"Frauen geben mir das Gefühl, dass meine Meinung etwas wert ist"

Die Künstlerin Isra Abdou erzählt von ihrem ereignisreichen Jahr und was sie am Berliner Lehrplan stört.

von Anna-Sophie Dreussi
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07 Januar 2020, 1:46pm

Foto: Bernardo Martins

Wenn man Isra Abdous Kunstwerke betrachtet, denkt man an Unverfrorenheit und Stärke. Sie ist eine der aufstrebenden Stimmen in der Berliner Kunstszene. An der UdK studiert die 24-Jährige Bildende Kunst auf Lehramt. Mit ihren Arbeiten wehrt sie sich gegen politische und patriarchale Grenzen – und erhielt im letzten Jahr zunehmend Anerkennung dafür. Plötzlich bekam sie Anfragen, Aufträge und wurde als Gast zu Panels eingeladen, zum Beispiel im Rahmen der Ausstellung Contemporary Muslim Fashions am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Auch in der neuen Nike-Kampagne ist sie zu sehen. "Dieses Jahr war so verrückt", steht unter einem ihrer Instagram-Bilder.

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Foto: Bernardo Martins

Über Instagram teilt sie auch ihre Kunst mit ihren Followern. "Ich bezeichne mich oft als Fastfood-Künstlerin. Alle haben ihr Smartphone immer bei sich und ein Foto ist schnell bearbeitet. Neben den Bildern von meinen Projekten poste ich auch Kunstwerke, die ich gezielt für Instagram mache." Doch unabhängig für welches Format sie ihre Werke schafft, ihre Kunst positioniert sich, nimmt Platz ein. "Ich wurde oft zu Panels eingeladen, nur weil ich ein Kopftuch trage. Zum Thema Neutralitätsgesetz zum Beispiel. Da werde ich als junge Frau und Künstlerin oft nicht ernst genommen. Kunst ist ein Weg, nicht ständig in Frage gestellt zu werden und eine Distanz aufzubauen", erzählt sie. “In erster Linie nutze ich meine Kunst, um mehr über mich selbst und mein Umfeld nachzudenken. Obwohl ich gerne und viel rede, komme ich oft mit Worten nicht weiter. Durch Kunst kann ich das Chaos in meinem Kopf visuell greifbarer machen."

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Eines ihrer Kunstwerke, das viele Menschen erreichte und eine Menge Aufmerksamkeit auf sie richtete, ist das REDA-Projekt, das vor zwei Jahren entstanden ist. Frauen verschiedener ethnischer Herkünfte tragen transparente Kopftücher und Turbane. Ihre Blicke bohren sich herausfordernd in die Betrachter_innen hinein. "Der wichtigste Gedanke dahinter ist, die Diskussion darüber zu eröffnen, dass man sich als muslimische Frau vor anderen Menschen rechtfertigen muss, egal ob mit oder ohne Verhüllung. Die Kritik und der Hass kommen von allen Seiten, von Rechten, Islamgegner_innen, Feminist_innen und sogar aus der eigenen muslimischen Community. All diese Menschen haben sich nicht einzumischen in die Beziehung zur Kleidung oder Verhüllung einer Frau. Ob und wie eine Frau ein Kopftuch trägt, ist allein ihre Sache."

Weibliche Selbstermächtigung ist ein Thema, das sich durch viele Arbeiten der 24-Jährigen zieht. Nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in ihrem Leben nehmen Frauen eine entscheidene Rolle ein. "Frauen geben mir das Gefühl, dass meine Meinung etwas wert ist. Sie hören mir zu und verstehen mich – viel mehr als das Männer tun würden."

Für das Kunstprojekt Under Pressure spannte sich Isra Gummibänder über den Kopf. Die Bänder entstellen ihr Gesicht und nahmen ihr die Möglichkeit zu sehen. Die Inspiration dahinter eine Hausmittel-Tradition, die sie von klein auf mitbekommen hat: ein Hausmittel gegen Migräne. "Bei keinem anderen Kunstprojekt habe ich so viele Nachrichten von Leuten bekommen, die mir sagten, dass sie das Gefühl kennen. Schon seit ich klein war, haben wir uns zu Hause bei Migräne immer ein Tuch eng über die Schmerzpunkte gespannt. Wenn man es wegnahm, löste sich der Druck und man fühlte sich besser", erklärt sie. "Jedes Band repräsentiert eine andere Verpflichtung, die Druck auf mich ausübt. Nachdem eine Freundin das Foto von mir gemacht hatte, nahm ich mir die Gummibänder vom Kopf und fühlte mich erleichtert."

Über diesen Druck macht sich Isra auch im Kontext ihrer Ausbildung Gedanken. Sie selbst hat ihr Abitur 2014 gemacht. Wenn sie auf ihre Schulzeit zurückblickt, hat sie das Gefühl, dass sie nichts von dem, was sie gelernt hat, nachhaltig für ihr Leben nutzen kann. Eine Klassenarbeit jagte die nächste und dabei blieb kaum Zeit, einfach nur Kind zu sein. “Ich habe einfach was gegen den Leistungsdruck; dass man Schüler_innen nicht das Gefühl geben kann, in Ruhe lernen zu können. Das ist wirklich so eine Art Bulimie-Lernen", sagt Isra. “Ich würde mir wünschen, dass das Schulsystem viel freier wäre. Man vergisst, dass das immer noch Kinder vor einem sind. Man will alle Informationen in sie reinstecken, damit sie so schnell wie möglich auf dem Arbeitsmarkt sind." Als angehende Lehrerin findet sie es schwierig, diese Mentalität vor Schülern zu vertreten. "Die Kinder sagen dann: ‘Ich weiß gar nicht, was mir Kurvendiskussion bringen wird im Leben.' Als Lehrperson kann man gar keine Antwort geben außer: ‘Vielleicht studierst du später etwas in Richtung Mathe oder Physik. Das wirst du dann brauchen.' Aber trotzdem gibt es einen NC, der sich aus allen Noten zusammensetzt., deine eigene Person geht dabei verloren."

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Isra ist in Berlin aufgewachsen und hat hier eine Heimat. Das Neutralitätsgesetz verbietet es ihr jedoch, mit Kopftuch zu unterrichten. Was bedeutet es, in einer Stadt zu Hause zu sein, die einen wichtiger Freiheiten beraubt? “Es ist seltsam, aber vor allem traurig. Ich mag die Menschen hier sehr gerne und diese Stadt ist mir wirklich wichtig. Man fühlt sich allerdings schon verraten, weil sie dir einen Stempel auf die Stirn zwingen möchte, den ich mir nie ausgesucht habe. Berlin ist längst nicht so tolerant, wie man von außen meinen mag." Ihre Auffassung spiegelt die Kernmotive ihrer Kunst wider: Selbstbestimmung und Akzeptanz. Doch diese ziehen sich nicht nur durch ihre Arbeiten, sondern haben auch einen wichtigen Stellenwert in ihrer Rolle als Lehrerin. "Das, was ich über Schüler_innen gesagt habe, ist auch das, was ich über Hijabis, Frauen, PoC, BPoC, LGBTQ+, Drag Queens und alle anderen sagen möchte. Lass einfach die anderen Leute machen und glücklich werden. Dir nimmt niemand etwas von deiner eigenen Freiheit weg."

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