Mode zum Raven

In den frühen Neunzigern tanzte Berlin in Klamotten, die wie ein textilisierter Drogenrausch aussahen und oftmals wohl auch während eines solchen hergestellt wurden. Ein Überblick über die Rave-Mode der 90er.

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Sep. 23 2015, 10:01am

„i-D goes techno": Wir werfen einen genauen Blick auf die Szene, die die Jugendkultur Deutschlands musikalischmodisch und kulturell wie kaum eine andere geprägt hat: Die deutsche Techno-Szene. 

Mode und Musik interagieren bekanntlich gerne miteinander. Nicht nur in den großen Modestädten wie New York und London, sondern auch ganz besonders im Berlin der 90er. Mal inspiriert die Musik die Mode und dann wieder die Mode die Musik. Das ist vor allem dann der Fall, wenn aus einer von der Musik geprägten Subkultur eine lukrative Zielgruppe wird. In Zahlen: 1994 tanzten zweieinhalb Millionen Jugendliche auf deutschen - bevorzugt Berliner - Raves mit einer Kaufkraft von insgesamt etwa fünf Milliarden D-Mark. Geboren war eine neue Clubwear. Mode zum Ausgehen, Mode zum Raven.

„Die Mode kam durch das Tanzen", sagt Ralf Schütte rückblickend im Interview. Er, einer der bekanntesten Nacht- und Modegestalten der Techno-Neunziger in Berlin, bekleidete mit seinem Label 3000 die Rave-Massen. Mode aus Müll. 80s Afterboom. Montana auf Acid. So beschreibt der Selfmade-Designer seine Kleidung und fasst damit den Stil einer Generation ziemlich gut zusammen.

Heute nennt sich Frank Schütte Frank Ford, damals schaffte er Kleidung, die er als Techno Couture bezeichnete und mit der man aus der Masse auf 08/15-Teilen herausstach. Mit dem Modedesigner Stefan Loy an seiner Seite, kreierte er Miniröcke aus Plastiktüten, Abendkleider aus Polyester und druckte provokante Slogans wie „Rich Bitch", „Spritzen" und „Pornostar" auf Shirts, mit denen man damals noch schockieren konnte. Schütte, der selbst alles von Fischernetzen bis hin zu Gaultier-Teilen trug, fertigte die Kollektionen anfänglich in kleinen Stückzahlen zuhause (und auf Acid) an. Später wurde in Produktion in Kleinbetriebe in den Osten verlagert. Beide Informationen entstammen seinen eigenen Angaben. Vielleicht entsprechen sie der Wahrheit, vielleicht sollen sie aber auch den Techno-Mythos Schütte aufrechterhalten.

Die Raver jedenfalls wurden zu einer modischen Reinkarnation der Hippiekinder aus den späten Sechzigerjahren, die bereit waren zu Experimentieren, zum Verkleiden und natürlich zum Nacktsein. Denn die Raver-Kluft der Neunziger erwies sich oftmals als eine Übung in Sachen wie-man-bekleidet-möglichst-nackt-sein-kann. Was man aber dann trug, war in kreischende Neonfarben getaucht zusammen mit Plüsch, Plateaus und Kunstfasern, die man heute nicht mehr an die Haut lassen würde.

Die Raver-Kids mit Kohle gaben ihr Geld in Boutiquen wie dem Berliner „Groopies" aus. Hier bekam man zum Beispiel amerikanischen Marken wie Patricia Field (tatsächlich dieselbe Patricia Field, die später als Sex and the City-Stylistin berühmt wurde). Nachschub an Lackstiefeln und Felltaschen wurde regelmäßig aus New York, Paris, Tokio und London in die deutsche Hauptstadt geschafft. Ähnlich sah das Konzept von „Wicked Garden" aus. Wenn auch, bedingt durch imageträchtige Stammkundinnen wie TV-Moderatorinnen von Viva und MTV sowie die DJane Marusha, in etwas edlerer Aufmachung. Neben Mode aus London wurden hier die deutschen Rave-Labels wie 3000 oder Sabotage verkauft. Letzteres ätzte Keramikfasern in Baumwollshirts, um die dauertanzende Kundschaft vor Hitzeschlägen zu schützen.

Weitere Labels, die sich für die bunte feiernde Raver-Masse der frühen Neunziger verantwortlich zeigten, waren zum Beispiel Panis & Hams, Asprial oder Jörg Pfefferkorn. Mitte der Neunzigerjahre landete deren Urban Spacewear aus speckig glänzendem Polyamid dann allerdings auf den internationalen Laufstegen und wurde von der DIY-Techno Couture zur hochwertigen Haute Couture in Paris erhoben. Auf den Tanzflächen folgte etwa zur gleichen Zeit der Slacker-Stil als Antwort auf die laute Clubwear. Funktional, günstig und langlebig statt schrill, bunt und teuer. Auf den Trend folgt ein Gegentrend - von diesem ungeschriebenen, modischen Naturgesetz konnte sich auch die subkulturelle Techno-Szene nicht freimachen und trug dann lieber Hoodies (höchstens mit Logo), Trainigshosen (höchstens mit drei farbigen Streifen) und Jeans (maximal mit Sitz auf dem Hüftknochen).

Sabotage machte im Zuge dessen nur noch unaufgeregte Alltagsmode ohne Keramik zu niedrigeren Preisen und Jörg Pfefferkorn steckte seine kreative Energie lieber in Business-Mode. Ralf Schütte hatte sich derweil schon aus Berlin abgesetzt, noch einmal eben eine Menge Leute um ihr Geld betrogen und irgendwann, zehn Jahre später als Frank Ford in L.A., immer noch in gemeinsamer Sache mit Stefan Loy, Stars wie Britney Spears und Cher erneut in etwas gekleidet, das nach recyceltem Trash aussah.

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Credits


Text: Lisa Riehl 
Fotos: Tilman Brembs / Zeitmaschine.org
In Kooperation mit Converse