From left: Photo by Gie Knaeps/Getty Images; Photo by ARNAL/GARCIA/Gamma-Rapho via Getty Images; Photo by PIERRE VERDY/AFP via Getty Images

Jean Paul Gaultiers legendärste Mode-Momente

1976 präsentierte das ‚Enfant terrible‘ seine erste eigene Kollektion. Jetzt launcht die erste Ready-to-wear-Line ohne ihn. Es ist das Ende einer Ära.

von Eilidh Duffy
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01 Juni 2021, 4:04pm

From left: Photo by Gie Knaeps/Getty Images; Photo by ARNAL/GARCIA/Gamma-Rapho via Getty Images; Photo by PIERRE VERDY/AFP via Getty Images

Das Modehaus Jean Paul Gaultier launcht nach einer sechsjährigen Pause eine neue Ready-to-Wear-Line. Der "Maestro des Chaos", wie ihn die Journalistin Georgina Howell in den frühen 90er Jahren nannte, hat vor 16 Monaten aufgehört für sein eigenes Label zu arbeiten, was bedeutet, dass die neuen Entwürfe ohne Jean Pauls Einfluss entstanden sind. Stattdessen ist die Kollektion von seinem Team entwickelt worden und der Hilfe einiger der angesagtesten Designer wie etwa Palomo Spain, Ottolinger, Nix Lecourt Mansion, Alan Crocetti und Marvin M'Toumo.

Jean Paul Gaultier ist für sexy Matrosenmode bekannt geworden, für Unterwäsche, die als Oberbekleidung getragen wird und ganz allgemein gesprochen dafür, sich niemals einer Norm unterworfen zu haben. Er war einer der ersten, der seine Models divers gecastet hat, Geschlechterstereotype hinterfragte und sogar eine ganze Kollektion - Spring 1997 Read-to-Wear- dem Kampf gegen Rassismus widmete. Unter dem Namen "Fight Racism" zeigte der Designer grafische Prints von jungen Antifaschisten mit politischen Slogan auf der Brust. Gaultier hat schon immer Tabus gebrochen und die französische Modewelt mit seinen exzentrischen Kreationen auf den Kopf gestellt. Gerade in einer Zeit, in der Vintage-JPG Mode beliebter als je zuvor ist, könnte es daher kein besseres Timing für eine neue Ready-to-Wear-Line geben. 

Obwohl Jean Paul bei der Entwicklung der Kollektion nicht mehr beteiligt war, wurde mit Florence Tétier, die nun als Kreativ- und Markendirektorin fungiert, eine interessante Nachfolgerin gefunden. Florence ist außerdem die Mitbegründerin und Grafikdesignerin des Novembre Magazin. In einem Interview mit WWD beschrieb Antione Gagey, General Manager von JPG, den Relaunch als eine Gelegenheit „Jean Paul Gaultier, seine Werte, sein Archiv und seine Geschichte zu feiern.“ 

Und wie könnten wir das Lebenswerk des Enfant terrible der Modewelt besser zelebrieren, als mit einer Rückschau auf seine spektakulärsten Mode-Momente. Vive Gaultier!

Madonna wearing a Jean Paul Gaultier with a conical bra cup
Photo by Gie Knaeps/Getty Images

Madonnas Korsett für die "Blond Ambition"-Tour, 1990

Als Jean Paul Gaultier 1989 von einem Assistenten erfuhr, dass Madonna um ein Treffen gebeten hatte, ging er zunächst von einem Scherz aus. Allen war bekannt, dass der Designer von der Sängerin fasziniert war. Doch schon wenig später kam es zu einer Zusammenarbeit für Modonnas "Blonde Ambition"-Tour, auf der sie mit dem berühmten Kegel-BH für einen provokanten Auftritt sorgte, der in die Modegeschichte eingegangen ist. Alle ihre Bühnenoutfits spielten mit Gaultiers Lieblingsthema "Maskulin-Feminin“. Zu dem roséfarbenen Korsett mit spitzen, trichterförmigen Körbchen, entwarf Jean Paul, inspiriert von der verstorbenen ‚Königin des Pariser Punk‘ Edwige Belmore, einen Nadelstreifenanzug. Mehr 80er-Jahre-Maskulinität als der Anzug war kaum möglich. Das BH-Korsett hatte Gaultier sechs Jahre zuvor bereits in seiner AW84/85 Kollektion gezeigt, weltberühmt wurde es allerdings durch Madonnas spektakulären Bühnenauftritt. 

A model walks a runway in a head-to-toe Jean Paul Gaultier houndstooth bodysuit
Photo by PIERRE GUILLAUD/AFP via Getty Images

Der von Leigh Bowery inspirierte Bodysuit mit Hahnentrittmuster, 1991

2018 erzählte Jean Paul in einem Interview mit i-D, sein Leben immer „ the London way” geführt zu haben. Für ihn bedeutet das, „seinem eigenen Stil zu vertrauen, seine Kreativität auszuleben und sich von allen gesellschaftlichen Zwängen zu befreien und nur zu tun, was er wirklich möchte". Zurück in Paris ließen sich nur wenige von dieser Lebenseinstellung begeistern, was ihn nicht davon abhielt, sie zum Motto für alle seine Designs zu machen. Schon seine Jugend hatte Jean Paul in legendären Londoner Nachtclubs wie dem Blitz und Heaven verbracht und dort eine entspannte Haltung zum Leben kennen und lieben gelernt. In dieser Zeit begegnete er auch dem Performance-Künstler Leigh Bowery, der ihn zu einem Bodysuit mit Hahnenmuster inspirierte -  Alexander McQueen griff das Design später in seiner AW09 Kollektion auf und Gareth Pugh in seiner SS07 Show.

A older, beared man walks the runway in a look that resembles the clothes worn by Hasidic Jewish men on the Sabbath
Photo by PIERRE GUILLAUD/AFP via Getty Images

Die 'Chic Rabbis'-Kollektion, 1993

Für seine Herbst/Winter Show 93/94 ließ sich Jean Paul Gaultier von der traditionellen Kleidung chassidischer Juden inspirieren und nannte die Kollektion "Chic Rabbis“. Zu den Klängen eines Geigers, flanierten die Models in schwarzen Anzügen und mit Shtreimels über den Laufsteg.

Natürlich war die übliche Riege der Supermodels bei der Show vertreten, aber Jean Paul entschied sich, auch einen älteren bärtigen Mann auftreten zu lassen. In den 80er und 90er Jahren wurde der Designer immer mehr für sein diverses Casting bekannt. "Ich bin von starken Persönlichkeiten fasziniert, von Menschen, die mir auf der Straße durch ihren Stil auffallen“, erzählte Gaultier 2014 in einem Interview. „Nur einen Typ von Mädchen zu casten, wäre ein Fehler. Dagegen kämpfe ich schon seit langem. Es gibt nicht nur eine Art von Schönheit. Wenn ich ein großes Mädchen zeige, zeige ich immer auch ein kleines.“ Legendär ist seine Anzeige in der französischen Tageszeitung Libération, in der er nach "untypischen" Models suchte und schrieb, dass „Schönheitsfehler niemanden davon abhalten sollen, sich zu bewerben.“

A model wearing mesh tattoo printed look from Jean Paul Gaultier's Les Tatouages
Photo by ARNAL/GARCIA/Gamma-Rapho via Getty Images

Das Tattoo-Top, 1993

1993 schrieb die Vogue über Gaultiers SS94 Kollektion, sie sei „eine verblüffende Vision interkultureller Harmonie.“ Obwohl wir heute einige Looks eher als anmaßend bezeichnen würden, ist es sicherlich eine Vision der historischen Hybridisierung. Damals zeigte er zum ersten Mal seine berühmten Mesh-Oberteilen, zu denen er sich bei einer Tattoo-Convention inspirieren ließ und die immer noch zu seinen begehrtesten Designs gehören. Die Show hatte auch Bezüge zu Punk und Grunge, wobei man sich immer wieder fragen muss, wie er es geschafft hat, all diese Referenzen in einer Kollektion zu vereinen. 

Björk and Jean Paul Gaultier at the designer's AW94 show
Photo by Pierre Vauthey/Sygma/Sygma via Getty Images

Björk!, 1994

Jean Pauls prominente Freunde enden nicht mit Madonna. Ein Jahr nachdem Björks erstes Soloalbum erschien, das sie passenderweise Debut nannte, besuchte sie die AW94/95-Show des Designers. Wie von JPG nicht anders zu erwarten, war die Show ein Mischmasch aus verschiedenen Stilen und fantasievollen Looks wie etwa dem Arktiskleid. Die Models stöckelten über einen verschneiten Laufsteg (auf dem Kate Moss fast gestolpert wäre), ausgestattet mit einer Menge Pelz, Seide, Wolle und Leder.

A model wearing in dot-printed Jean-Paul Gaultier bodysuit
Photo by PIERRE VERDY/AFP via Getty Images

Der Op-Art-inspirierte Catsuit, 1995

Zwei Frauen rasen auf einem Motorrad über den Laufsteg. Eine von ihnen steigt ab und klettert ein Gerüst hinauf zu einem DJ-Pult. So begann Jean Pauls AW95 ‚Mad Max‘ Show. Da er während des Designprozesses gleichzeitig die Kostüme für Luc Bessons legendären Film Das fünfte Element entwarf, in dem Bruce Willis und Milla Jovovich gegen eine kosmische Macht kämpfen, ließ sich Jean Paul von Sci-Fi inspirieren. Die Bodysuits, die von Victor Vasarelys Op-Art-Gemälden inspiriert sind, wurden zum Highlight der Show. Auch Kim K und Cardi B haben sich in der Vergangenheit bereits als Fans der Designs geoutet und sind sicherlich mitverantwortlich dafür, dass die Kollektion wieder stark gefragt ist.

A model stands on a runway, wearing a Jean Paul Gaultier couture gown with a ship headpiece
Photo by Daniel SIMON/Gamma-Rapho via Getty Images

In dem Promovideo für die neue Ready-to-Wear-Line von JPG trägt Bella Hadid ein rotes Schiff auf dem Kopf. Dieses Schiff wurde bereits während der Haute Couture SS98 Show gezeigt und soll an das Zeitalter der Aufklärung erinnern. Von Europa aus segelten Forscher um die ganze Welt, um neue Länder „zu entdecken“ und zu erobern - das Schiff ist daher auch als Anspielung an den Kolonialismus zu verstehen. Oft wird gesagt, dass Mode, wie wir sie heute kennen, erst während der Aufklärung entstanden ist. Als eine neue Form der Selbstdarstellung, die plötzlich auch für die Masse zugänglich wurde. Daher ist diese Zeitperiode doch das ideale Thema für eine Modenschau.

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