So frei und innovativ war die Plakatkunst der russischen Avantgarde der 20er

Wir präsentieren einen Auszug aus dem neuen Buch "Filmposter der russischen Avantgarde" – über die kreativen und ausdrucksstarken Filmplakate aus der Sowjetunion vor Stalin.

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24 Oktober 2017, 9:15am

"Die Filmplakate der russischen Avantgarde aus der Mitte der 1920er-und den frühen 1930er-Jahren unterscheiden sich von allen je geschaffenen. War die Zeit kreativer Freiheit in der Sowjetunion auch nur kurz, so gehören diese aufsehenerregenden Bilder doch zu den brillantesten und fantasievollsten Filmpostern, die jemals geschaffen wurden. Die russischen Plakatkünstler bedienten sich derselben innovativen kinematografischen Techniken, die in den von ihnen anzukündigenden Filmen angewandt wurden: extreme Nahaufnahmen, außergewöhnliche Blickwinkel und dramatische Proportionen.


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Sie montierten ungleiche Elemente, beispielsweise Fotografie und Lithografie oder die Handlung einer Szene mit einer Figur aus einer anderen Szene. Sie tauchten menschliche Gesichter in grelle Farben, verlängerten und verzerrten Körperumrisse, verliehen Menschen Tierkörper und aus den Angaben zum Film wurden aufregende Designs. Es gab nur eine Regel: seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.

Die Revolution von 1917 änderte das Leben in Russland in jeder Hinsicht, politisch, sozial und künstlerisch. Die Kunst wurde zum mächtigen Werkzeug für die Gestaltung der Zukunft der neuen Republik. Losungen wie "Macht die Kunst zu einem Teil des Lebens" oder "Macht die Kunst zu einem Teil der Technologie" drückten die allgemein vertretene Ansicht aus, die Kunst könne das Leben in jeder Hinsicht verändern. Es war eine Zeit des künstlerischen Experimentierens in einer spannungsgeladenen Atmosphäre, die durch die radikalen Veränderungen in Kunst und Leben hervorgerufen wurde. Unterschiedliche Kunstrichtungen wie der Konstruktivismus und Realismus, Suprematismus und Kubofuturismus, Analytische Kunst und Proletarierkunst entwickelten sich nebeneinander, parallel und doch unvereinbar.

Berücksichtigt man, dass die Künstler häufig unter Zeitdruck arbeiteten, um die oftmals nahezu unmöglichen Terminvorgaben zu erfüllen, ist die Qualität der Plakate umso bemerkenswerter. Sowohl Wladimir Stenberg als auch Michail Dlugatsch erinnerten sich daran, dass es nichts Ungewöhnliches war, wenn sie um drei Uhr nachmittags einen Film gesehen hatten und sie das fertige Plakat um zehn Uhr am nächsten Morgen vorlegen mussten. Zudem befanden sich die Maschinen, auf denen die Plakate gedruckt wurden, in einem extrem schlechten Zustand; hinzu kam, dass auch die Technologie veraltet war. Die einzigen verfügbaren Druckerpressen stammten aus der Zeit vor der Revolution von 1917. Laut Wladimir Stenberg waren einige der Maschinen so klapprig, dass sie praktisch nur von Seilen zusammengehalten wurden.

Oft mussten die Künstler ein Plakat entwerfen, ohne den entsprechenden Film überhaupt gesehen zu haben. Vor allem bei ausländischen Filmen hatten sie sich häufig mit einer kurzen Zusammenfassung und Werbeaufnahmen aus Hollywood zu begnügen. Bedenkt man zudem, dass ihre Werke nach nur wenigen Wochen weggeworfen wurden, ist es umso erstaunlicher, dass sie bestrebt blieben, einen so hohen Standard aufrechtzuerhalten.

Acht Jahre nach Lenins Tod (1932) verfügte Stalin, dass sämtliche Kunstwerke den Maßgaben des "Sozialistischen Realismus" zu entsprechen hatten. Sowohl die Themen als auch ihre künstlerische Umsetzung mussten ein realistisches, mithin "idealistisches" Bild des sowjetischen Lebens getreu den kommunistischen Werten vermitteln. Stalins Dekret beendete die Epoche avantgardistischen Experimentierens, das die hier abgebildeten Plakate repräsentieren. Es mag Stalin gelungen sein, die Kreativität zu unterdrücken; zuvor entstanden jedoch einige der brillantesten Plakate, die die Welt je gesehen hat."

Den ganzen Essay und alle 250 Filmplakate findest du im neuen Buch "Filmposter der russischen Avantgarde", das bei TASCHEN erschienen und ab sofort erhältlich ist.

Credits


Fotos: via TASCHEN