Mit Glitzer gegen Schönheitsideale: Im Gespräch mit Hannah Altman

Wir haben die 19-jährige Fotografin getroffen, deren Power-Girl-Fotoserie "And Everything Nice" viral ging.

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März 31 2015, 9:35am

Hannah Altmans Fotoserie And Everything Nice ist entweder ein total schöner oder total hässlicher Mittelfinger an die Gesellschaft und den Druck, den sie auf Frauen ausübt, süß auszusehen. Wir sind uns selber nicht ganz sicher. Und genau darum geht es.


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In ihren Bildern ersetzt Hannah (eine Fotografiestudentin aus Pittsburgh) Körperflüssigkeiten wie Blut, Kotze und Tränen mit buntem Glitzer. Damit will sie, so erklärt sie uns, auf den tiefsitzenden Instinkt in der Gesellschaft aufmerksam machen, der den weiblichen Körper zensieren will. Frauen bestehen nicht aus Zucker und sie sind gewiss nicht aus Glitzer gemacht. Wir sprachen mit ihr über die Serie und was die öffentliche Rezeption für sie bedeutet.

Welche Reaktionen hast du auf And Everything Nice erhalten?
Das Feedback hat mich bewegt und erstaunt. Mich freut es sehr, dass sich ein so großes Publikum mit diesem Projekt identifiziert und darauf reagiert. Jeder Leser, von Aktivistenmagazinen in Deutschland bis Buzzfeed, kann etwas mit den Bildern anfangen, was wieder mal der Beweis ist, dass Geschlechterrollen ein internationales Problem sind.

Wer sind die Frauen auf den Fotos?
Sie sind meine besten Freunde. Wir sind alle Künstlerinnen. Als meine Mitbewohnerinnen mich im Bad gesehen haben, wie ich mir Glitzer in meine Zähne geschmiert habe (das erste Foto der Serie), waren sie sofort begeistert. Menschen, für die man etwas empfindet, als Motive zu benutzen, kreiert eine Intimität in den Bildern, die sonst nicht so existieren würde.

Welche Botschaft willst du mit den Fotos verbreiten?
Die Serie soll eine unerschrockene Analyse des Schönheitsstandards des weiblichen Körpers sein. Die Frauen in den Fotos befinden sich in einem Zustand von Kummer; ihre Körperflüssigkeiten, einschließlich Blut und Kotze, wurden durch Glitzer ersetzt, um den Druck, unter dem Mädchen stehen, für den Betrachter zu visualisieren. Unabhängig davon wie Mädchen sich fühlen, sollen sie attraktiv aussehen. Das ist eine bildliche Darstellung von einem unvernünftigen weiblichen Schönheitsideal.

Es gab in den letzten Jahren eine Welle von jungen Künstlerinnen, die sich gegen das Label "Feministin" gewehrt haben und die sich gegen feministische Kunst ausgesprochen haben. Welche Rolle spielt das Internet deiner Meinung nach bei der neuen Generation von Feminismus? Denkst du, dass dieses Label eine Bedeutung hat?
Es gab schon immer feministische Künstlerinnen. Was neu ist, ist die Bandbreite an Ideen, die gezeigt wird. Durch das Internet erreichen diese Ideen ein größeres Publikum als jemals zuvor. Ich denke, dass durch diese plötzliche Sichtbarkeit ein stärkerer Gemeinschaftssinn geschaffen wurde, wodurch Künstlerinnen darin bestärkt werden, ihre Arbeiten zu teilen und sowohl über Unterdrückung als auch über ihre Triumphe zu sprechen.

Hat sich die plötzliche Öffentlichkeit deiner Arbeit, deinen Schaffungsprozess verändert?
Die Unterstützung für meine Fotoserie hat mir erst mal die Augen dafür geöffnet, wie international die Genderproblematiken sind. Ich liebe die Idee, dass Kunst eine universale Sprache hat. Im Juni reise ich nach Israel, um die Arbeit in den Künstlerdörfern dort zu dokumentieren. Ich finde es spannend, dass sich meine Arbeit genau so wie mein Bewusstsein weiterentwickelt.

@hannahaltman