gucci hat in japan eine brandneue welt geschaffen

Das italienische Modehaus hat vier Künstler gebeten, die fantastische und fantasievolle Welt von Alessandro Michele neu zu interpretieren. Die Ergebnisse werden im Rahmen der „Gucci 4 Rooms“-Ausstellung in Tokio präsentiert. i-D hat mit den Künstlern...

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Okt. 17 2016, 1:45pm

Das Gucci unter Alessandro Michele hat etwas Undefinierbares, die Anleihen seiner Designs berühren sich und stehen doch untereinander im Wettbewerb. Die Ästhetik wirkt nicht nur zerrüttet, sondern die Referenzen schaffen auch ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Welt von Alessandro Michele wirkt wie ein großartiges Barockchaos, doch hinter diesem Chaos steckt System. Seine Gucci-Welt wird natürlich von der Außenwelt inspiriert, aber bleibt dabei doch immer eigenständig und immer Gucci. Das italienische Modehaus hat vier Künstlern gebeten, einen Raum nach ihren eigenen Vorstellungen zu kreieren. Einzige Bedingung: Der Raum soll das Gucci-Universum darstellen. Was die Künstler daraus machen, war ihnen völlig selbst überlassen. Daraus entstanden ist die digitale und physische Ausstellung Gucci 4 Rooms, die letzte Woche in Tokio eröffnet hat.

Ganz nach Micheles eigenem Ansatz haben die vier Künstler nicht viel gemeinsam. Der Kreativchef hat ihnen den Freiraum gegeben, ihre eigene Vision des Modehauses zu entwickeln und diese Vorstellungen auch umzusetzen. Zu den vier Künstlern gehört die Japanerin Chiharu Shiota, deren Arbeiten erst neulich im japanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig zu sehen waren. Sie hat das berühmte Herbarium-Motiv neu interpretiert. Sie hat aus Hunderten Fäden einen surrealen und verträumten Ort geschaffen. Der bekannte Streetart-Künstler Mr. hat eine kitschige Installation einer Apokalypse aus Müll geschaffen, die von Manga-Charakteren inspiriert wurde. Das neue Gesicht der Digital Art, der japanische Künstler Daito Manabe, hat eine interaktive Installation geschaffen, die als Hommage an Guccis Mythologie verstanden werden soll. Der kanadische Streetart-Künstler Trouble Andrew, der bereits seit zwei Saisons mit Gucci kollaboriert, hat den Raum mit seinen bekannten Gucci-Ghost-Kreaturen ausgeschmückt. Das wunderschöne Chaos der Ausstellung steht exemplarisch für die Gucci-Welt—ein Kosmos, fernab aller Trends und offen für Kreativität und Jugend.

Wir haben die vier Künstlerinnen und Künstler zu Kurzinterviews getroffen.

Gucci Garden Room by Mr. ©2016 Mr./Kaikai Kiki Co., Ltd. All Rights Reserved

MR.

Erzähle uns mehr über deine Ideen für den Raum und was dahinter steckt.
Mich hat das Hybride interessiert. Das ist das Leitthema. Der Raum ist eine Mischung aus Trash und japanischen Anime-Charakteren.

War es leicht, Gucci in diese Serie einzubetten?
Die Welt von Gucci und meine Welt sind komplett unterschiedlich. Wir haben jeweils unsere eigenen Universen. Wir sind nicht gleich, aber wir ergänzen uns.

Bei Gucci unter Alessandro Michele ist Popkultur wichtiger denn je. Hast du auch das Gefühl oder ist Gucci für dich immer noch eine sehr luxuriöse Marke?
Alessandro Michele ist sehr an japanischer Kultur interessiert. An der Yankii-Kultur, dem Bad Boy, dem Bad Girl und den Highschool-Gangs. Ich habe ein Video seiner Herbst-/Winterkollektion gesehen und darin viel japanische Referenzen gesehen, wie der Pachinko, der Dekorationstruck, das Motorrad. In seiner Gucci-Ästhetik spiegelt sich mit der Art und Weise, wie er Kitsch definiert, etwas Japanisches wider.

Inspiriert dich die Yankii-Kultur auch?
In den 80ern war die Yankii Kultur und die Ästhetik sehr beliebt. Ich war damals 15 Jahre alt und mich haben diese Figuren extrem beeinflusst. Außerdem ich bin sehr gerne Motorrad gefahren.

Beeinflusst die Yankii-Kultur aus den 80ern die junge Generation auch heute noch?
Ich glaube, dass es mehr mit dem kulturellen Erbe zu tun hat. Die Leute der Yankii-Kultur haben einen schlechten Ruf. Sie werden oft als schlechte Leute gesehen, die böse Dinge tun, das Gesetz brechen, auch wenn sie es gar nicht tun! Die junge Generation nimmt sich vielleicht das Positive an und tilgt die negativen Aspekte davon.

Was hältst du von den jungen, japanischen Streetart-Künstlern?
Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Streetart in Japan. Die eine bringt die Mode auf die Straße und die andere bringt die Straße in die Mode.

Virtual Secret Room by Trouble Andrew

TROUBLE ANDREW

Wie findest du die Ausstellung? Die Zusammenarbeit zwischen Gucci und dir fühlt sich sehr natürlich an.
Großartig! Die Kollaboration hat vor ein paar Monaten angefangen und mit Alessandro und Gucci war es einfach immer sehr einfach und natürlich. Er ist cool und arbeitet instinktiv. Wir sprechen die Dinge nicht zu sehr durch, wir machen es einfach.

Wie würdest du seine Welt beschreiben?
Sie ist sehr offen und einladend. Schon durch die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, habe ich gesehen, dass er einfach jeder Person in seiner Umgebung das Gefühl vermittelt, das sie willkommen ist. Er geht Risiken ein. Das sagt doch allein schon sehr viel über ihn aus. Für ihn war es ein großes Risiko, mich an Bord zu holen. Das hat er aber nie an die große Glocke gehängt.

Wie beurteilst du die zukünftige Zusammenarbeit zwischen euch?
Wir haben uns nie ein Zeitlimit oder sonst ein Limit gesetzt oder die ganze Sache geplant. Sie ist einfach dadurch entstanden, dass wir miteinander Zeit verbracht haben, Spaß hatten und uns gegenseitig Ideen zugeworfen haben. Was wir schon von Anfang an wussten: dass am Ende nichts Gedrucktes herausgekommen sollte. Dann kam es zur ersten Kollektion, dem Schmuck und jetzt gibt es all diese Events, die einfach durch unsere Träumereien entstanden sind. Ich kann euch nicht sagen, was als Nächstes passieren wird. Wir schauen einfach von Tag zu Tag. Bisher ist es ganz gut gelaufen.

Kann Luxus überhaupt natürlich sein?
Ja, natürlich. Aber es ist eben auch eine Kunstform. So möchte ich mein Leben leben. Das muss ich tun. Es gibt für mich keinen anderen Weg. Ich muss das, was ich tue, lieben, andernfalls höre ich einfach damit auf.

Was hältst du davon, dass die Kunst mit der Mode zusammengearbeitet?
Ich glaube, dass es die naheliegendste Verbindung ist. Du kannst das eine nicht ohne das andere haben. So ist es auch mit der Musik. Jeder teilt seine Inspirationen mit anderen und es ist eine natürliche Entwicklung.

Was für persönliche Projekte hast du in der Pipeline?
Wie ich schon gesagt habe, ich mache keine Pläne. Gerade im Moment hätte ich gerne eine Massage.

 Gucci Words Room by Daito Manabe, Getty image for Gucci

DAITO MANABE

Was hast du von Gucci gehalten, bevor du mit dem Haus zusammengearbeitet hast?
Ich habe mich schon immer gefragt, wie ich wohl in bestimmten Kleidungsstücken von unterschiedlichen Marken aussehen würde. Bei Gucci habe ich immer gedacht, dass ich es auf einer Party tragen würde. Das war ich aber noch vor der Zusammenarbeit. Ich denke jetzt anders über Gucci. Gucci zu zutragen und mit Gucci zusammenzuarbeiten—das sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich musste erst die Philosophie der Marke verstehen, um sie neu interpretieren zu können.

Wie definierst du für dich die Philosophie des italienischen Modehauses?
Die Produkte in meiner Installation werden von der Mythologie inspiriert. Gucci übersetzt diese Mythologie in etwas Zeitgemäßes. In meinen eigenen Arbeiten mische ich ältere Sachen mit Technologie und daraus entsteht meine Kunst. In dieser Hinsicht haben Gucci und ich viel gemeinsam.

Du bist ein multidisziplinärer Künstler. Du arbeitest mit Video, Sound, Motion Design. Ich nehme an, dass es für dich deshalb einfach war mit einer Modemarke zusammenzuarbeiten?
Für mich geht es bei der Zusammenarbeit mit Leuten aus unterschiedlichen Bereichen darum, dass ich mich durch meine Kunst ausdrücken kann. Einige Künstler sind sehr konservativ und denken, dass die Kunst rein bleiben sollte. Das dürfen sie auch denken, ich sehe das aber anders. Ich muss mit Leuten aus anderen Disziplinen zusammenarbeiten können.

Beschreibe Gucci mit wenigen Worten.
Dynamische Veränderung. Ich glaube, bei Gucci hat man keine Angst vor Veränderungen.

Gucci Herbarium Room by Chiharu Shiota

CHIHARU SHIOTA

Wie bist du auf die Idee zu dem Raum gekommen?
Als sie mir gesagt haben, dass sie vier Hotelzimmer haben wollten, habe ich daraus ein Zimmer mit einem Bett und einem Stuhl gemacht. Die Leute sollten das Gefühl haben, dass in dem Raum bereits jemand war.

Du arbeitest viel mit Fäden. Was es da für dich naheliegend, wieder damit zu arbeiten? Warum ausgerechnet knallorange?
Es sieht vielleicht orange aus, aber es ist rot. Es hat mir dabei geholfen, einen Kosmos zu kreieren, voll mit dem berühmten Herbarium-Motiv von Gucci und die Linien, die ich immer mit meinen Fäden erschaffe.

Hast du davor schon mal mit einer Modemarke zusammengearbeitet? Wie hat sich die Kollaboration angefühlt?
Das ist meine erste Kollaboration mit einer Modemarke. Ich finde, dass die Stoffe, die für Kleidung genutzt werden, auch für künstlerische Zwecke benutzt werden können, denn Kleidung ist wie eine zweite Haut. Mode ist Ausdruck wie Kunst auch. Kleidung für meine Arbeiten zu verwenden, hat sich daher sehr natürlich angefühlt.

Was hältst du von Künstlern, die der Meinung sind, dass Kunst nichts mit Popkultur und Mode zu tun haben sollte?
Als Gucci auf mich zu kam und mir diese Chance angeboten hat, haben sie mir gesagt, dass ich mir treu bleiben kann und mich nicht zu sehr an ihren Produkten zu orientieren brauche. Das hat mir viel Freiheit gegeben.

Wie hast du davor über das Label gedacht? Und wie würdest du das Label jetzt danach beurteilen?
Die Produkte sind sehr High-End und ich kann sie mir nicht leisten. Es gibt aber bestimmt Leute, die diese Luxusmarken kaufen, weil sie die Leere füllen wollen, die in ihnen existiert. Das mache ich auf ähnliche Weise, wenn ich Kunst erschaffe. Meine Kunst füllt die Leere in mir.

Wohin entwickelt sich die Kunstwelt?
Wir leben in einer Welt des Austausches. Und weil die Kommunikation durch das Internet und die sozialen Netzwerke einfacher geworden ist, sind die Grenzen auch niedriger geworden. 

Credits


Text: Tess Lochanski