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die westliche faszination mit japans fetischszene

Die japanische Untergrund-Sexszene ist von Fetischen und erotischen Ritualen geprägt. Die provokative Fotografin Millicent Hailes und das Model Tessa Kuragi erkunden für uns die japanische Bondage-Szene.

von Lily Bonesso
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10 April 2015, 9:45am

Die bekannteste BDSM-Spielart aus Japan ist Kinbaku, auch Shibari genannt. Das liegt teilweise auch an den Fotos des Fotografen Nabuyoshi Araki. Er fotografierte bereits japanische Models in Shibari und er war es auch, der Lady Gaga in Bondage für Vogue Hommes 2009 in Szene setzte. Diese Bilder zusammen mit der Schönheit der Seilgebilde haben dazu geführt, dass seine Form von Bondage nicht nur in Japan, sondern auch weltweit Kultstatus erlangt hat.

Inspiriert von Arakis Polaroids und lediglich ausgerüstet mit einem Buch, einem Make-up-Artist und einem Model, versuchte sich Filmemacherin und Fotografin Millicent Hailes an Shibari. Sie hätte dafür kein besseres Model als Tessa Kuragi finden können. Tessa wird oft aufgrund ihrer düsteren und erotischen Bilder als Fetischmodel bezeichnet. Zwar ist es immer so eine Sache mit Etiketten, aber in ihrem Fall ist es ganz passend, hat sie selbst doch schon Erfahrungen mit Fetischen und Shibari gesammelt.

Ihr Exfreund und Fotograf Marc Blackie brachte Tessa in die Welt von Shibari und sogenannten Pinku eiga-Filmen (japanische Softcore-Pornos) näher. Sie verliebte sich sofort in das Land, das einerseits reich an Fetischen ist und andererseits vom Westen oft fetischisiert wird. Tessa besitzt mittlerweile eine Garderobe aus japanischen Schulmädchenuniformen (sogenannte Seifuku), Masken aus Kyoto und eine stetig steigende Anzahl an Kimonos. Sie erinnert sich an das erste Mal, als sie einen japanischen Fotografen darum bat, sie in traditioneller japanischer Kleidung zu fotografieren: „Ich musste hart daran arbeiten, um ihn zu überzeugen, dass ich die japanische Kultur respektiere und verstehe." Ihr aufrichtiger Respekt für die Traditionen hat ihr die Türen zur japanischen Fetischszene geöffnet; eine Welt, die für Ausländer normalerweise verschlossen bleibt.

Dadurch konnte Tessa ein Japan abseits aller medialen Klischees über ein sexmüdes Volk kennenlernen. Sie hat an Fetischpartys teilgenommen und besuchte Bondage-Bars mit Dominas und Nawashi (die Rigger).

Vivan Herman argumentiert in ihrem Essay Phallus - Image - Other, dass „Verlangen eine Form von Mangel ist. Verlangen ist immer etwas, das man nicht hat." Wer könnte die Grenzen von Verlangen besser verstehen als eine Gesellschaft, der wirkliche Intimität fehlt?

Zum Erfolg der Japaner auf diesem Gebiet trägt auch deren unerreichte Raffinesse bei. Der japanische Perfektionismus ist legendär und Japaner setzten alles daran, immer in allem besser zu werden. Ob es sich um den Sushi-Gott Jiro Ono, Hayao Miyazakis Animes oder das japanische Null-Fehler-Dogma in Produktionsabläufen geht, Einzelpersonen laufen immer auf mindestens 100% und schaffen das Unmögliche. Fähigkeiten und Tätigkeiten werden über ihren ursprünglichen Zweck hinaus entwickelt; viel weiter als es die westliche Logik für nötig halten würde. Das spiegelt sich auch im Geschäft mit Sex und in sexuellen Angeboten wider. Tessas Erfahrungen bestätigen diese Annahme: „BDSM-Spielarten wie Shibari und Body-Suspension haben etwas Transzendentales und Außergewöhnliches. Es gibt einen Punkt, an dem du in Trance fällst. Das geht über die sexuelle Erregung hinaus. Leute, die mit Shibari-Meistern trainiert haben, entwickeln ihren eigenen Fesslungsstil; die Anordnung des Seils und jemanden auf eine bestimmte Art und Weise zu formen. Dafür braucht es eine Menge Geschick."

Neben dem Geschick ist auch Kreativität wichtig. Das japanische Kino und die Animes sind bekannt für ihren Eskapismus und Fantasiegehalt. Dieser fantasievolle Blick auf die Welt hat die japanische Kultur durchdrungen, sogar bis hin zum Produkt- und Verpackungsdesign, das Snacks und technische Gadgets vermenschlicht, um in Konsumenten echte Gefühle hervorzurufen. Dieser Trend hat auch die Porno- und Sexbranche erreicht. In einem Interview mit i-D begrüßt Su Zume, Autorin des Buches Pinky Kinky: Japan's Sex Underground, die „visuelle Detailgenauigkeit" der Japaner, die Fetische „zu einer Kunstform in Japan" gemacht hat. Tessa hat ähnliche Erfahrungen in einem siebenstöckigen Sexshop gesammelt: „Es war ein kreativer Mix aus allem und je weiter man nach oben ging, desto interessanter wurde es. Auf der ersten Etage geht es um Vanilla-Sex, dann kommen die Schulmädchen und ganz oben gibt es eine Abteilung für Scuba-Girl- und Ballonfetische. Die haben alles."

Vorstellungskraft und Ästhetik sind große Teile der japanische Kultur. Yasutaka Sai beschreibt, wie sich das im Alltag der Japaner widerspielt. „Wenn Japaner eine Mandarine essen, entfernen sie die Schale in einem Stück und sammeln darin die weiße Haut, damit die Reste ein sauberes kleines Müllsäckchen ergeben."

Viele Elemente der japanischen Kultur sind so bemerkenswert und visuell, dass sie Einfluss auf die westliche Kultur haben. Dass die Mainstream-Sexindustrie für Ausländer unerreichbar ist, steigert nur das Verlangen nach dem Verbotenen. Im Clip von Hailes wird nur wenig von Tessa gezeigt, wir sehen Handgelenke, Brüste, Augen, Knoten, Haut und Stoff, aber erhalten nie einen ungestörten Blick auf sie. Genauso verhält es sich mit Japan. Jeder Einblick in dieses Land lässt uns mit dem Wunsch nach mehr zurück. Aber das Land der ewigen Fantasie entzieht sich unserem Einfluss und wurde dadurch selbst zum Fetisch.

Credits


Text: Lily Bonesso
Fotos: Millicent Hailes