über reisen und vertreibung bei der pariser fashion week

In den Shows von Kenzo, Céline und Alexander McQueen am Sonntag würdigten die Designer die Reisenden aus Vergangenheit und Gegenwart.

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Okt. 5 2015, 1:37pm

​Photography Jason Lloyd Evans

Die Mode - ähnlich wie Hollywood - romantisiert gerne heikle Situationen. Vielleicht ist es auch unsere Art und Weise, das Beste aus Situationen zu machen. Ganz im Gegensatz zum zickigen Ruf der Branche, haben wir eine überraschend optimistische Einstellung - vielleicht ist es aber auch nur einfacher, von einer idealen Welt zu träumen als sich kritisch mit der realen Situation auseinanderzusetzen. Die Designer der Sonntag-Shows haben den Mid-Week-Blues der Pariser Schauen hinter sich gelassen und haben sich an ihren happy place begeben: Reisen, neue Orte und der große Einfluss von Multi-Kulti auf die Mode. Bei Kenzo gingen Carol Lim und Humberto Leon auf einen großen Backpack-Erinnerungstrip mit ihrer hyperkulturellen und hyperhistorischen Kollektion aus bodenlangen Kleidern mit Tribal-Prints und Gladiator-Boots. 

Kenzo spring/summer 16

„Im College gingen wir auf einen dreizehnmonatigen Trip und die Kollektion ist ein wenig wie diese Reise", sagte Humberto Leon. „So als ob man zig Länder besucht und deren Kultur aufsaugt. Anfangs hat man nur einen Rucksack dabei, am Ende der Reise trägt man zwei Rücksäcke mit sich herum … und einen Aschenbecher und eine Elefantenfigur." Das Set war wie immer beeindruckend: Bahnsteige, auf denen die Girls durch Bögen in einem großen Hangar zu tranceartiger Folkmusik liefen. Mit dem an Enigmas „Return of Innocence" erinnernden Soundtrack und einer pazifistischen Armee aus Models, die ihre Bahnsteige verließen, sprühte der Hangar von globaler Flower-Power-Positivität.

Kenzo spring/summer 16

„Wenn man reist, assimiliert man sich und passt sich der neuen Umgebung an. Jeder versteht dieses Gefühl, ob nun längerfristig oder kurzfristig: in der Lage sein, sich jeder Situation anzupassen", erklärte Humberto Leon. „Wir wollten, dass es fröhlich wird. Und als wir die Musik zusammen mit der Show letzte Nacht sahen, fühlte es sich fröhlich an. Diese Kollektion basiert auf Reisen, Entdeckungen und Akzeptanz", sagte Lim. Es war sicher nicht leicht, eine Steigerung zur letzten Kollektion zu schaffen - besonders wenn es sich um Kenzo handelt, aber die beiden Designer übertrafen sich wieder einmal selbst. Bei Alexander McQueen gibt es keinen Wettstreit darum, die legendären Shows des Hauses zu überbieten. Das Set bestand aus einem Dielenfußboden und passenden Stühlen. Im Fokus standen die Kreationen selbst, die dieses Mal von Hugenotten inspiriert wurde, die im 17. Jahrhundert aus dem katholischen Frankreich wegen religiöser Verfolgung flohen und sich im protestantischen England und auch in Brandenburg-Preußen niederließen.

Alexander McQueen spring/summer 16

Falls du mit religiösen Verfolgung von Minderheiten im Frankreich des 17. Jahrhunderts nicht mehr ganz so vertraut sein solltest, hier ein kurzer Abriss: Die Hugenotten waren liberale Protestanten und standen dem Calvinismus nahe. Sie wurden Ende des 17. Jahrhunderts aus dem damals erzkatholischen Frankreich vertrieben, nachdem der Sonnenkönig Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau und der Formel „un roi, une loi, une foi" (dt. „Ein König, ein Gesetz, ein Glaube") die religiöse Toleranz in Frankreich endgültig abschaffte. Sie flohen in die protestantischen Teile Europas und sollten dort für eine blühende Industrie sorgen, besonders im Londoner Stadtteil Spitalfields. Die Hugenotten waren ein friedliebendes Völkchen, die ihre Kultur der Liebe und Liebe zur Natur, zu Blumen und Gartenkunst mitbrachten und mitten in London kleine Oasen anpflanzten. „Es geht wieder um die Idee von Handwerk", sagte Sarah Burton backstage. „Darum, dass alles natürlich und weich ist." Das war eine fabelhafte Referenz für eine Kollektion und eine, die Burton eifrig benutzt hat. Weiche, feminine Kleider Rüschen in Rosé und Creme, von dem die Designer diese Saison nicht genug bekommen.

Alexander McQueen spring/summer 16

Ausgewaschene Lederkleider umgab eine Aura des Getragenen und des Alten, was die Kleidungsstücke mit Persönlichkeit versorgte. Das war kein Zufall. Während der Recherche fielen Burton Originalkleidungsstücke, die die Hugenotten getragen hatten, in die Hände und sie war von deren zeitgemäßem Charakter überwältigt. „Sie waren so modern, die Art und Weise, wie sie sich mit dem Körper bewegen", sagte die Designerin. „Die Kleidung war nicht einengend." Wenn die Hugenotten gewusst hätten, dass sie eines Tages Thema in einer Fashionshow in der Hauptstadt des Landes, aus dem sie fliehen mussten, sein würden - welch Ironie. Genauso wie der dänische Künstler FOS, der Matsch und ein Festivalzelt auf das überdachte Gelände eines vornehmen Pariser Tennisclubs für die Céline-Show brachte.

Celine spring/summer 16

Er arbeitete mit Phoebe Philo gemeinsam an der ganzen Show, von dem gigantischen orange- und gelbfarbenen Zelt bis zur Live-Musik, ob nun das Intro zu Michael Jacksons „Earth Song" gesampelt wurde oder nicht. Der erste Look unterstrich Phoebe Philos Support der Unterwäsche-ist-die-neue-Mode-Tendenz diese Saison: ein kurzes, weißes Kleid mit einem durchsichtigen schwarzen Riemchen-Top (ohne BH getragen) mit eingearbeiteten Kofferriemen. Wenn es das Zelt nicht schon vorweggenommen hätte, in der Kollektion geht es eindeutig ums Reisen. „Für mich sind diese Kleidungsstücke Mode, die man mit auf Reisen nimmt, die man einfach einpacken und überall, wo man hingeht, anziehen kann", sagte Philo. „Es ist ein bisschen so wie dieses Zelt - man kann es einpacken".

Celine spring/summer 16

Die Kollektion ist pro-Natur, aber nicht anti-Urban. Schließlich muss die durchschnittliche Céline-Kundin keine strapaziösen Reisen auf sich nehmen, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Sie habe diese Saison aber definitiv nicht die Stadt gespürt, gestand die Designerin. „Es ist berührend und charmant zugleich, sie aus dieser Umgebung herauszuholen. Da möchte ich öfter sein - in der Natur. Es befriedigt mich komischerweise, wenn ich mir vorstelle, dass die Kleider in der Natur getragen werden." Man nehme zum Beispiel die Unterwäsche-Kleider-Hybriden oder das Voluminöse aus der Mid-Kollektion mit den riesigen Puffärmeln und Oversized-Mänteln und Pullovern: Das sind keine Kleidungsstücke, die für draußen gemacht wurden, aber genauso sind auch die Menschen, die sie tragen, nicht für draußen gemacht. Das ist das Raffinierte an dieser Kollektion, ein provokativer Kommentar über die Funktionalität von Mode.

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Credits


Text: Anders Christian Madsen
Fotos: Jason Lloyd Evans