Die ukrainische Jugend am Vorabend der Revolution

Wir sprachen mit dem Fotografen Daniel King über seine Aufnahmen von Teenagern aus Kiew im Sommer vor dem Protest und der Revolution, die ein Land auseinandergerissen haben.

von Alice Newell-Hanson; Fotos von Daniel King
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05 Mai 2015, 12:25pm

Photography Daniel King

Der in Brooklyn lebenden Fotografen Dan King fuhr im Herbst 2013 in die Ukraine – kurz bevor die politische Situation zwischen Russland und der Ukraine eskalierte – und schaffte es so, Jugendliche in ihren letzten unbeschwerten Momente einzufangen. Er reiste alleine (vor Ort hatte er einen einheimischen Übersetzer) und übernachtete zuerst in einem billigen Hotel und dann in einem Apartment direkt am Maidan, dem ukrainischen Unabhängigkeitsplatz, auf dem drei Monate später regierungskritische Demonstrationen den Anfang der politischen Krise markierten.


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Seine Fotos der Teenager aus der ukrainischen Hauptstadt, die er in Parks, an Bahnhöfen und bei McDonalds traf, fangen den angespannten und außergewöhnlichen Drang nach Freiheit, der in diesem Sommer in der Luft lag, perfekt ein.

Bist du in die Ukraine geflogen, weil du wusstest, dass die politische Situation bald explodieren würde?
Es war nicht als politisches Buch angedacht, aber in den Medien waren Anzeichen zu sehen. Ich dachte einfach, dass es ein faszinierendes Land ist; man hat geahnt, dass es sich entweder Richtung Russland oder Richtung EU orientieren würde. Jeder war für die EU. Aber als Russland Wind von den Gesprächen bekam, kappten sie die Gasleitungen für eine ganze Woche! Die Fotos sind Momentaufnahmen aus einer ruhigen Zeit in der Geschichte der Ukraine, die so nicht mehr wiederkehren wird.

Wieso hast du so junge Menschen fotografiert?
Die Jugendlichen sind die Zukunft des Landes und sie erhalten von niemandem Hilfe. Ihre Eltern arbeiten in Fabriken und nach 1991 [als sich die Ukraine von der Sowjetunion abspaltete] kamen sie nicht zu Geld und haben auch keine beruflichen Kompetenzen entwickeln können. Diese Jugendlichen können nicht zu ihren Eltern gehen und sie fragen: 'Wie fangen wir eine Revolution an?'.

Wie hast du die Leute getroffen?
Ich habe sie alle auf der Straße getroffen. Als ich ankam, war ich mir überhaupt nicht darüber bewusst, dass Kiew die Welthauptstadt des Sextourismus ist. Also war Street-Casting hier total anstrengend. In den ersten Tagen bekamen wir auf unsere Frage 'Komm, wir veranstalten ein Casting in unserem Studio, es ist für ein Kunstprojekt' nur von jedem die Antwort ‚Hau ab'. Als wir dann die Hilfe der Freundin des Übersetzers hatten, verbreitete es sich wie ein Lauffeuer.

Wie alt waren die Jugendlichen und was haben sie gemacht?
Die meisten waren zwischen 15 und 22. Es war gerade Sommer, also haben sie hauptsächlich rumgehangen. Einige haben mich mit in eine kleine Stadt in der Nähe von Donezk genommen, wo die ganze krasse Scheiße momentan abgeht. Es war ziemlich wild. Wir haben für 50 Euro einen sowjetischen Plattenbau von einer alten Frau ohne Zähne gemietet und haben die ganze Zeit nichts getan. Es ging darum, die Jugendlichen kennenzulernen, ihr Vertrauen zu gewinnen, eine gute Zeit zu haben und ihre Kultur zu verstehen.

Wieso glaubst du, dass sie interessiert waren und mitgemacht haben?
Ich hatte noch kein Buch veröffentlicht oder so, es ging mehr um Respekt. Und es gab etwas Interessantes zu tun.

Was hat dich am meisten an den Jugendlichen überrascht?
Wie ähnlich sie sich sind. Wie schlau sie sind. Wie zugehörig sie sich ihrem Land und ihrer Regierung fühlen. Außerdem ihre schiere Machtlosigkeit.

Sind die ukrainischen Jugendlichen politischer als ihre westlichen Altersgenossen?
Ja, zu 100 Prozent.

Woran liegt das? Sind es die offensichtlichen Probleme oder interessieren sie sich einfach mehr dafür?
Ich denke, weil sie einfach damit aufwachsen. Sie haben die Folgen der Sowjet-Ära und die dunkle Seite miterlebt. Der Typ, der mir das Tattoo stach, arbeitet einmal pro Woche als Grafikdesigner und verdient an diesem einem Tag mehr als sein Vater in einem Monat in seinem Vollzeitjob. Er hatte einen Fabrikjob in untergeordneter Funktion. Wenn dann der Kommunismus vorbei ist und dieser Job dein ganzer Lebensinhalt war, dann kommt die Frage 'Und was sind ihre Kompetenzen'? Aber diese Jugendlichen fühlen eine gewisse Freiheit. Sie wollen in die EU, sie wollen mehr für ihr Land.

Hast du den Kontakt mit ihnen gehalten?
Ja, durch Instagram ist es wirklich einfach. Ein Mädchen hat sich während der Demonstrationen ihre Haare abrasiert, nachdem ich schon nicht mehr im Land war. Ich glaube, dass sich ein Pärchen getrennt hat. Ich spreche ziemlich oft mit dem Producer Jewgeni. Weil ich alleine dort war, wurden sie zu guten Freunden. Es war nicht so, dass wir da mit einer Crew und Assistenten aufgekreuzt sind, was sich als Ausbeutung anfühlen kann.

Was haben sie dir über die jetzige Situation im Land erzählt?
Ich denke, dass sie mich nicht damit belasten wollten. Nachdem ich das Land verlassen hatte, hatten sie wahnsinnige Angst. Die ersten Monate antworten sie auf meine Frage, wie es ihnen geht, mit 'Alles gut. Alles gut'. Sechs Monate später antworteten sie mit 'Wie komme ich hier raus?'. Aber sie können nicht einfach nach Amerika oder irgendwo nach Europa. Als die Armee begann, Leute zum Dienst einzuziehen und einige ihrer Freunde an die Ostfront zuschicken, verschob es sich von ‚Alles cool' zu nackter Angst.

Was sind ihre Pläne?
Alle möchten das Land verlassen. Aber sie können nicht, deshalb versuchen sie, das beste daraus zumachen. Als ich dort war, bemerkte ich, dass es zwar keine Zeit der Prosperität, aber eine ruhige Zeit war, in der sie unbeschwert sein konnten. Jetzt müssen alle harte Entscheidungen treffen.

danielking.com