Hindert dich deine Schüchternheit in der Social-Media-Welt wirklich am großen Erfolg?

Es scheint, als würde ein großes Online-Following heutzutage bedeuten, dass man einflussreich ist. Könnte es aber sein, dass sich das Blatt langsam wendet?

|
Nov. 6 2017, 1:57pm

Foto: Screenshot von Instagram

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der AU/NZ-Redaktion.

Von dem Augenblick an, als du dich Mitte der Nullerjahre an deinen riesigen iMac gesetzt hast, dein Selfie aus dem Fotoautomaten hochgeladen und deinen Beziehungsstatus auf deinem neuen MySpace-Profil bestimmt hast, hast du den Grundstein für deine Online-Präsenz gelegt. Das waren aufregende Zeiten, aber rückblickend muss man sagen, dass wir damals gerade erst gelernt haben, auf eigenen, digitalen Beinen zu stehen. Mehr als ein Jahrzehnt später sind die Einsätze um einiges höher. Wir mussten am eigenen Leib erfahren, dass es unmöglich ist, einmal hochgeladene Fotos wieder vollständig aus dem World Wide Web zu entfernen. Und wir haben auch bemerkt, wie viel Macht und Einfluss man haben kann, wenn man ein gutes Freundesnetzwerk hat; Instagram-Stars und Influencer bekommen heutzutage Jobs, Geschenke, Reisen und dürfen bei wichtigen Fashionshows in der Frontrow sitzen. Aber wie bei bei den meisten Dingen im Leben auch, so können manche Leute ihr Leben online einfach besser inszenieren als andere.


Auch auf i-D: Wir haben Paloma und ihre Girlscrew getroffen


Wenn also die Anzahl der Follower so wichtig ist, was genau sollen dann diejenigen tun, die weniger technisch affin, witzig oder fotogen sind als andere? Was heißt es für jemanden, der extrem schüchtern oder anderweitig beschäftigt ist oder einfach Angst davor hat, ein Selfie online zu stellen? Wenn man es nicht schafft, sich eine Armee aus Followern aufzubauen – gibt es dann nur Nachteile? Und falls ja, was genau kann man dagegen tun?

Um mehr darüber herauszufinden, haben wir uns mit Dr. Peggy Kern unterhalten, einer Dozentin der Positiven Psychologie, die sich damit beschäftigt, wie wir soziale Netzwerke in unser Leben integrieren. Die Wissenschaftlerin stimmt zu, dass es bei einer Generation, die nach einem kurzen Blick auf eine Instagram-Seite entscheidet, ob sie etwas cool oder total langweilig findet, Sinn ergibt, dass diejenigen mit einer starken Online-Präsenz und Tausenden von Freunden "in gewissen Situationen besser dastehen werden". Jeden Tag hören wir von Models, Musen, Künstlern und Musikern, die ihre Karriere einzig und allein Instagram verdanken. Es gibt tolle Geschichten wie die des Body-Positive-Models Paloma Elsesser, die von der legendären Make-up-Artist Pat McGrath über die App entdeckt wurde; oder Jake Levy, der auf seiner Seite von Katy England gefunden wurde; oder aber auch Slick Woods, einem unglaublichen Model, die dank Instagram groß rausgekommen ist.

Nach ein paar Gesprächen mit Casting-Agenten und Recruitern kommt aber das Gefühl auf, dass die Followerzahlen langsam nicht mehr als so wichtig betrachtet werden.

Es ist heutzutage einfach eine Tatsache, dass viele Kreativagenturen auf der Suche nach neuen Talenten auch auf die Followerzahlen der potenziellen Neuzugänge achten. Auch wenn das einem irgendwie nicht richtig vorkommt, legen viele Kunden großen Wert darauf, weil sie die Follower zu ihrem eigenen Vorteil nutzen wollen. Nach ein paar Gesprächen mit Casting-Agenten und Recruitern kommt aber das Gefühl auf, dass die Followerzahlen langsam nicht mehr als so wichtig betrachtet werden. Jon Duval, der die Duval Agency leitet, sagt, dass er das immer skeptischer sieht: "Ich sitze dann da bei Veranstaltungen in einem geheimen Raum, wo den Instagram-Influencern ein Drei-Gänge-Menü serviert wird, und weiß aber, dass die meisten von ihnen Hunderte von Euros gezahlt haben, um sich beispielsweise 10.000 Follower zu erkaufen. Das stört mich schon und zeigt nur, wie unwichtig diese Zahlen im Grunde sind. Wichtiger ist es, sich das Gesamtbild anzuschauen. Ich bevorzuge Leute, die sich alternative Ziele im Leben setzen".

Ähnlich sieht das auch Sunni Hart, die Folk Co. führt. "Viele der Talente, die ich in letzter Zeit recruite, finde ich auf Instagram, aber wenn ich jemanden finde, der wenige Fotos von sich und auch nur wenige Follower hat, weckt das sofort meine Neugier, weil es zur Abwechslung mal etwas anderes ist. Es gefällt mir, dass sie nicht total besessen von der Idee sind, immer mehr Follower dazu gewinnen zu müssen und sich nur darauf konzentrieren. Instagram zeigt einem vor allem die Leute, die ein Händchen dafür haben, sich selbst zu vermarkten und zu inszenieren. Das ist eine tolle Eigenschaft, aber nicht immer unbedingt das, wonach wir suchen", erklärt sie mir.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, herauszufinden, was dir selbst wichtig ist, und die beste Art und Weise finden, das auch online zu kommunizieren.

Außerdem sagt sie auch, dass der Eindruck, der einem durch Instagram-Accounts vermittelt wird, auch ziemlich irreführend sein kann: "Andererseits gibt es viele, die nicht annähernd so offen und gesellig sind, wie sie auf ihren Bildern rüberkommen. Die Leute haben einfach festgestellt, dass ein Account nicht immer eine wahrheitsgetreue Darstellung einer Person ist." Kurz gesagt: In der Branche sind viele skeptischer geworden.

Und wenn du eher zu der schüchternen Sorte gehörst, könnte es dir laut Peggy Kern helfen, zu einem "pro-sozialeren Nutzer" zu werden – zu jemandem, der die Plattform nutzt, um anderen zu helfen. Wie beispielsweise die 22-jährige Künstlerin Molly Williams, eine der vielen, die den Spieß umgedreht hat, um auf die zentralen Probleme ihrer Generation aufmerksam zu machen. Mit ihrem scharfzüngigen Account @feministthoughtbubble verbindet sie ihre fantastischen Skizzen mit Ideen, die auf intelligente Weise das analysieren, was sie für eine veraltete Kultur des tief sitzenden Sexismus hält. Damit zeigt sie nicht nur ihr besonderes Talent, sondern beleuchtet auch das Thema, um so die Diskussion voranzutreiben. "Die Leute fühlen sich von dieser positiven Energie angezogen, es ist einfach das komplette Gegenteil der komplett Ich-bezogenen Seite des Internets", sagt Peggy. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, herauszufinden, was dir selbst wichtig ist, und die beste Art und Weise finden, das auch online zu kommunizieren.

Eine interessante Persönlichkeit, eine gute Arbeitsmoral und eine geheimnisvolle Aura im echten Leben bleiben auch weiterhin Eigenschaften, die immer gut ankommen.

Es gibt aber auch viele kreative Leute, die ganz ohne Social Media zurechtkommen. Julia Nobis, eines der erfolgreichsten Models der Welt, ist auch ohne digitale Präsenz immer berühmter geworden. Man könnte sogar argumentieren, dass sie dadurch, dass sie teilweise geheimnisvoll geblieben und nicht alles von sich im Internet preisgegeben hat, Raum dafür gelassen hat, problemlos und authentisch zwischen den unterschiedlichen Rollen zu wechseln, die sie bei den Shootings und Modenschauen verkörpern muss. In einer Welt voller Kendalls, Bellas und Gigis, wo Instagram als wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit beschrieben werden kann, ist es ein Statement, wenn man der Plattform ganz bewusst fernbleibt.

Natürlich ist es OK, wenn du eine Social-Media-Präsenz hast, trotzdem musst du nicht verzweifeln, wenn du keine hast. Die Technologie entwickelt sich ständig weiter. Während Facebook, Instagram und Twitter eines Tages vielleicht von neuen Apps abgelöst werden, wo alle wieder bei Null Followern anfangen, bleiben eine interessante Persönlichkeit, eine gute Arbeitsmoral und eine geheimnisvolle Aura im echten Leben auch weiterhin Eigenschaften, die immer gut ankommen.