Dieser Hashtag wird deine Sichtweise auf "Sex and the City" für immer verändern

Kann man die Kultserie in unserer modernen Welt noch ohne Weiteres anschauen oder müssen wir sie mit Abstand betrachten? #WokeCharlotte nimmt sich diesem Zwiespalt an.

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Jan. 2 2018, 10:20am

Foto: Screenshot von Instagram

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion.

Frage: Welcher der Hauptfiguren in Sex and the City war sich ihrer gesellschaftlichen Situation bewusst?

A) Carrie – die Sexkolumnistin, die ausgefallene Kleidung geliebt und über ihre vielen Eroberungen geschrieben hat,
B) Samantha – die schonungslos offene und vergnügungshungrige PR-Frau,
C) Miranda – die ehrgeizige, androgyne Anwältin und Kurzzeit-Alleinerziehende oder
D) Charlotte – diejenige, die unbedingt heiraten wollte?


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Das ist eine Fangfrage, denn keine davon war es. Unter dem Hashtag #WokeCharlotte wird die Geschichte der vier Freundinnen umgeschrieben und keine Geringere als Charlotte York-Goldenblatt, die Möchtegern-Hausfrau in Pumps, zur Stimme der Vernunft, die wir uns immer in der Serie gewünscht haben. Fast 20 Jahre nach Erstausstrahlung realisiert man erst, wie problematisch das ganze Set-up der Serie eigentlich war. Dank des Hashtags wird dies nun öffentlich.

Wenn wir an Carrie zurückdenken, haben wir vermutlich eine modische junge Frau im Kopf, die in einem Tüllrock durch Manhattan läuft. Aber im Laufe von sechs Staffeln und zwei unglücklichen Filmadaptionen wurde klar, dass sich Carrie über die Sexleben von so ziemlich jedem auf unreife, ungebildete und herablassende Art und Weise äußerte. Für diese Erkenntnis sorgt der Instagram-Account @everyoutfitonsatc, auf dem der Hashtag #WokeCharlotte ins Leben gerufen wurde.

"Es fing als Insiderjoke zwischen Chelsea und mir an", erklärt uns Lauren, eine der Mitbegründerinnen des Instagram-Accounts. "Wir haben nie erwartet, dass es so groß werden würde. Aber wir freuen uns natürlich darüber."

Seitdem der Hashtag viral ging, hat sich sogar Schauspielerin Kristin Davis, die Charlotte York verkörpert, als Fan geoutet und kommentiert regelmäßig die Posts unter #WokeCharlotte. "Das war der Ritterschlag", sagt Chelsea.

#WokeCharlotte mag im ersten Moment vielleicht wie einer dieser lustigen Internet-Witze aussehen, doch der Hashtag ist viel mehr als das. Er steht für den Widerspruch, wenn es um unsere alten Lieblingsserien geht. Kann man sie in unserer modernen Welt noch ohne Weiteres anschauen oder müssen wir sie mit Abstand betrachten? Manche Dinge altern in Würde: wie Helen Mirren oder Mariah Careys "All I Want For Christmas Is You". Bei anderen Dingen wird hingegen nach mehreren Jahren Abstand klar, wie ignorant sie eigentlich waren. Wie Tatsächlich Liebe zum Beispiel. Oder Katy Perrys "You're So Gay" – der Versuch eines Hits. Und eben auch Sex and the City.

Damals galt die Serie über die vier Persönlichkeiten, die offen über ihre Sexualität sprechen und diese auch ausleben, nicht ohne Grund als bahnbrechend – das war sie auch. Aber rückblickend betrachtet, ist Sex and the City eben auch problematisch. Und das liegt nicht nur daran, dass 99 Prozent der Figuren darin reiche, weiße Menschen waren, auch wenn es einen großen Teil davon ausmacht. Hauptsächlich entzündet sich die Kritik an der Figur der Carrie Bradshaw.

Während Carrie in den 90ern und 2000ern als progressive und sex-positive Kolumnistin galt, die es mit einer wöchentlichen Kolumne geschafft hat, die Miete für ihre Ein-Raum-Wohnung in Manhattan zu bezahlen und ihren begehbaren Kleiderschrank zu füllen, wirken ihre Einstellungen aus heutiger Sicht ziemlich prüde und rückständig. Wer erinnert sich noch an die Szene, in der sie einen Politiker dafür verurteilt, dass er auf Natursekt steht? Oder als sie beim Brunch ihren Freundinnen ganz nebenbei erzählt, dass sie nicht an Bisexualität glaubt?

All das macht die Figur der Carrie problematisch, um Sex and the City in diesen politisch aufgeladenen Zeiten wirklich genießen zu können. Das ist schade, weil sich die Serie wunderbar für einen verkaterten Tag auf der Couch eignet. Zum Glück sorgt #WokeCharlotte dafür, dass Carrie und der Rest der Gang (fast) zu unseren Einstellungen im Jahr 2018 passen, zumindest in dieser neuen Form. "Leider gibt es noch so viel Material, mit dem wir arbeiten können", sagt uns Lauren zum Abschluss. "Wir haben uns noch nicht mal den zweiten Kinofilm vorgenommen."