Was soll der Hype um deutsche Memes?

Warum du bei Kader Loth und Detlef D. Soost plötzlich denkst 'OMG same'.

von Johanna Warda
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05 Dezember 2019, 10:16am

Screenshots von Instagram @galeria.arschgeweih

Heute schon auf Instagram die neuesten Wendler-Memes abgecheckt? Noch vor wenigen Monaten hätte man für diesen Satz entsetzte Blicke geerntet, heute gehört es für manche fast schon zur Morgenroutine. Deutsche Memes sind endgültig im Mainstream angekommen. Und mit Deutsch ist nicht nur die Sprache gemeint, sondern auch das (pop-)kulturelle Spektrum, mit dem die Memes sich befassen: Es geht um deutsche Promis, deutsche Sitten, deutsche Städte, kurz: um eine deutsche Experience. Es fühlt sich ziemlich unangenehm an, so oft das Wort "deutsch" in einem Satz zu benutzen. Das Deutschsein, wie auch immer man es definiert, ist ein komplexer kultureller Zustand, mit dem es kaum einen gesunden Umgang zu geben scheint – aus offensichtlichen Gründen. Außer eben in Form von Memes. Über Detlef D. Soost. Zum Beispiel.

Memes – also digitale, viral verbreitete und immer neu kombinierte humoristische Inhalte – gibt es schon so lange wie das Internet. Als eines der ersten großen Internet-Memes gilt das GIF von einem tanzenden Baby aus dem Jahr 1996, damals noch per Mail-Weiterleitungen verbreitet. Was die kulturelle Herkunft von Memes angeht, so hatten englischsprachige Länder – vor allem die USA – in den ersten beinahe 30 Jahren des Internets ein humoristisches Monopol in Deutschland. Deutschsprachige Memes führten lange Zeit ein Schattendasein in den Facebook-Timelines von Mittvierzigern, in nischigen Subreddits oder auf eher semi-originellen Sprücheseiten. Sie galten entweder als cringy oder billig abgekupferte Plagiate englischsprachiger Originale. Zeigte man sie seinen Freund_innen, wurde man schnell als Normie bezeichnet und für seinen wenig raffinierten Meme-Geschmack belächelt.

Diese Zeiten sind vorbei. Seit Beginn dieses Jahres sprießen die deutschsprachigen Meme-Accounts nur so aus dem digitalen Boden: Sei es @galeria.arschgeweih, @deutschland.seine.promis, @deutschedings, @pedalobande, @strammememes oder @philipp_amthor_memes (ja, natürlich gibt es diese Seite) – all diese Accounts verzeichneten in den vergangenen Monaten ein derart rasantes Wachstum an Followern, dass Influencer grün werden vor Neid. Schaut man sich die Follower an, wird schnell klar, dass es sich nicht länger um die bisherigen Abnehmer deutscher Memes handelt. Nein, die Followerschaft besteht zum Großteil aus einer breiten Masse junger, hipper Digital Natives aus deutschen Großstädten.

Was hat sich verändert? Wie hat es dieses Meme-Genre geschafft, sich von der Peinlichkeit des Deutschseins zu befreien? Darauf gibt es zwei Antworten. Die erste liegt in der Peinlichkeit selbst. Denn hat man einmal anerkannt, wie cringeworthy die deutsche Popkultur eigentlich ist, dann kann man mit diesem Cringe arbeiten – und ihn selbst zum Thema machen. Es ist das Geheimrezept der meisten neuen Meme-Accounts, die sich an Promis wie Michael Wendler, Philipp Amthor oder Günther Jauch abarbeiten, Clips aus deutschem Reality-TV in einen neuen Kontext packen oder feststellen, dass Jimi Blue Ochsenknecht der deutsche Jaden Smith ist. Sie alle arbeiten mit dem Cringe des Deutschseins – und bieten uns so etwas, das uns kein Meme aus den USA bieten kann: Eine Komik, die uns für einen kurzen Moment von der Ernsthaftigkeit des Deutschseins befreit. Man nennt das auch Comic Relief. Die Ernsthaftigkeit besteht in Deutschland selbst. Und wenn wir uns mithilfe von Deutschland über Deutschland lustig machen, dann führt das zu einer Art humoristischer Heilsamkeit. So kann man diese merkwürdige deutsche kollektive Erfahrung – die eben vor allem auch aus Dingen wie GZSZ, Leberkäse und dem Tigerentenclub besteht –, ohne faden Beigeschmack adressieren.

Die zweite Antwort hat etwas mit dem Gefühl zu tun, gesehen zu werden. Es ist nur logisch, dass ein Meme möglichst relatable sein muss, um Erfolg zu haben. Es geht darum, eine komplexe kollektive Erfahrung humoristisch und simpel zu verpacken, damit möglichst viele Menschen denken ‘OMG, same’. Deshalb arbeiten sich viele Memes an sehr allgemeinen Erfahrungen ab: Man drückt zum zehnten Mal beim Wecker auf Snooze oder verbrennt sich den Mund an einer heißen Pizza. Man kennt es. Schafft es ein Meme jedoch, eine Erfahrung auszudrücken, die so spezifisch ist, dass du bisher dachtest, kaum jemand sonst versteht es – dann ist das etwas Besonderes.

Mit diesem Effekt arbeiten Accounts wie @justhauptstadtthings, @berlinclubmemes – oder eben auch @memesmunich, @hamburgwerbersupport oder sogar @darmstadt_memes. Vermutlich hat jede Region in Deutschland inzwischen irgendwo eine eigene Meme-Page. Sie alle arbeiten, anders als global relevante Memes, mit einer Verkleinerung des Radius: Schaut sich ein Münchner beispielsweise Memes über die Schanze in Hamburg an, versteht er gar nichts. So wird man als Mitwisser_in Teil eines relativ kleinen Kollektivs, das sich eben nicht mehr nur mit einer spezifisch deutschen Erfahrung auseinandersetzt, sondern mit einer spezifisch bayerischen oder sächsischen – oder eben einer, die nur für die Stammgäste bestimmter Clubs, Studierende bestimmter Unis oder Bewohner bestimmter Stadtteile gilt. Das schafft Mikrokosmen, in denen man sich humoristisch gesehen fühlt. Ein schönes Gefühl, das Memes bisher nur selten bieten konnten.

Es sieht ganz so aus, als wären deutsche Memes gekommen, um zu bleiben. Denn sie füllen eine Lücke, von der wir lange gar nicht wussten, dass sie existiert. Diese Lücke hat viel mit dem Deutschsein zu tun, aber eben nichts mit Deutschland als Nation. Es geht um dieses merkwürdige, kulturelle Konstrukt, das man nicht an Grenzen ausmachen kann – und das bei vielen jungen Menschen vor allem unbequeme Gefühle auslöst. Unbequeme Gefühle, für die wir jetzt ein Ventil gefunden haben. Denn – und das zeigt dieser Trend – es kann sehr schön und ziemlich witzig sein, sich mit dieser kollektiven Erfahrung auseinanderzusetzen. Ganz ohne Patriotismus und falschen Stolz, aber eben mit Humor.

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