus der Perspektive ihrer Kindheit fotografiert hat. Auf diesen Bildern ist er alleine zu sehen, und wird als "starker, heldenhafter Riese" dargestellt. In Family Portrait hingegen ist Aneta stets an seiner Seite. Wir wollten mehr über diese bizarre Beziehung zu ihrem Vater erfahren und haben sie zum Interview gebeten.

A

Wo bist du aufgewachsen?
In einer kleinen Stadt in Polen, die von Wäldern, Seen, Wiesen und wunderschönem Ackerland umgeben war. Obwohl meine Eltern nie besonders viel Geld hatten, kam mir meine Kindheit wie eine endlose, unbeschwerte Zeit in einer magischen Welt vor. In diesen frühen Jahren hat meine ganze Familie in einem kleinen Zimmer im alten Haus meiner Oma gewohnt. Meine frühen Teenager-Jahre waren voller Abenteuer und neuer Entdeckungen. Ich habe viel Zeit draußen in der Natur verbracht, Sport gemacht, getanzt, über Jungs gesprochen und auf dem Dachboden heimlich Zigaretten geraucht.

Wie ist es zu deiner Dad-Serie gekommen?
Die Idee, meinen Vater zu fotografieren, stammt ursprünglich von ihm selbst. Mit 68 hat er mich darum gebeten, ein paar Porträts von ihm in Speedos zu machen. Er hat seit jeher an Bodybuilding-Wettbewerben teilgenommen und wollte seinen Körper auf schöne und künstlerische Weise verewigen lassen, bevor der unausweichliche Alterungsprozess seinen Tribut fordern würde. Diese Form der Fitness ist schon immer seine Leidenschaft gewesen, hat ihm Freude und Kraft gegeben – und die Genugtuung, dass er das Männlichkeitsideal des antiken Griechenlands erreicht hatte, wie er es zu sagen pflegt. Nach seiner Bitte dauerte es nicht lange, bis mir klar wurde, dass er das perfekte Motiv für mein neues Projekt sein könnte.

Und was genau hat ihn dazu gemacht?
Er hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Es ist diese Mischung aus Exhibitionismus, Selbstbewusstsein und Narzissmus, die ihm die Eigenschaften eines natürlichen Darstellers verleihen. Er fühlt sich vor jeder Art von Publikum wohl und ist nie schüchtern. Da er früher auch beim Theater mitgespielt und immer eine Leidenschaft für Kunst hatte, versteht und respektiert er auch meinen kreativen Prozess, und kann seine Ideen gut einbringen.

In der ersten Serie wolltest du deine Kindheitserinnerungen nachbilden. Was wolltest du mit Family Portrait erreichen?
Ich wollte die Vater-Tochter-Beziehung genauer erkunden und über die Perspektive eines jungen Kindes hinausgehen, das seinen Vater vergöttert hat. Dass ich dazu selbst auf den Bildern auftauche, erschien mir ganz natürlich. Es ist eine Sammlung von Erinnerungen, die die unterschiedlichen Ebenen unserer Beziehung untersucht. Dabei enthüllt die Serie die Komplexität durch surrealistische Gegenüberstellungen, Symbole und viel Humor. Das Projekt spielt in gewisser Weise auf die Rebellion eines jugendlichen Mädchens und den Übergang von Kindheit zum Erwachsenenalter an. Außerdem setze ich mich darin mit der Zerbrechlichkeit eines starken, alternden Mannes und dem verzweifelten Versuch auseinander, diesen Prozess anzuhalten.

War es nicht merkwürdig, in Dessous vor deinem Vater zu stehen oder provokant auf dem Sofa zu posieren?
Obwohl ich in einer sehr katholischen Gesellschaft aufgewachsen bin, in der einem ständig vermittelt wurde, dass man sich für seinen Körper und seine Sexualität allgemein schämen sollte, haben meine Eltern diese Mentalität glücklicherweise nicht vertreten. Mein Vater ist zuhause immer in seinen knappen Speedos rumgelaufen, und meine Mutter hat sich oben ohne im Garten gesonnt. Als kleines Mädchen habe ich im Fitnessstudio meines Vaters stundenlang ohne T-Shirt mit Jungs gespielt, bin mit meinem Vater zu seinen Bodybuilder-Wettbewerben gefahren und habe mit 13 sogar angefangen, auch daran teilzunehmen. Es hatte nie einen sexuellen oder unangemessenen Beigeschmack. In Unterwäsche neben meinem Vater zu posieren, hat sich genauso wie damals angefühlt: völlig unbefangen.

Warum spielen Nacktheit und der Körper in deinen Arbeiten eine so wichtige Rolle?
Es sind die Dinge, die mich faszinieren. Die Art, wie wir Körper wahrnehmen. Ohne Kleidung reduzieren wir für gewöhnlich alles auf Nacktheit oder Sex und vernachlässigen, was sich darunter befinden könnte. Diese Herangehensweise macht deutlich, wie eingeschränkt unsere Wahrnehmung ist und wie wir unsere Gedanken über etwas so Natürliches und Komplexes vereinfachen. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum ich in meinen Arbeiten damit spiele.

Welche Botschaft möchtest du mit deinen Arbeiten vermitteln?
Es gefällt mir, wenn sie polarisieren. Würde jeder meine Arbeiten so wie ich verstehen, wäre das sehr langweilig. Ich erschaffe gerne Kunstwerke, die nicht sofort preisgeben, worum es darin geht. Ich glaube auch nicht, dass es die Aufgabe des Künstlers ist, seine eigenen Arbeiten zu analysieren und zu interpretieren. Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen und sein eigenes Bewusstsein mit ein.

@anetabartos