ein plädoyer für eine moderne modeindustrie

Ende 2014 gab das Aktivisten-Designerduo Meadham Kirchhoff bekannt, dass sie auf unbestimmte Zeit eine Auszeit nehmen werden. Meadham Kirchhoff ist die respektlose und leidenschaftliche Stimme der Modeindustrie, die uns für Spring / Summer 15 dazu...

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24 April 2015, 9:10am

Ich liebe Mode. Es gibt dieses Missverständnis, dass ich / wir von Meadham Kirchhoff anti-Fashion seien und dass ich / wir Mode und die Modeindustrie hassen würden. Das stimmt so nicht ganz. Ich liebe Kleidung, ich liebe das Sich-Anziehen und ich liebe das transformative Potenzial von Kleidung. Ich liebe Ideen. Ich liebe das Handwerk. Ich verstehe, dass wir irgendwie in einer schlimmen Rezession stecken, die nun schon seit Jahren andauert. Ich verstehe, dass die Leute weniger Geld haben, um Kleidung zu kaufen. Ich verstehe auch, dass das Händler in eine prekäre Lage gebracht hat. Ich weiß das, weil ich am anderen Ende stehe. Modedesigner sind der kleinste gemeinsame Nenner in der Modeindustrie.

Was ich an der Modeindustrie heutzutage frustrierend, enttäuschend und deprimierend finde, ist das allgemeine Gefühl von Sich-rechtfertigen-müssen-für-Mode und - noch schlimmer - Apathie, die ich in den Modehauptstädten sehe und fühle. Keiner scheint heutzutage mehr an Mode zu glauben, besonders nicht die, die sie eigentlich am meisten lieben sollten. Wir sind so gelangweilt von uninspirierter Kleidung, mit der wir konfrontiert werden, wir sind gelangweilt vom Wandel hin zu oberflächlichen politischem Aktivismus: flüchtige, symbolische Gesten, ob nun zum Thema Feminismus, Gender oder gegenüber Kunst und Künstlern; Mode in seinem Mangel an Selbstvertrauen und in seiner Unsicherheit sucht nach Bestätigung und nach dem Anschein von Glaubwürdigkeit.

Mode stagniert und hat es sich in seinen selbst verordneten Ideen und Formeln bequem eingerichtet. Wir müssen neu denken. Mode braucht eine Revolution!

Ich würde mir stattdessen wünschen, dass sich in diesen Zeiten, in denen Kleidung nicht en masse produziert und verkauft wird, Designer und Händler - die Branche als Ganzes - darauf konzentrieren, was wichtig ist: die Weiterentwicklung von Ideen, die Modewelt insgesamt nach vorne bringen und etwas Neues sehen und fühlen. Die Art und Weise, wie sich Mode präsentiert - die Models, die Show und nicht zuletzt die Kleidung selbst -, hat sich seit 70 Jahren kaum verändert. Mode stagniert und hat es sich in seinen selbst verordneten Ideen und Formeln bequem eingerichtet. Wir müssen neu denken. Mode braucht eine Revolution!

Mode kann und war schon immer ein wichtiger sozialer Gradmesser, eine Reflektion von gesellschaftlichem und sozialem Wandel. Mode kann und war ein wichtiger Teil der Kultur, von Street Culture bis Haute Couture. Mode ist vielleicht nicht Kunst, aber es ist eine künstlerische Ausdrucksform, ein Rahmen für Ideen und eine Umgebung, damit sie sich entwickeln können. Das scheint in einer Ära der verblödenden Pre-Kollektionen, die jeden erfreuen und ansprechen sollen, aber letztlich scheinbar keinen erreichen, in Vergessenheit geraten zu sein. Wir leben vielleicht in einer wirtschaftlichen Rezession, aber müssen wir deswegen auch gleich in einer kulturellen Rezession leben? Können wir diese Zeit nicht nutzen, um uns weiterzuentwickeln?

In den Fünfzigern entschied irgendjemand, dass Kleidung einzig und allein an 1,80 Meter großen, abgemagerten Teenagern gut aussieht. Wir sind immer noch komplett von dieser Denkweise indoktriniert; diese eindimensionale Sichtweise auf Mode ist für mich so letztes Jahrhundert, so archaisch und so langweilig. Unsere letzte „Meadham Kirchhoff"-Kollektion Reject Everything war ein Ruf an die Waffen gegen all das, was sich für so irrelevant anfühlt. Nicht nur die formelhafte Natur einer typischen Fashionshow, sondern auch das abscheuliche Modelbusiness, die altmodischen, veralteten Konzepte von angemessener Kleidung, die lächerlich limitierenden Grenzen von Geschlechtern und Identitäten und all die Regeln, die damit einhergehen.

Wen interessiert es, ob die Menschheit in 20 oder 100 Jahren noch existiert, wenn wir im Jetzt in so einer Scheiße leben?

Das ist eine Reaktion auf die Gesellschaft im Allgemeinen, die - wie die Modewelt - die realen Probleme, die unsere Leben tagtäglich tangieren, lieber nicht wahrnehmen will. Der Fakt, dass Frauen immer noch nicht soviel verdienen wie Männer; der deprimierende Fakt, dass HIV und Aids weiterhin grassieren, obwohl Schwule heiraten dürfen und sich dem heteronormativen Mainstream anpassen. Aber wir entscheiden uns als Gesellschaft dafür, diese einfachen aber wichtigen Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen; es liegt in unser Macht, unsere eigenen Leben zu ändern und zu verbessern. Stattdessen entscheiden wir uns als Gesellschaft, diese Probleme zu ignorieren und uns lieber um Umweltprobleme zu kümmern, an denen wir realistisch betrachtet nichts ändern können.

Das ist für mich alles Teil der Selbstbesessenheit der Menschheit: dass wir als Menschen den Planeten umgebracht haben und das wir ihn im Umkehrschluss retten können, ungeachtet der Tatsache, dass die Erde sich seit Jahrtausenden von selbst verändert und die Änderungen selbst hervorruft, trotz der Menschen. Wen interessiert es, ob die Menschheit in 20 oder 100 Jahren noch existiert, wenn wir im Jetzt in so einer Scheiße leben? Für mich ist Mode, ist Kleidung Teil von all dem. Kleidung ist für uns ein Mittel, um uns selbst und unsere Persönlichkeit auszudrücken. Unsere Kultur hat schon immer den sozialen und persönlichen Einfluss, den Mode haben kann, ignoriert, da unsere Gesellschaft Mode als weibliche Angelegenheit und Zeitvertreib betrachtet, also als oberflächlich und unbedeutend.

In den Zwanzigern (fast 100 Jahre her!) befreiten Chanel und Vionnet die weiblichen Körper aus der Tyrannie des Korsetts und der Unterstruktur und erlaubten Frauen, sich frei bewegen und atmen zu können; das erste Mal vielleicht überhaupt seitdem es Kleidung gibt. In den frühen bis Mitte der Siebziger revolutionierte Vivienne Westwood das gesamte Konzept angemessener Kleidung und die Schnitte - Nähte und Schnittkanten - wurden sichtbar. Dadurch wurden gesellschaftliche Normen, was akzeptable Kleidung ist und wie diese auszusehen hat, durcheinander gewirbelt. Beide Vorgänge (und es blieb fast nur bei diesen beiden) hatten weitreichende Auswirkungen auf unsere Kultur und Gesellschaft und noch viel wichtiger: auf die Leben derjenigen, die diese Kleidung getragen haben, und auf die Köpfe der Beobachter der Leute, die sie getragen haben. Mode hat diese Macht. Sie hatte sie jedenfalls. Wir müssen uns alle verdammt nochmal nur daran erinnern.

meadhamkirchhoff.com

Credits


Text: Edward Meadham