"Kids of the Diaspora" zeigen die wahre Vielfalt Österreichs

Das Wiener Label ist zu einer Bewegung geworden, die sich für Repräsentation, Liebe und Gemeinschaft einsetzt

von Marieke Fischer
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30 November 2018, 3:38pm

Aufgeben ist leicht. Es ist leicht die Nachrichten auszublenden und Scheuklappen aufzuziehen. Es ist leicht zu hoffen, dass sich schon irgendwer anders darum kümmern wird, unsere Umgebung zu einer aufgeschlossenen, gerechten und liebevollen Gesellschaft zu wandeln. Und auch wenn jede*r von uns diesen Reflex kennt – Leni Charles hat sich dagegen entschieden. Gegen Lethargie, gegen Ignoranz. Stattdessen für das Stärken einer empathischen Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, komme was wolle. Diese Gemeinschaft findet sich zusammen unter dem Namen Kids of the Diaspora, das Label von Leni und ihrer Schwester.


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Kids of the Diaspora ist aber viel mehr, als ein klassisches Bekleidungslabel. Es ist zu einer internationalen Bewegung geworden, die das Konzept "Minderheiten" dekonstruiert und eine Plattform bietet für kreativen Austausch, persönliche und politische Anliegen. Die 28-Jährige realisiert hier, was ihr in ihrer eigenen Kindheit und Jugend fehlte: Repräsentation. Aufgewachsen in einem wenig diversen Dorf in Österreich, als Tochter eines Yoruba aus Nigeria, stieß sie auf viele Hindernisse. Doch diese räumt sie nun weg und öffnet die Türen für eine starke Zukunft des Miteinanders:

Das Bild auf den Straßen Wiens scheint wenig divers – ist das ein richtiger Eindruck?
Sagen wir mal so: Wien ist definitiv die Stadt mit der größten Diversity Österreichs! Ich finde es immer schwierig, Wien mit anderen internationalen Städten zu vergleichen. Wo fängt man da am besten an? Ich bin nicht in Wien aufgewachsen, sondern in einem Dorf in Niederösterreich. Mein Vater wiederum lebt in New York, wo ich auch viel Zeit verbracht habe. Das heißt, beide Extreme sind für mich total natürlich. Wie divers Wien nun auf einer Skala von Leopoldsdorf bis New York ist, hängt immer davon ab in welcher Blase man sich befindet. Von meiner Bubble aus betrachtet, ist Wien sogar sehr divers, allerdings ist meine persönliche Wahrnehmung durch mein Umfeld geprägt. Es ist auch relevant, in welchem Bezirk du durch die Straßen läufst.

Mein liebster Außenbezirk ist der zehnte, "Wien X", hier bin ich zum Gymnasium gegangen. Der Bezirk hat seinen eigenen Vibe und eine ganz bestimmte Realness. Hier treffen die unterschiedlichsten Menschen aus allen Schichten und Ländern auf die absoluten Urwiener, dementsprechend eklektisch ist auch die Atmosphäre.

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Zwischen Dorfjugend, dem Großstadtleben in New York und deiner Wahlheimat Wien liegen Welten – wie war es für dich in diesem Mix aufzuwachsen?
"Schön war die Zeit, aber nicht immer leicht. Wenn man ein Kind ist, möchte man wachsen, bis man die Sterne am Himmel erreicht" – eine Zeile aus dem Titellied meiner liebsten Kindersendungen Eine fröhliche Familie und beschreibt dieses Gefühl ganz gut. Ich bin im Dorf aufgewachsen, meine Schwester und ich waren die einzigen dunkelhäutigen Kids mit afrikanischen Wurzeln. Rassistische Meldungen von anderen Kids haben zur Tagesordnung gehört. Meine alleinerziehende Mutter beschützte uns wie eine Löwin, die Stimme meines Vaters kannte ich nur durchs rote Schnurtelefon. Als wir dann in die Stadt gezogen sind, wurde es besser, da ich endlich auf Gleichgesinnte traf.

Gab es einen bestimmten Schlüsselmoment, in dem du beschlossen hast Kids of the Diaspora zu gründen?
Einen Schlüsselmoment gab es nicht, ich trage das Gefühl, die Idee, die Werte schon lange in mir. Es gibt so viele Erlebnisse, die meine Freunde und ich erfahren mussten: Einige waren lustig, die meisten davon traurig, beängstigend und ernüchternd. Wenn man sich dann miteinander austauscht und die Sätze "Story of my life ..." oder "I feel you" hört, wirkt es sehr erleichternd und verständnisvoll. Du musst dich nicht erklären, rechtfertigen, behaupten. Du kannst einfach nur du sein und dich zugehörig fühlen.

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Das sogenannte "Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz", Racial Profiling (wie man im viralen Video des Rappers T-Ser sehen konnte) und der große Einfluss der FPÖ. In Österreich kommt ein sehr rechter Wind auf – wie nimmst du das momentane politische Klima wahr?
Leider fühlen sich aufgrund der politischen Lage viele dazu ermutigt oder gar aufgefordert, rassistische Aktionen zu bringen. Von den Gravierendsten hören wir dabei aber in den seltensten Fällen ... Deswegen bin ich auch sehr stolz auf T-Ser und seine Crew und bin dankbar, dass sie mit ihrem Mut ein Zeichen gesetzt haben. Es gibt auch wieder die Donnerstag Demos, die es vor einigen Jahren bereits gab, während einer ähnlichen politischen Lage. Es ist leider eine ewige Vorwärts- und Rückwärtsbewegung. Ich würde mir wünschen, dass sich das Schwarz-Weiß-Denken auflöst und wir einen neuen Zugang zueinander finden.

Und was ist hier die Rolle von Kids of the Diaspora?
Eine friedensstiftende. Wir agieren im Sinne des friedlichen Zusammenlebens und setzen auf das Empathievermögen. Außerdem wollen wir die "Kids" (egal wie alt) daran erinnern, dass sie in uns einen sicheren Hafen gefunden haben, wenn sie einen brauchen. Jederzeit.

Uns schreiben Menschen aus aller Welt, dass sie froh sind Kids of the Diaspora entdeckt zu haben, weil sie sich so sehr damit identifizieren können. Egal woher sie kommen. Es geht um Empathie, Einfühlungsvermögen, Selbstreflexion. Es ist eine liebevolle Homage an all' die Kids da draußen, die sich verloren fühlen. Die jetzt stärker sind, bei sich selbst stehen und der jüngeren Generationen ein Vorbild sein wollen. Unsere Botschaft: "We are closer to each other than we think. We are everywhere. We are one."

Inwiefern definierst, identifizierst du dich als ein Kind der Diaspora?
Meine Mentalität ist zu 100% Kids of the Diaspora. Was das bedeutet? Wir verstehen uns, ohne viel sagen zu müssen. Wir sehen alle anders aus, aber denken gleich. Wir sind strebsam, weil wir uns immer beweisen mussten.

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Kommt es manchmal vor, dass du die Hoffnung verlierst und nicht mehr weiter kämpfen magst?
Ich verliere nie die Hoffnung, aber überlasse auch nichts dem Zufall. Wir können so viel bewirken. Natürlich habe ich Ängste. Wenn mich mal die Motivation verliert, gehe ich boxen. Mein Onkel ist mein Boxtrainer. Er hat mir beigebracht, dass man sich seinen Ängsten stellen muss und vor allem immer wieder ein Stück über sich hinausgehen soll. Solange du wächst, stirbt die Hoffnung zuletzt.

Deine Crew und du gehen mit einem guten Vorbild voran. Was können wir alle tun, um etwas in der Gesellschaft zu verändern?
Sensibel kommunizieren. Oft sind Worte zu schnell und zu scharf und entzünden im Handumdrehen einen Streit. Weniger reden, mehr fühlen. Sich selbst abchecken, bevor man andere zurechtweist. Man muss lernen die eigenen Aktionen zu reflektieren, die der anderen zu verstehen und zwischenmenschlichen Beziehungen einen Wert zu geben, in dem man genauer hinsieht und hinhört. Um zu erkennen, dass wir uns gegenseitig brauchen und gemeinsam viel mehr erreichen als umgekehrt.

Was wünschst du dir für die nächste Generation?
Dass sie mit Liebe umgehen lernt. Und keine Angst hat, diese zu teilen.

@kidsofthediaspora

Credits


Fotos: Miguel Vera Casso und Marcus Riggs
Art Direction: Leni Charles
Styling Direction: Ilija Milicic